Der Einsatz des Herbizids Glyphosat ist auch in Stuttgart hoch umstritten. Foto: dpa-Zentralbild

Bundesinstitute stellen sich gegen die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation, dass Glyphosat krebserregend sein könnte. Im Rathaus hat man aber vor, es aus Stuttgart weitgehend zu verbannen.

Stuttgart - Bei den Umweltschützern ist das Herbizid Glyphosat schon lang verpönt – jetzt schickt sich auch die Stadt Stuttgart an, sich „glyphosatfrei“ zu machen. An diesem Donnerstag wird der Gemeinderat dazu Beschlüsse fassen. Kurz davor hatte der Bauernverband Stuttgart die Aufregung um das Herbizid und seine angeblich schädlichen Wirkungen als völlig unnötig kritisiert.

Nach einer Wiederaufnahme eines zwei Jahre alten Antrags der Fraktion SÖS/Linke-plus soll das städtische Weingut nun 2018 versuchen, auch in den schwierig zu bewirtschaftenden Terrassenweinbergen auf das Herbizid zu verzichten, hat der städtische Wirtschaftsausschuss schon am 10. März beschlossen. Die Verkehrsbetriebe SSB und die städtische Hafengesellschaft sollen den Einsatz von Glyphosat an von Pflanzen bewucherten Schottergleisen reduzieren und Alternativen suchen. Pächtern soll die Glyphosatnutzung in Kleingärten und Streuobstwiesen nicht mehr erlaubt sein. SÖS/Linke-plus und die Grünen wollen die Auflagen noch ausdehnen auf verpachtete Äcker und Obstplantagen – zumindest bei Pächterwechseln. Dem Vernehmen nach arbeiten beide Fraktionen an einem Änderungsantrag, wonach Betroffene auf Glyphosat verzichten und im Gegenzug finanzielle Hilfen erhalten sollen.

Bundesinstitut hält die Gefahr für „überschätzt“

Aber im Gemeinderat gibt es, vor allem bei der CDU und den Freien Wählern, auch die Ansicht, dass die Gefahren von Glyphosat überzeichnet werden. Das Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) teilt diese Ansicht. „Das Pflanzenschutzmittel ist weder krebserregend oder entwicklungstoxisch noch hat es erbgutverändernde Eigenschaften“, sagte Gaby-Fleur Böl vom BfR auf der Mitgliederversammlung des Bauernverbands. Sie stellte sich damit gegen die Annahme der internationalen Agentur für Krebsforschung, die das Mittel als vielleicht krebserregend eingestuft hatte. Böl sprach von einer „überschätzten Gefahr“ für Menschen. Das Risiko eines Stoffes sei immer auch davon abhängig, wie stark der Mensch ihm ausgesetzt sei.

Sie ging auch auf die Debatte ein, die vor zwei Jahren in der Fachwelt und der Öffentlichkeit über Glyphosat in der Muttermilch geführt wurde. „Das war natürlich ein sensibles Thema. Wir haben herausgefunden, dass die Glyphosatmenge dann bedenklich wird, wenn das Kind während seiner Stillzeit täglich 4000 Liter Muttermilch trinkt“, sagte Böl. Die Gefahr sei also zu hoch eingeschätzt worden. Aber bis das BfR zu diesem Resultat gelangt sei, habe sich die Angst längst in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Klaus Brodbeck, Kreisvorsitzender des Bauernverbandes, sieht auch keine Gefahr. „Wir benutzen Glyphosat ohnehin nur, um nach der Ernte Unkraut abzutöten und die Äcker vor der Neusaat vorzubehandeln, nicht für Kulturpflanzen“, sagte er. Damit eine Pflanze direkt mit Glyphosat behandelt werden könne, ohne abzusterben, müsse sie genmanipuliert sein – und das sei in Europa ohnehin verboten.

Bauern wollen das Herbizid weiterhin einsetzen

Die EU entschied im letzten Winter, Glyphosat in den nächsten fünf Jahren weiterhin zu erlauben. Daher sähen die Landwirte auch nicht ein, auf das Mittel zu verzichten, sagte Brodbeck, auch wenn im neuen Koalitionspapier ein schnellstmögliches Aussetzen des Herbizids vorgesehen sei. Dass Glyphosat für das Bienensterben verantwortlich sei, hält Brodbeck für „an den Haaren herbeigezogen“. Glyphosat sei kein Insektizid. Es schade Bienen so wenig wie Regen.

Das Julius-Kühn-Fachinstitut für Bienenschutz sieht das ähnlich: Glyphosat sei in praxisüblichen Dosierungen nicht bienentoxisch. Viel problematischer sei das generelle Abtöten von Wildpflanzen. Durch eine ökologische Alternative zu Glyphosat würde sich hieran nichts ändern. Außerdem steige die Anzahl der Bienenvölker in Deutschland seit ein paar Jahren wieder an, weltweit habe sie sich laut einer Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung seit 1950 verdoppelt.

Glyphosat-Gegner kritisieren Einfluss der Chemie-Industrie

Die Glyphosat-Gegner im Gemeinderat beeindruckt das wenig. „Manchen Forschern und Experten auf dem Gebiet liegt es in der DNA, industriefreundlich zu sein“, sagte Stadtrat Christoph Ozasek (Die Linke) unserer Zeitung, „es gibt da eine starke Verbindung zur Chemie-Industrie.“ Dass Glyphosat in der menschlichen Nabelschnur nachgewiesen wurde, über die Föten von schwangeren Müttern versorgt werden, illustriere das Vordringen des Herbizids in die komplette Nahrungskette. Das müsse nicht sein. Es gehe auch anders. Der Bund für Umwelt und Naturschutz, Region Stuttgart, kritisierte am Mittwoch auch, das Vorgehen der Stadt sei zaghaft und enttäuschend. Während Stuttgart sich in Trippelschriten auf den Weg zu glyphosatfreien Stadt mache, seien andere Kommunen schon längst angekommen – vor allem in Bayern.

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