Wenn Oma und Opa pflegebedürftig sind, ist es für die Familien ein Spagat. Auch Ruth Z. und Maria Mann wollen und sollen nicht ins Heim. Wie schaffen es die Familien, dass die betagten Freundinnen zu Hause wohnen bleiben können?
Dieser Montag hat nicht gut begonnen. Ruth Z., 88 Jahre alt, hat sich schwach gefühlt, als sie der Fahrer in der Früh abgeholt hat, um sie zur Tagespflege Charlottenschwestern zu bringen. Ihr Blutdruck ist schon seit einiger Zeit zu hoch. Die Füße sind geschwollen. Mit wackeligen Schritten ging es die Treppen hinunter aus dem dritten Stock. Doch die Morgentablette wirkt, nun fühlt sie sich besser. Die Spätsommersonne wärmt sie. Ruth Z. sitzt auf der Terrasse der Einrichtung im Stuttgarter Osten auf einem gepolsterten Stuhl und lächelt. Sie ist in bester Gesellschaft. Rechts von ihr sitzt Maria Mann, ihre Vertraute und Freundin. Die beiden haben sich in einer anderen Tagespflege kennengelernt und sind sich sehr nah. Wo immer Ruth ist, ist die 97-jährige Maria nicht weit.
Immer montags und mittwochs sind beide in der Tagespflege der Württembergischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz. An den übrigen Tagen telefonieren sie. Ruth Z. ist froh über diese späte Freundschaft. Sie weiß noch zu gut, wie das war, als sie die ganze Woche zu Hause war in ihrer Wohnung. Als sie darauf wartete, dass die Stunden vergingen, und sich einsam fühlte. Sechs Freundinnen waren innerhalb kurzer Zeit gestorben. Sie kam aus der Trauer gar nicht mehr raus. Sie musste in dieser Zeit viel an ihren Sohn denken, der mit 14 an einem Aneurysma starb. Auch an ihren Mann dachte sie viel. Sie hat ihn 2005 zu Grabe getragen, nach aufopferungsvoller Pflege. Er hatte Parkinson. Seine letzten sieben Jahre waren schwer.
Das gemeinsame Frühstück liebt die 88-Jährige
Doch jetzt, an diesem Morgen, ist das weit weg. Eben haben sie zu elft beisammen gesessen und gefrühstückt. Das liebt sie. Nicht alleine zu sein beim Frühstück. Das bedeutet Ruth Z. viel; aus Sorge vor einem Telefonbetrüger will sie nicht mit vollem Namen erscheinen. Nun spielt sie gemeinsam mit ihrer Freundin Maria und zwei weiteren Damen „Mensch Ärgere Dich nicht“. Am Nebentisch trainieren weitere Gäste ihr Gedächtnis mit „Memory“. Auch eine Auszubildende und eine Betreuerin drehen Karten um. Ruth Z. beugt sich tief über ihren Würfel. Sie sieht nur noch schemenhaft. „Eine Eins, das bringt mir nichts“, sagt sie. Aber nicht viel später hat sie es geschafft: Sie bringt ihre letzte Figur ins Haus und gewinnt das Spiel.
Bis Ende Juni sind Ruth Z. und Maria Mann noch in eine Tagespflege auf der Stuttgarter Gänsheide gegangen, wo sie sich vor sieben Jahren kennenlernten. Die Einrichtung schloss kurzfristig, der Abschied fiel beiden schwer. „Das kam ganz plötzlich“, sagt Ruth Z. traurig. Aber inzwischen haben sie sich auch in der neuen Einrichtung gut eingelebt. Diese liegt zwischen den Mineralbädern. In wenigen Schritten ist man im Schlossgarten. Das sei doch schön.
Es ist 11 Uhr. Ruth Z. braucht ihr Wägelchen für den Vormittagsspaziergang. Der Tag folgt einer festen, gewohnten Struktur. Eine Betreuerin hilft ihr auf. Vorsichtig schiebt sie wenig später mit dem Rollator wieder nach draußen, positioniert sich neben der Freundin, die schon bereit steht.
Die Eingewöhnung ist bei fortgeschrittener Demenz schwierig
Etwa fünf von sechs Pflegebedürftigen werden laut Statistischem Bundesamt nicht stationär, sondern zu Hause versorgt. Das ist auch die potenzielle Zielgruppe einer Tagespflege. Allerdings scheuen ältere Menschen oft den Schritt, selbst wenn ihnen Abwechslung und ihren Angehörigen Entlastung guttäte. „Viele kommen leider viel zu spät zu uns“, sagt die Pflegedienstleitung der Einrichtung der Württembergischen Schwesternschaft, Christa Kiechle. Sie würden nicht etwa bei leichten Einschränkungen angemeldet, sondern wenn sie schon stärker kognitiv eingeschränkt seien. Doch in dem Zustand tue man sich schwer, neue Routinen zu akzeptieren. „Die Eingewöhnung in die Tagespflege ist dann schwierig“, sagt sie. Das sei vergleichbar mit einer anspruchsvollen Eingewöhnung eines Kindes in die Kita. Die Angehörigen litten oft mit. „Sie geben den geliebten Menschen in die Hände von anderen, das ist nicht einfach“, erklärt Kiechle.
Bis zu zwölf Gäste können zeitgleich zu ihnen kommen, für die eine Fachkraft und eine Betreuerin da sind sowie eine Auszubildende. Ein Teil der Pflegebedürftigen zwischen 76 und 101 Jahren ist geistig noch fit, hat aber psychisch oder körperlich zu kämpfen. Wie eine ehemalige Altenhelferin Jahrgang 1939, die wegen einer Depression hierher gefunden hat und sich jetzt rührend mit um die anderen kümmert.
Die Mutter könnte in die Einliegerwohnung, aber sie will nicht
Ruth Z. stand dem Konzept Tagespflege von Anfang an offen gegenüber. Sie sehnte sich nach Geselligkeit. Ihre Tochter musste sie vor sechs Jahren nicht überreden, das Angebot auszuprobieren. „Es ist ein langer Tag für sie, aber ein ausgefüllter Tag“, sagt Regine Glemser. Die 60-Jährige lebt in Herrenberg. Sie kann die tägliche Pflege nicht übernehmen. Aber sie tut sehr viel, um die Einsamkeit zu lindern. Meistens fährt sie zwei volle Tage die Woche nach Stuttgart. Sie bringt stets Essen für mehrere Tage mit, das sich die Mutter aufwärmen kann, macht die Wäsche, geht mit der 88-Jährigen spazieren. Sie reden viel. Doch auch wenn sie nicht da ist, sind die Gedanken der Tochter oft in Stuttgart. Sie ruft ihre Mutter mehrmals täglich an. An den Tagen, an denen diese nichts vor hat, klinge deren Stimme viel kraftloser, als zum Beispiel an Tagen, an denen die 88-Jährige noch in die Tagespflege fährt.
Regine Glemser ist selbstständig, führt mit ihrem Mann zusammen eine Agentur. Sie hat ihrer Mutter schon oft angeboten, dass sie zu ihnen ziehen kann. Die drei Söhne sind erwachsen. Sie haben eine Einliegerwohnung im Haus. Inzwischen diskutieren sie nicht mehr darüber. „Mutti möchte nicht ausziehen“, sagt Regine Glemser. Nicht in die Einliegerwohnung und auch nicht von der Dachwohnung ins Erdgeschoss. Erst recht nicht in ein Pflegeheim, das ohnehin nicht zur Debatte steht. Die Tochter akzeptiert es. „Ich lebe nun seit 60 Jahren in diesem Haus, hier will ich bleiben“, sagt Ruth Z. dazu bei einem gemeinsamen Gespräch.
Nach einem Sturz konnte sie nicht in die Tagespflege
Vor zwei Jahren sah es so aus, als würde es nicht mehr gehen. Regine Glemser zuckt zusammen, wenn sie an den Sturz denkt. Sie hatte ihre Mutter fürs Wochenende zu sich geholt. Es passierte, als sie Erledigungen machte. Die damals 86-Jährige lag hilflos auf dem Boden. Kein Mensch hörte ihre Rufe. Aber Kira, der Familienlabrador, legte sich zu ihr und rückte nicht von ihrer Seite bis zur Rückkehr der Tochter. „Das hat geholfen“, erinnert sich Ruth Z. Mit einem Oberschenkelhalsbruch kam sie ins Krankenhaus. Die Betreuerinnen aus der Tagespflege haben oft angerufen – und Maria Mann meldete sich jeden Abend um halb acht. „Sie hat mich durch diese schwere Zeit getragen“, sagt Ruth Z. dankbar.
Ein Jahr konnte sie nicht in ihren „Seniorenkindergarten“. Seit sie wieder zu Hause ist, trägt sie ein Armband des Hausnotrufs am Handgelenk. Das anzulegen hat sie ihrer Tochter versprochen. Und dass sie nicht alleine raus geht. Der Fahrer der Tagespflege holt sie zum Glück an der Wohnungstür ab und bringt sie sicher die Treppen zurück.
Pflegende Tochter fährt seit sechs Jahren zum ersten Mal wieder in den Urlaub
Ruth Z. ist in der Regel nur noch an zwei Tagen die Woche allein. Denn einmal die Woche schaut noch eine Betreuerin für zwei Stunden nach ihr, finanziert über den Entlastungsbetrag der Pflegekasse. Der Pflegedienst kommt zudem täglich, um die Tabletten zu richten und bei der Körperpflege zu helfen. „Es war ein schwerer Weg, aber jetzt geht es mit guter Unterstützung“, sagt Regine Glemser. In diesem Sommer war sie zehn Tage im Urlaub. Ausgerechnet da konnte ihre Mutter nicht in die Tagespflege. „Das war eine harte Woche für Mutti“, sagt die Tochter, die auch aus Norwegen täglich anrief. Abschalten ist nicht einfach.
Das kennt auch Waltraud Kurz, Maria Manns Tochter. Sie pflegt ihre Mutter seit Jahren, ohne Pflegedienst. Sie leben unter einem Dach. Die Tagespflege ist die einzige und entsprechend wichtige Entlastung für die 74-Jährige. Bald steht für sie drei Wochen Kur-Urlaub an, Mutter Maria geht dann in die Kurzzeitpflege. Es ist ihre erste Auszeit nach sechs Jahren. Sie habe ihre Mutter zuvor nicht alleine lassen mögen, erklärt Waltraud Kurz. Sie ist nicht der Typ, der sich beschwert. Aber zuletzt hat sich das Alter ihrer Mutter doch stärker bemerkbar gemacht.
Hektik kommt keine auf, es ist angenehm ruhig in der Tagespflege
Gut zu Fuß ist diese noch für ihre 97 Jahre. Beim Spaziergang geht Maria Mann mit Freundin Ruth vorneweg am Rollator. Dahinter folgen die anderen. Ein Mann und eine Frau werden im Rollstuhl geschoben. An den Teichen drehen sie um. Mit den Kirchenglocken sind sie zurück. „Wenn es läutet, gibt es Essen“, freut sich Ruth Z. Jeder bekommt, was er bestellt hat. Ein Mann wird gefüttert, die anderen essen selbstständig. Es ist ruhig, aber nicht still. Alle sind erschöpft vom Gang. Hilal, die Betreuerin, richtet die Ruhesessel, legt auf jeden ein Kissen. Sie macht das ganz bedächtig. Hektik kommt keine auf. Schon stehen ihre Schützlinge auf – nach und nach. Setzen sich in die Sessel, schließen die Augen. Auch Ruth Z. macht Pause. Sie sieht zufrieden aus. Es ist doch noch ein guter Tag geworden.
20 bis 30 Euro pro Tag beträgt in der Regel der Eigenanteil
Stuttgart
Knapp 24 000 Stuttgarter sind pflegebedürftig. Laut der aktuellsten Pflegestatistik haben 2021 in der Landeshauptstadt 24 036 Menschen Pflegeleistungen erhalten. Die große Mehrheit (18 859 Menschen) war 65 Jahre und älter.
Plätze
In Stuttgart gibt es nach Angaben des Sozialamts 30 Tagespflegen mit etwa 430 Plätzen, die aber oft von mehreren Personen genutzt werden, da viele nur zwei oder drei Tage die Woche kommen. Stationäre Plätze gibt es deutlich mehr, diese sind aber natürlich auch nur einfach belegt. 4863 Pflegeplätze in 54 Einrichtungen verteilen sich auf die stationäre Altenhilfe. Hinzu kommen Plätze im pflegenahen Wohnen und in ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Zählt man diese hinzu, kommt man auf 5123 Plätze.
Kosten
Die Kosten für einen Platz in der Tagespflege variieren. Bei den Charlottenschwestern kostet der Tag 122,87 Euro. Die Pflegekasse übernimmt in der Regel einen Großteil, aber mit einem Eigenanteil von 20 bis 30 Euro pro Tag müssen Angehörige rechnen. Die meisten buchen laut der Pflegedienstleitung für zwei Tage die Woche, manche auch für drei oder vier Tage.