Nach langem Ringen und hitzigen Diskussionen beschließt der Gemeinderat von Korntal-Münchingen: Die Eltern entscheiden, ob ihr Kind den Ganztagsunterricht besucht oder nicht.
Selten kommt es vor, dass eine Sitzung des Gemeinderats so gut besucht ist, dass weitere Stühle von draußen hermüssen. So geschehen am Donnerstagabend im Korntaler Rathaus: Der Andrang war riesig. Mehr als 30 Mütter und Väter verfolgten Tagesordnungspunkt eins: Wird der Ganztagsunterricht an den Grundschulen in Korntal und Münchingen vom Schuljahr 27/28 an verpflichtend eingeführt oder in Wahlform – und in welchem Umfang?
Die meisten Stadträte folgten dem Vorschlag der Stadtverwaltung: Die pädagogischen Konzepte an der Teichwiesenschule Korntal und der Flattichschule Münchingen werden in Wahlform auf Grundlage des Zeitmodells drei Tage à sieben Stunden weiterentwickelt. Vom Tisch war damit das Anliegen der Münchinger Schulleiterin Claudia Winker, Ganztag verpflichtend einzuführen.
Für beide Ganztagsschul-Modelle gibt es Pro und Kontra
Noch in der Sitzung des Ausschusses für Verwaltung und Soziales sah es für den Antrag des Freien Wählers Marco Schradetzki, der das Ansinnen Winkers unterstützt, nicht schlecht aus: Vier Ausschussmitglieder stimmten zu. Drei waren dagegen, fünf enthielten sich. Das Votum war aber bloß eine Empfehlung an den Gemeinderat.
Die CDU-Fraktion war stets dafür, den Eltern die Wahl zu lassen. Familienfreundlichkeit bedeute, „dass Eltern die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, welche Lösung für ihr Kind am besten geeignet ist“, sagte der Vorsitzende Oliver Nauth. Ein flexibles Modell entstehe, das die Vielfalt der Lebensentwürfe respektiere und individuelle Entscheidungen ermögliche, ohne den Anspruch auf Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit aus den Augen zu verlieren.
FDP-Chef Peter Ott sagte, ein verbindlicher Ganztag wäre ein starker Eingriff, böte aber auch viele Chancen wie eine höhere Qualität durch Rhythmisierung. „Anscheinend sind wir im Ort noch nicht so weit.“ Betreuung bis 17 Uhr hält Ott für zwingend.
Weite Wege zwischen Korntal und Münchingen
Stephan Haag (SPD) machte darauf aufmerksam, dass Kinder nicht so einfach die Schule wechseln können, sollten die Eltern unzufrieden sein: Dafür seien die Wege zwischen Korntal und Münchingen zu weit. Albrecht Gaiser (Grüne) möchte „ein Modell, das offen für weitere Entwicklung ist“. Zudem wolle er eine „beständige Einbeziehung der Eltern“. Paul Blank (Freie Wähler) sagte, er wolle es keinem Elternteil nehmen, Zeit mit seinem Kind zu verbringen.
Sein Fraktionskollege Schradetzki erneuerte seine Forderung pro verpflichtenden Ganztag in Münchingen. Der gleiche aus, was zuhause oft fehle. Auch kritisierte er, man mache sich von einer nicht repräsentativen Umfrage abhängig, an der nur 44 Prozent der Elternhäuser teilgenommen hätten, und von einigen E-Mails von Eltern, die gegen die Pflicht seien. Schradetzki als auch Anna-Lena Beiermeister (CDU) riefen alle Beteiligten dazu auf, nun an einem Strang zu ziehen.