Thomas Hoerz aus Stuttgart arbeitet als Entwicklungshelfer in der autonomen Region Somaliland – eine Abspaltung der Republik Somalia. Den Viehzüchtern zu helfen, das ist sein Job.
Hargeisa - Wenn Thomas Hoerz mit dem Linienflug aus Dubai, Addis Abeba oder Nairobi kommend auf dem Flughafen von Hargeisa in Somaliland landet, geht er von der Propellermaschine zum winzigen Terminal. Er passiert Visa-Schalter und Passkontrolle, holt sein Gepäck und nimmt sich ein Taxi oder lässt sich vom Fahrer der Welthungerhilfeabholen, seinem Arbeitgeber. „Alle hier sind freundlich und gelassen“, sagt Hoerz. „Ich sage ‚Galab Wanaagsen‘, das heißt ‚Guten Abend‘. Somalis mögen es, wenn man etwas von ihrer Landessprache kann, auch die Zollbeamten.“ Zwar gebe es einige bewaffnete Sicherheitsbeamte am Airport, aber im Vergleich zum waffenstarrenden Mogadischu, der Hauptstadt der Republik Somalia, sei das in Hargeisa „alles entspannt und gefahrlos“.
Die mangelnde Sicherheit in Somalia, einem im Prinzip seit dem Fall des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 zerrütteten Staat, ist für UN-Blauhelme ebenso wie für humanitäre Helfer ein großes Risiko, Kidnapping und Anschläge sind dort an der Tagesordnung, Milizen und die islamistische Terrorgruppe Al-Shabaab schüren die Gewalt, machen das Land zur No-go-Area für Touristen und Investoren. Das kleine Somaliland, das sich nach dem Sturz von Siad Barre sofort abspaltete und für autonom erklärte, ist anders – ein Sonderfall.
Das Land mit der Hauptstadt Hargeisa hat sich eine eigene Währung, Landesfahne, Verfassung, Polizei und sein eigenes demokratisches System geschaffen. Sein größtes Problem: Kein Staat in der Welt hat es bisher anerkannt. Viele der fünf Millionen Einwohner haben neben dem somaliländischen Pass einen weiteren, etwa aus Äthiopien oder Somalia.
Thomas Hoerz, der zuvor in Krisenländern wie Afghanistan, Nordkorea, Myanmar und Südsudan tätig war, arbeitet seit 2018 als Büroleiter für die Welthungerhilfe in Hargeisa – und er spricht respektvoll von der Leistung Somalilands: „Die Regierung ist stabil. Das Land hat in 28 Jahren seit der Unabhängigkeit von Somalia vier demokratische Machtwechsel mit normalen Wahlen erlebt.“ Es gebe drei Parteien im Staat, die relativ frei tätig seien. In den beiden Volksvertretungen – es existiert ein Parlament und eine Ältestenkammer, in der die Clans vertreten sind – haben Frauen und Männer gleichermaßen das Rederecht. Die Vertretung der Clans ist von hoher Bedeutung am Horn von Afrika.
Eigene Verfassung, eigene Landesfahne, eigene Polizei
Auch die Welthungerhilfe muss bei ihrer Arbeit im Land die Interessen der Clans strikt beachten: In den Programmen müsse der Verdacht, ein Clan werde bevorzugt, unbedingt vermieden werden, sagt Hoerz. „Wenn an der Grenze von Clangebieten nur einer der ‚Anrainer‘ mit einer Projektaktivität bedacht wird, gibt es Konflikte. Die sind aber stets friedlich gelöst worden.“ Auch bei der Zusammenstellung seines Teams – 65 Einheimische arbeiten für die Welthungerhilfe in Somaliland – muss Hoerz streng auf eine ausgewogene Clanzugehörigkeit achten.
In 30 Stunden eiskaltem Regen verendete das Vieh zu Hundertausenden
Zu tun gibt es für die Welthungerhilfe genug. Die Hauptprobleme des Landes sind Khatt und der Klimawandel. Da ist zum einen die Abhängigkeit vieler Männer von der Blätterdroge Khatt, die das öffentliche Leben und das Arbeiten am Nachmittag praktisch zum Erliegen bringt. Und da ist der Klimawandel mit seinen extremen Wetterlagen, die einen semiariden Landstrich treffen, der im Prinzip keine Flüsse kennt, sondern nur temporär Wasser führende Trockentäler, die Wadis.
Die jüngsten Unwetter in Ostafrika, die massive Überflutungen brachten, haben Somaliland nur gestreift. Aber die Unberechenbarkeit des Wetters hat zugenommen. Für 2020 wird wieder eine Dürre erwartet. „Ältere Nomaden erzählen, dass früher alle paar Jahre mal eine der zwei Regenzeiten ausgefallen sei. Heute gibt es fast kein Jahr mehr mit zwei normalen Regenzeiten.“ Und immer öfter verstreiche ein Jahr ohne Niederschläge.
Hoerz sitzt noch der Wetterschock in den Knochen, den er im Mai 2018 mit dem Zyklon Sagar erlebte: 30 Stunden lang fiel ein eiskalter Regen auf den Nordwesten Somalilands. In einer Nacht starben 58 Menschen, 330 000 Stück Vieh verendeten – zumeist wegen Unterkühlung. „Wir mussten Hunderte von Leuten einstellen, um die Kadaver zu begraben. Wir haben Decken verteilt und per Tankwagen sauberes Trinkwasser in die Dörfer gefahren“, sagt Hoerz. Das Vieh – vor allem die Ziegen- und Kamelzucht – sind die Lebensgrundlage von Somaliland. 70 Prozent der Ausfuhrerlöse kommt vom Lebendvieh, das in arabische Länder exportiert wird. Der Schutz der Weidegebiete vor Erosion und Überweidung ist daher eine Kernaufgabe der Welthungerhilfe im Kampf gegen den Hunger, ebenso wie das Problem des Abholzens für die Holzkohleproduktion. Seit 18 Jahren sind die Deutschen im Land aktiv.
Gemüseanbau – das ist Neuland für die Viehnomaden
Der Boden ist so hart, dass er Niederschläge kaum aufnimmt. Wenn es regnet, führen die Wadis nur ein paar Stunden lang Wasser. Mit dem Bau von Trockenmauern auf den Weiden oder einer Terrassierung versuchen die Somalis die Bodenerosion zu stoppen. Die Welthungerhilfe organisiert die Gemeinschaftsaufgabe nach dem Prinzip von „Cash for Work“ – sie zahlt den Arbeitern fünf Euro am Tag. Zur Ernährungssicherung gehört auch das Graben von Brunnen und das Werben für den Gemüseanbau: Für ein Volk von traditionellen Viehnomaden sei der Anbau von Tomaten, Mais und Sorghum echtes Neuland – eine Generationenaufgabe, sagt Hoerz: „Aber in zehn Jahren hat sich der Gemüseanbau verzehnfacht. In Städten wie Baki oder Ruqi im Nordwesten hat er für bescheidenen Wohlstand gesorgt.“
Hat Hoerz einen Termin außerhalb von Hargeisa, lässt er sich von einem Polizisten begleiten. Das sei eher eine „Einkommen schaffende Maßnahme“ für die unterbezahlte Polizei, denn das Land sei sicher und friedlich. Mit der autonomen Region Puntland, einem östlicher Nachbar, hatte Somaliland in der Vergangenheit aber Grenzstreitigkeiten. Die islamistischen Al-Shabaab sind in Somaliland erfolgreich an Anschlägen gehindert worden. Es gibt Gerüchte, wonach sie den Kleinstaat als Rückzugs- und Erholungsort nutzen und daher „keinen Ärger“ machen. Hoerz lebt in einem Haus mit kleinem Garten, wo er mit Kameldung als Dünger, den der Nachbar schubkarrenweise anlieferte, Dill, Basilikum und Koriander zieht. Von Meerrettichbäumen, den Moringa-Bäumen, kommt derzeit ein Überangebot an Blattgemüse.
Der Entwicklungshelfer lebt 45 Wochen des Jahres im Ausland
Hargeisa sei eine Boomtown geworden, mit Shoppingmalls und zwölfstöckigen Häusern, sagt Hoerz: 45 Wochen des Jahres arbeitet der Entwicklungshelfer, der aus Reichenbach an der Fils stammt und in Hohenheim Landwirtschaft studierte, im Ausland. Die Arbeit dominiert sein Leben. Dass seine Frau seine „berufliche Leidenschaft“ akzeptiere, dafür sei er sehr dankbar. Natürlich freue er sich beim Heimaturlaub in Stuttgart-Rohracker am meisten auf sie. „Und was mir an profanen Dingen in Afrika fehlt, sind die Butterbrezeln.“ Er müsse öfter zu internationalen Konferenzen nach Addis oder Nairobi – aber Brezeln gebe es selbst dort nicht.