Gut zu schlafen ist eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Leben. Doch bei vielen Menschen regiert Schlafmangel den Alltag. Foto: Mauritius

Schlaf könnte das einfachste Mittel sein, den Alltag entspannter zu machen – eigentlich. In vielen Kulturen wird er jedoch wenig geschätzt. Beginnt jetzt der Wandel?

Berlin - Als der schwedische Möbelkonzern Ikea seinen Kunden 2015 verbot, in den Betten und auf den Sofas der chinesischen Filialen zu schlafen, änderte sich – nichts. Bis heute isst und trinkt man in China auf Ausstellungsstücken, sieht fern, schlüpft für ein kleines Nickerchen unter die Decken. Die Schweden mussten sich damit abfinden – China ist einer ihrer stärksten Wachstumsmärkte. Und im Reich der Mitte gibt es etwas, das in westlichen Ländern nur schwer vorstellbar scheint: ein verfassungsmäßiges Recht auf einen Mittagsschlaf. Die Chinesen nutzen es, wo sie können.

 

Schlaf ist oft die einfachste, sicher aber die natürlichste und preiswerteste Form der Entschleunigung. Im warmen Bett entspannt sich unser Körper; im Dunkeln lassen wir unser Tages-Ich und die Außenwelt hinter uns; versinken – je nach Schlafphase und -tiefe – in der gedanklichen Leere oder in unseren Träumen. Im Schlaf festigt sich unser Gedächtnis, unsere Zellen regenerieren sich, unser Immunsystem wird gestärkt – alles lebenswichtige Funktionen. Warum schlafen die Deutschen dann statistisch gesehen immer weniger, derzeit 6,5 Stunden täglich? Wissen wir zu wenig über die Wechselwirkungen zwischen Schlaf und Gesundheit, Arbeit, dem geistigen und sozialen Leben sowie der Wirtschaftskraft unseres Landes?

Japaner schlafen oft unterwegs

Wie, wann und wo wir schlafen und welchen Stellenwert Schlaf für uns hat, ist kulturell bedingt. In vielen asiatischen Ländern ist das Schläfchen in der Öffentlichkeit gesellschaftlich akzeptiert. Japaner sind es von klein auf gewohnt, in engen, hellhörigen Wohnungen oder unterwegs zu schlafen. Sie nutzen Fahrten in Bus und Bahn, Arbeitspausen, ja sogar Unterricht, Meetings und Konferenzen für ihren Inemuri genannten Wachschlaf. Die Kunst dabei besteht darin, nur so leicht zu schlafen, dass sie die richtige Haltestelle nicht verpassen, oder wach werden, wenn es um ihr Thema geht. In Japan heißt es: „Wer tagsüber schläft, war nachts besonders fleißig.“ Und nicht wie bei uns: Zu faul? Zu lange gefeiert?

Japanerinnen sind darauf trainiert, beim Inemuri auf keinen Fall mit dem Kopf in Richtung eines männlichen Sitznachbarn zu sinken. Für Indonesier dagegen ist das kein Problem. Der englische Ethnologe Nigel Barley schrieb 1988 in einem Reisebericht über eine Busreise auf Sulawesi: „Wie bei einem Haufen Vettern oder einem Wurf Hundebabys verflochten sie die Beine und betteten ihren Kopf auf die Brust des Nachbarn. Leute, die einander offensichtlich fremd waren, räumten sich Kuschelfreiheiten ein, um zu schlafen.“

Schlafstörungen weit verbreitet

Laut DAK-Gesundheitsreport 2016 leiden etwa 80 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland zumindest phasenweise an Schlafstörungen. 2009 waren es nur 40 Prozent. Als gestört empfinden wir unseren Schlaf jedoch erst, wenn wir mehr als viermal pro Nacht länger als fünf Minuten wach sind; bis zu 23-mal pro Nacht für ein paar Sekunden aufzuwachen ist Schlafforschern zufolge normal. Erkenntnisse über die gesundheitlichen und sozialen Folgen von Schlafmangel und die Vorzüge des Mittagsschlafs dringen langsam über Medienberichte, Ärzte, Schlafcoaches und Entspannungsgurus bis in unsere Privatwohnungen, ins deutsche Gesundheitssystem, bis in Unternehmen und die Politik vor. Noch allerdings treten Spitzenpolitiker nach nächtelangen Verhandlungsmarathons scheinbar frisch vor die Kameras – und prägen damit falsche Ideale.

Wir wissen, dass unser Schlafmangel zum Großteil selbst verschuldet ist. Dennoch schlafen wir in überheizten Räumen, auf zu harten oder zu weichen Matratzen, nehmen uns Arbeit mit nach Hause und schalten zu spät (oder gar nicht) Fernseher, Smartphone oder Tablet aus – deren Blaulichtanteil gehört zu den wichtigsten Schlafkillern. Um Körper und Geist aufs Schlafen vorzubereiten, sollte man spätestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen keinen Sport mehr treiben, ein paar angenehme Rituale einführen,um Probleme aus dem Kopf zu bekommen – etwa eine Tasse Tee trinken, ein paar Seiten lesen und ein bisschen Tagebuch schreiben. Verzeihen, dankbar sein, die Verantwortung abgeben hilft auch. Wer jetzt ans gute, alte Beten denkt, liegt gar nicht so verkehrt.

Ruhe vor den Kindern

Übrigens schlafen einer Umfrage der US-amerikanischen National Sleep Foundation zufolge in den meisten großen Industrieländern nur zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung nackt. In Großbritannien sind es etwa 30 Prozent. Dort bietet das Fitnessunternehmen David Lloyd unter dem Namen Napercise auch einen Kurs an, in dem die Teilnehmer 45 Minuten in Betten mitten in einem Fitnesscenter schlafen. Die Hauptzielgruppe: gestresste Eltern, die zu Hause keine Ruhe finden. Und die ihre Schlaflöcher mit hohem Kaffee- und Zuckerkonsum aufzufüllen versuchen.

Langfristig kann das ziemlich schiefgehen. Die Gefahren: Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Herzschäden, Magen-Darm-Probleme und Depressionen. Müde Menschen verursachen zudem häufiger Haushalts- und Verkehrsunfälle. Die deutsche Wirtschaft kostet die Übermüdung von Mitarbeitern pro Jahr etwa 200 000 Arbeitstage – das macht rund 57 Milliarden Euro. Das ergab 2016 eine Studie der Forschungsorganisation Rand Europe.

Den Schlaf optimieren

Wer nur nachts schläft, hat tagsüber zwischen 13 und 15 Uhr ein Tief. Da bietet sich dann vielleicht ein Nickerchen zur Erholung an (siehe Kasten). In echten „Nickerchen-Kulturen“ ist der Nachtschlaf dann indes meist kürzer als in westlichen Acht-Stunden-Kulturen – die Gesamtschlafdauer ähnelt sich jedoch weltweit.

Bevor die Elektrizität die Nacht zum Tag machte, schliefen unsere Vorfahren nachts in zwei Blöcken von etwa vier Stunden. In den ein, zwei Stunden dazwischen lasen sie, erzählten einander Geschichten, empfingen Nachbarn, zeugten Kinder oder beteten. Experimente haben gezeigt, dass auch die heutigen Menschen, wenn sie über mehrere Wochen täglich 14 Stunden in kompletter Dunkelheit verbringen, wieder diesen vorindustriellen Zwei-Phasen-Schlaf annehmen.

Die Optimierung des eigenen Schlafs könnte in Zukunft wohl zu einem zentralen Pfeiler der Gesundheitsvorsorge werden. Mediziner, Soziologen und viele Ökonomen sind sich einig, dass Übermüdung das neue Übergewicht wird. Unser Grundproblem ist: Je mobiler wir werden, desto mehr des fehlenden Nachtschlafs müssten wir tagsüber nachholen, auch in der Öffentlichkeit – zum Beispiel in Schlafkapseln, wie sie jetzt schon an großen Flughäfen stehen, aber auch in Bussen, Büros und auf Parkbänken. Schlaf wäre dann kein Privatissimum mehr. Es muss ja trotzdem nicht gleich der Schoß des S-Bahn-Nachbarn sein – oder das Musterbett von Ikea.