Hühner, Puten und Enten mussten die vergangenen Monate in den Ställen verbringen – jetzt dürfen viele wieder raus. Foto: dpa

Das Land Baden-Württemberg hat in vielen Kreisen die Stallpflicht aufgehoben, aber die Experten geben noch keine Entwarnung. Mehr als eine Million Tiere in Geflügelbetrieben wurden bundesweit getötet.

Stuttgart - Viele Menschen nehmen das gewaltige Ausmaß der Vogelgrippe, die sich im November 2016 entwickelt hat, kaum wahr. Dabei spricht das Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems von einer Epidemie „nie zuvor gekannten Ausmaßes“ in Deutschland und Europa; auch der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft sieht den „schwersten jemals in Deutschland registrierten Ausbruch der Geflügelpest“. Das mangelnde Interesse der Öffentlichkeit liegt vermutlich an zwei Dingen. Zum einen ist das Virus H5N8 noch nie auf den Menschen übergesprungen, zum Glück. Zum anderen blieb Baden-Württemberg einigermaßen verschont. Isabel Kling, die Sprecherin des Agrarministeriums in Stuttgart, sagt zum bisherigen Verlauf im Land: „Wir hatten Glück. Es musste kein einziges Tier aus Geflügelbetrieben getötet werden.“ Ausnahme waren 90 Vögel im Luisenpark in Mannheim im Oktober; dort handelte es sich aber um einen anderen Subtyp des Erregers.

Für eine Bilanz ist es noch zu früh. Aber die Zahl der bundesweit gefundenen infizierten Wildvögel ging zuletzt von 60 auf 35 pro Woche zurück, in Baden-Württemberg wurde zwischen dem 2. und 16. März gar keine Ansteckung mehr bekannt; die jüngsten Tage sind noch nicht ausgewertet. Dennoch sagen alle unisono: eine Entwarnung sei noch nicht möglich. „Ob der Rückgang anhält, lässt sich nicht abschätzen“, betont Elke Reinking, die Sprecherin des Löffler-Instituts. Sorge bereitet den Experten vor allem, dass sich zuletzt in Niedersachsen fünf neue Ausbrüche in Putenbeständen ereignet haben. Dabei hofften eigentlich alle, dass mit den wärmeren Temperaturen und mit dem Ende des Vogelzuges die Epidemie ausklingt.

Das Virus stirbt bei warmem Wetter und hoher UV-Strahlung schnell ab; und wenn alle Zugvögel zurück in ihrer Heimat sind, kann das Virus nicht mehr neu eingeschleppt werden. Wie gewaltig die Epidemie in ihrer Ausdehnung und in der Menge der betroffenen Tiere ist, zeigen einige vorläufige Zahlen. Das Virus kam aus Südostasien und dann über Zugvögel aus Russland nach Europa; 26 Länder sind hier betroffen. Allein in Deutschland mussten in gut 80 Betrieben mehr als eine Million Hühner, Puten und Enten getötet werden. Bei den Wildvögeln ist das wahre Ausmaß nicht bekannt, aber H5N8 sei „das aggressivste Vogelgrippen-Virus, das man je gesehen hat“, sagt Isabel Kling. Fast 50 Arten sind betroffen. Teilweise sterben die Tiere binnen weniger Stunden an inneren Blutungen.

Fast 50 Wildvogelarten sind von der Epidemie betroffen

Baden-Württemberg hat, wie manche andere Bundesländer auch, die Stallpflicht mittlerweile gelockert. Entlang des Bodensees, des Rheins, des Mains und der Donau sowie an einigen Seen bleibt die Stallpflicht bis zum 20. April bestehen; es gilt ein Korridor von 500 Metern. In anderen Landkreisen wurde das Verbot, Geflügel im Freiland zu halten, aufgehoben. Nicht nur die Tiere, auch die Züchter wirken befreit: Denn die finanziellen Schäden liegen laut Friedrich-Otto Ripke, dem Präsident des Zentralverbands, bisher bei 40 Millionen Euro in Deutschland. Begründet sind sie in den hohen Schutzmaßnahmen und im Einnahmenverlust – durch die Stallpflicht dürfen etwa Eier nur als günstigere Eier aus Bodenhaltung verkauft werden.

Die Vogelgrippe gibt es schon seit Jahrhunderten, aber sie trat zuletzt immer häufiger auf. Agrarminister Peter Hauk (CDU) will deshalb in einer Task Force prüfen lassen, wie man künftigen Epidemien noch wirksamer begegnen könnte. Eine Schwachstelle seien Hobby-Vogelhalter, die oft nicht die Möglichkeit haben, ihre Tiere ausreichend zu schützen. Sie sollen mehr Unterstützung erhalten.

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