Seit den Herbstferien steigt die Zahl der Corona-Erkrankungen an Schulen in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Was kommt mit der vierten Coronawelle auf die Schulen im Land zu? Wir haben Stefan Brockmann gefragt. Er ist Epidemiologe und ein zentraler Ratgeber der Landesregierung.

Stuttgart - In den Schulen wächst die Nervosität wegen Corona. Mit dem Epidemiologen im Landesgesundheitsamt haben wir über die hohen Fallzahlen bei Schülern, Omikron und Weihnachten gesprochen.

 

Herr Brockmann, bundesweit ist die Corona-Inzidenz drei Tage gesunken und jetzt wieder gestiegen. In Baden-Württemberg flacht die Kurve ab. Wie sind die Chancen, dass wir den Scheitelpunkt der vierten Welle erreicht haben?

Ob der Höhepunkt vorbei ist, weiß man erst hinterher. Tatsächlich verlangsamt sich in Baden-Württemberg das Infektionsgeschehen. Die Fallzahlen wachsen zwar noch, aber die Inzidenzen steigen nicht mehr in dem Tempo, wie wir es Anfang November hatten.

Mittlerweile gibt es die ersten Omikron-Fälle im Südwesten. Wie gefährlich ist die neue Variante?

Beunruhigend ist, dass sie sehr viele Mutationen besitzt, dass sie den Impfschutz schwächen und die Übertragbarkeit steigern könnte. Ob es am Ende so kommt, ist aber noch offen. Ob eine Omikron-Variante sich gegen die bisher vorherrschende Delta-Variante durchsetzen wird, ist auch noch unklar. Klar ist, dass wir Schutzmaßnahmen ergreifen müssen.

Laut RKI weisen die Fünf- bis Neunjährigen und die Zehn- bis 14-Jährigen mittlerweile die höchsten Infektionszahlen aller Altersgruppen auf. Die Fallzahlen sind doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Was sagen diese Zahlen über das Infektionsgeschehen an Schulen auch in Baden-Württemberg?

Dass die Kinder und Jugendlichen bundesweit etwa doppelt so hohe Inzidenzen haben wie die Erwachsenen, gilt schon seit einigen Wochen. In Baden-Württemberg liegen die Werte für Kinder und Jugendliche etwa bei tausend – die Landesinzidenz insgesamt ist etwas über 500. Dieses Verhältnis ist bei uns stabil, in Landkreisen mit niedriger Inzidenz genauso wie in Hotspots. Wir unterscheiden uns da aber stark vom Bundestrend, der im Moment stark von der Entwicklung in vier bis sechs Ländern getrieben wird: Dort sind die Inzidenzen von Kindern und Jugendlichen zuletzt sehr stark angestiegen und zwei- bis dreimal so hoch wie bei uns. Diese Dynamik gab es im Land Anfang November. Aktuell haben Baden-Württemberg und auch Bayern zwar nach wie vor hohe Fallzahlen, aber die Dynamik nimmt ab, und der Anteil der Coronafälle bei Kindern und Jugendlichen ist sogar etwas gesunken – von 33 bis 34 auf knapp dreißig Prozent. Wir sehen in Baden-Württemberg nicht, dass Kinder und Jugendliche die Corona-Entwicklung zunehmend beherrschen.

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In der dritten Coronawelle waren die Schulen keine Treiber der Pandemie. Stimmt die Aussage heute noch?

Kinder haben schon einen erheblichen Anteil am Infektionsgeschehen. Deshalb sind wir dankbar, dass es wieder eine Maskenpflicht im Unterricht gibt. Das hilft, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Wissen muss man aber auch, dass die „Dunkelziffer“ in dieser Altersgruppe geringer ist als bei den Älteren, weil die Schülerinnen und Schüler das am besten getestete Kollektiv sind.

Glücklicherweise kommen Infizierte in diesem Alter sehr selten ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation. Wie viel Gewicht hat in Ihren Analysen, dass sie vulnerablere Erwachsene in ihrer Familie anstecken können?

Es wäre falsch zu sagen, dass mit den Kindern und Jugendlichen die vierte Coronawelle steht oder fällt. Sie haben die meisten Kontakte untereinander, aber natürlich können Infektionen von der Schule in die Familien gelangen. Es bleibt wichtig, dass um die Schüler herum möglichst alle geimpft und geboostert sind und dass die Kinder über zwölf Jahre zügig geimpft werden.

Bund und Länder haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie verschärft. Niemand will Schulen schließen. Aber gehört die Möglichkeit dazu in den Instrumentenkasten der Pandemiebekämpfung der nächsten Wochen?

Fernunterricht und Wechselunterricht gehören in den Instrumentenkasten. Aber auch ich bin überzeugt, dass man zuerst in allen anderen Bereichen Kontakte reduzieren muss. Nur wenn es tatsächlich allgemeine Lockdowns mit Beschränkungen aller Art gibt, wird man die Schule nicht mehr komplett außen vor lassen können. Aber das kommt erst zum Schluss.

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Ministerpräsident Kretschmann sagt, die Kontakte müssten um 70 bis 90 Prozent reduziert werden, um die vierte Welle zu brechen. Kann die Eindämmung der Pandemie mit so drastischen Kontaktreduzierungen ohne Lockdown der Schulen rein mathematisch funktionieren?

Ich glaube nicht, dass Schulschließungen das Zünglein an der Waage werden. In Baden-Württemberg gehen wir aktuell in eine Seitwärtsbewegung mit Corona. Ob das nachhaltig ist, müssen wir abwarten. Aber die Verlangsamung ist da. Was wir bisher gemacht haben, wirkt: Bei der Gesamtbevölkerung steigt die Impfquote langsam, und bei den Schülern relativ schnell. Da müssen wir noch einmal draufsatteln.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Schulen im Land regulär in die Weihnachtsferien gehen – ohne Schließungen und ohne dass das Quarantäneregime vorher verschärft werden muss?

Davon gehe ich aus.

Reicht Ihr Optimismus auch für die reguläre Rückkehr zum vollen Präsenzunterricht nach dem Ende der Weihnachtsferien am 10. Januar?

Ja, denn als Epidemiologe habe ich den R-Wert – also den Reproduktionswert – im Blick. Der nähert sich der Eins und läuft nicht mehr von ihr weg. Wir waren schon mal bei 1,5 und sind jetzt bei 1,1. Anders als im Sommer müssen wir jetzt nicht mit einer Reisewelle und vielen importierten Coronafällen rechnen. Die Schulen sind heute mit Maskenpflicht besser dran als vor drei Wochen. Außerdem gelten in allen anderen Bereichen strengere Regeln als damals. Das lässt mich hoffen, dass das Coronageschehen sich nicht wieder verschlechtert und die baden-württembergischen Schulen im Januar normal starten können.

Persönlich

Funktion
Stefan Brockmann ist leitender Medizinaldirektor im Landesgesundheitsamt und der Landesepidemiologe.

Bedeutung
Damit ist Brockmann einer der zentralen Ratgeber von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Sozialminister Manfred Lucha bei allen Weichenstellungen zur Coronabekämpfung in Baden-Württemberg.