Der erste Schritt für die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants ist getan. Dadurch werden Insolvenzen verhindert, sagen Wirte – aber wird es deshalb billiger?
Für Dennis Shipley ist es „eine freudige Nachricht“: Der Bundestag hat am Donnerstag der Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants zugestimmt. CDU und SPD lieferten die Mehrheit für das entsprechende Gesetz. Nun hängt es von den Ländern ab, die darüber am 19. Dezember im Bundesrat entscheiden. „Die Steuersenkung wird einige Insolvenzen verhindern“, ist der Geschäftsführer von der Alten Kanzlei überzeugt. Auch für Birgit Grupp vom Paulaner am alten Postplatz, Michael Wilhelmer, Tobias Meyer und Sebastian Werning käme die Erleichterung wie gerufen. „Wenn die Steuersenkung nicht verabschiedet wird, muss ich die Preise erhöhen“, sagt die Wirtin. Diesen Schritt schiebt sie seit Monaten auf.
Mit dem Gesetz soll die Umsatzsteuer für Speisen in der Gastronomie dauerhaft von derzeit 19 auf sieben Prozent reduziert werden. Diese Regelung galt schon einmal während der Corona-Pandemie, die Steuer wurde aber zu Jahresbeginn 2024 wieder erhöht. „Es waren zwei schwierige Jahre für die Branche“, sagt Dennis Shipley. Mit der Steuerersparnis konnten dringen notwendige Investitionen getätigt werden. Aber er würde von vielen Kollegen hören, dass das eingesparte Geld schon wieder durch andere Kostensteigerungen „abgevespert“ sei. Dass die Speisen nun zwölf Prozent günstiger werden, davon dürften die Gäste nicht ausgehen, dämpft er gleich die Erwartungen. „Es wird mehr Spielraum geben für die eine oder andere Sonderaktion“, sagt Dennis Shipley.
Viel weniger Gäste kommen in den Restaurants
Sebastian Werning, der das Restaurant im Künstlerhaus im Stuttgarter Westen betreibt, kann konkrete Zahlen als Erklärung liefern: Im vergangenen November sind 40 Prozent weniger Gäste in sein Lokal gekommen als noch im November vor einem Jahr. Die Reservierungslage sei schwierig, berichtet er. Gleichzeitig steigen die Energiekosten, 1200 Euro bezahlte er noch vor sechs Jahren im Monat an den Stromversorger, 4500 Euro sind es inzwischen. Lebensmittel seien gleichermaßen teurer geworden, der Mindestlohn steige demnächst wieder. „Wir arbeiten am Limit, zahlen jeden Monat drauf“, sagt Sebastian Werning. Ein Schnitzel müsse deshalb mehr als 30 Euro kosten. Für ihn ist der Bundestagsbeschluss „auf jeden Fall eine gute Nachricht und bitter nötig“. Dem Gastronom geht es auch um Fairness, weil Speisen aus Imbissen nur mit sieben Prozent besteuert werden.
Weniger Alkohol, weniger Umsatz
Als „lebensnotwendig für die Branche“ bezeichnet Michael Wilhelmer die Steuersenkung. Der Gastronom, der mehrere Lokale in der Stadt und eines in Berlin betreibt, weist darauf hin, dass der Verkauf der Speisen immer wichtiger werde, weil die Gäste weniger Alkohol konsumieren und der Umsatz durch den Verkauf von Getränken zurückgehe. „Es ist ein ganz wichtiger Schritt“, sagt er und hofft, dass der zweite im Bundesrat folgen wird. Die Hoffnung auf Preissenkungen zerschlägt auch er, weil das Geld für Investitionen und Lohnerhöhungen benötigt werde. Aber seiner Wahrnehmung nach hätten die Gäste diese Erwartungshaltung gar nicht.
Für Birgit Grupp wäre die Steuerersparnis ein Ausweg aus einem Dilemma: Aufgrund der gestiegenen Kosten müsste sie dringend die Preise erhöhen, während ihre Gäste selbst ebenfalls sparen müssten. „Dann kommt vielleicht keiner mehr“, sagt die Wirtin vom Paulaner. An den Zutaten und der Qualität will sie nicht sparen. Für eine Halbe ihres bayerischen Biers müsste sie längst sechs Euro verlangen allein wegen der Transportkosten, nennt sie als ein Beispiel, ihr Preis von 5,60 Euro sei „kalkulatorisch falsch“. Auch mit Blick auf den immer mehr verbreiteten „Dry January“, in dem die Menschen auf Alkohol verzichten und „gar nicht mehr ausgehen“, hofft Birgit Grupp auf die Steuersenkung. „Ich rechne allerdings nicht damit“, fügt sie an, weil in der Politik immer wieder viele Entscheidungen gekippt würden.
„In der Branche liegen die Nerven blank“, fasst Tobias Meyer die Stimmung zusammen. Seit dem Wahlversprechen von Olaf Scholz im Sommer 2021 rechne die Gastronomie mit der niedrigeren Mehrwertsteuer. Der SPD-Kanzler hatte angekündigt, den Corona-Satz beizubehalten. „Es ist kein Geschenk, es ist überfällig, eine Korrektur“, findet er. Seither seien allein die Preise für Lebensmittel um fast 40 Prozent gestiegen. In seinen vier Lokalen, darunter Tobi’s in der Innenstadt und die Waldauerin in Degerloch, habe er diese Kosten nicht einmal zu einem Drittel weitergegeben, in den letzten Monaten gar keine Preise mehr erhöht. Stimmt der Bundesrat dem Gesetz zu, wird Tobias Meyer ruhige Feiertage haben, die Gäste würden von gleich bleibenden Preisen profitieren und seine Angestellten von Lohnerhöhungen. Wird es abgelehnt, muss er neu kalkulieren und neue Speisekarten drucken lassen. Seinen Mitarbeitern wird er dann „Zahlen und Fakten an die Hand geben“, eine Art Argumentationshilfe, damit sie für eventuelle Diskussionen mit den Gäste gewappnet sind.