Entscheidung in Weiß-Blau Sechs Gründe, warum die Bayern-Wahl so besonders ist

Von Paul Kreiner 

Das Ziel aller bayerischen Wahlkämpfer: das Maximilianeum, der Sitz des bayerischen Landtags. Foto:  
Das Ziel aller bayerischen Wahlkämpfer: das Maximilianeum, der Sitz des bayerischen Landtags. Foto:  

Am Sonntag wählt Bayern sein neues Parlament. Na und? In zwei Wochen wählt Hessen. Dennoch: Die Wahlen im Freistaat sind was Eigenes. Wir sagen, warum.

München - Knapp 9,5 Millionen Bayern sind am Sonntag zur Wahl aufgerufen. 18 Parteien und Wählergruppen haben 1923 Kandidaten nominiert. Nach den jüngsten Umfragen sind CSU, Grüne, Freie Wähler, SPD und erstmals die AfD sicher im Landtag, FDP und Linke müssen bangen. Doch kurz vor der Bayern-Wahl ist den Demoskopen zufolge jeder zweite Wahlberechtigte noch unentschlossen.

Die Bayernwahl ist so besonders, weil...

... sie im stärksten Land der Republik stattfindet

Bayern allein erwirtschaftet fast ein Fünftel (18,2 Prozent) des gesamten deutschen Bruttoinlandsprodukts. Das ist zwar weniger als Nordrhein-Westfalen (21,2 Prozent), aber Bayern hat auch weniger Einwohner (13 gegen 17,9 Millionen). Rechnet man also pro Kopf und Nase, dann liegt die Wertschöpfung in Bayern mit 45.810 Euro sehr deutlich über den 38.645 Euro in Nordrhein-Westfalen. Mit anderen Worten: Wertvoller oder/und effizienter beziehungsweise profitabler arbeiten also die Bayern. Unter den Flächenstaaten führt der Freistaat diese Rangliste unumstritten an. Das gleiche gilt für die Arbeitslosenzahlen. Vollbeschäftigung herrscht in allen sieben Regierungsbezirken. Selbst in der EU könnte Bayern als ökonomische Großmacht durchaus alleine überleben. Mit seinen 691,5 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt liegt es an siebter Stelle der EU-Länder – hinter den Niederlanden, aber vor Schweden, Polen, Belgien, Österreich, Irland etc. (Zahlen von 2017).

... Bayern ein Sonderfall der Demokratie ist

Normalerweise ist Wechsel das Wesen der Demokratie. In Bayern aber regiert seit 1957, seit 61 Jahren also, immer ein und dieselbe Partei. So etwas gab’s in keinem anderen Bundesland. Der einzige Betriebsunfall war die Legislaturperiode 2008–2013. Da verlor die CSU ihre wohl genetisch grundgelegte absolute Mehrheit und kam ohne Koalitionspartner nicht aus. Zum Tanz bat sie da die FDP, und diese bezahlte das Experiment mit ihrem parlamentarischen Tod. Das hatte für die CSU die recht bequeme Folge, dass sie – wie in den Jahrzehnten zuvor – auf keinerlei Koalitionspartner Rücksicht nehmen oder sich gar zu Kompromissen herablassen musste. (Was nicht heißt, dass die eigene innerparteiliche Diskussion immer ein Zuckerschlecken war. In den Anfängen etwa. „Mia samma katholisch. Was dad’n de ganz’n Evangelisch’n bei uns?“) Aber was heißt „demokratischer Sonderfall“? Markus Söder nennt Bayern ein „Musterland der Demokratie“. Über seinen Begriff von Demokratie denkt man also besser nicht näher nach. Im übrigen hat Gerhard Polt das Entscheidende zum Thema längst gesagt: „Mia brauchan koa Opposition, weil mia san schon Demokrat’n.“

... Bayern ein Sonderfall des Parteiensystems ist

Bayerns Politik wird in Bayern gemacht. Das ist nicht selbstverständlich, denn die regierenden Parteien in sämtlichen anderen Bundesländern haben ihre Zentrale in Berlin und ihre Regionalverbände in den anderen Ländern. Das heißt: sie sind in bundespolitische Loyalitäten, in länderübergreifende Parteidisziplin, in Solidaritätsverpflichtungen oder – im Zweifel – in Kommandostrukturen von außen eingebunden. Die CSU Bayern, die auch mächtig Wert darauf legt, kein Landesverband der größeren CDU-Schwester zu sein, ist von niemandem abhängig. Was im Rest der Republik passiert und ob womöglich die Berliner Regierung zusammenkracht, kann ihr wurscht sein; Hauptsache, sie kriegt – wie zuletzt Horst Seehofer im Asylstreit – ihre eigensinnigen, eigenständigen bayerischen Positionen durch. Bayern und Bund: Da wedelt der Schwanz mit dem Hund.

... Markus Söder gleich mehrfach rekordverdächtig ist

Der Spitzenkandidat der regierenden CSU ist erst seit 16. März, also seit ziemlich genau sieben Monaten, Ministerpräsident. Wenn die Umfragen nicht zur Gänze falsch liegen, wird er trotz der teuersten Wahlgeschenke aller weiß-blauen Zeiten wohl das niedrigste Wahlergebnis für seine Partei seit 1954 einfahren. Daraus könnte folgen, dass Markus Söder auch als der Landesvater mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte eingeht: Die CSU hat schon Spitzenkandidaten mit einem Wahlergebnis von 43,4 Prozent in die Wüste geschickt: Günther Beckstein, im Jahr 2008. Söder liegt aktuell bei 35 Prozent. Immerhin könnte man ihn als Bayerns größten Ministerpräsidenten im Gedächtnis behalten: Söder misst eigenen Angaben zufolge 1,94 Meter Körperhöhe und übertrumpft – natürlich, wieder einmal – seinen Amtsvorgänger Horst Seehofer: um genau einen Zentimeter. Söder ist übrigens sogar größer als Ludwig II. Der Neuschwanstein-Bauer und bayerische „Märchenkönig“ blieb bei mickrigen 1,91 Metern Höhe stecken.

... Bayern so wahnsinnig sympathisch ist, worldwide

So viele Touristen, wie Bayern anlockt, kriegt kein anderes Bundesland. 37,28 Millionen Besucher und 94,37 Millionen Übernachtungen waren es 2017. Auf Bayern allein entfiel 2017 ein Fünftel (20,5 Prozent) des bundesdeutschen Tourismus. Der Abstand zu den anderen ist gewaltig: Baden-Württemberg als Zweitplatzierter angelt sich gerade mal 11,5 Prozent, ein Neuntel also. Das Münchner Oktoberfest ist weltweit eine eigene Marke und eine unübertroffene Attraktion. Auch bei der Zuwanderung aus anderen Bundesländern wird Bayern von niemandem übertroffen, was zunehmend Wachstumsprobleme in „Boomtown München“ und kaum mehr tragbaren Siedlungsdruck gerade im idyllischsten Teil Bayerns, im Alpenvorland, mit sich bringt. Dieselben Leute, die man als Touristen so wahnsinnig gern beherbergt, die stören enorm, wenn sie als Rentner dauerhaft bleiben wollen. Alter bayerischer Witz: Was haben a Preiß‘ und ein Storch gemeinsam? Große Klappe und Drang nach Süden.

... diese Wahlen am 14. Oktober, 18 Uhr, vorbei sein werden

Es ist ja auch Zeit. Seit Jahren liefert sich Markus Söder mit Horst Seehofer eine verlustreiche und nervenzehrende Schlacht um die Macht. Seit Herbst 2015 fährt Horst Seehofer abwechselnd einen Kollisions- und einen Kuschelkurs mit Kanzlerin Angela Merkel. Mal tritt er so halb zurück, mal kündigt er’s an, mal nimmt er einen Rücktritt zurück. Letzter Stand: Als Parteichef will er auch bei einem Wahldesaster – seinem zweiten nach der Bundestagswahl 2017 – weitermachen. Haken schlägt Seehofer nach Belieben; nicht mal mehr die eigenen Leute können ihm noch folgen. Die Partei ist’s müde. Sie ist ausgelaugt. Und alle sind froh, wenn am Sonntag Abend endlich klare Verhältnisse herrschen und danach in aller Ruhe regiert werden kann. Da ist’s schon wurscht, wer mit wem koaliert. So lange es nicht Die Linke und die AfD sind. „Gott mit Dir, du Land der Bayern“, zitiert Horst Seehofer die Nationalhymne gerne. Das Land wird’s brauchen.

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