Derzeit schaut die Welt wieder auf die Festspielstadt mit ihrer barocken Altstadt. So schade, dass die Neustadt dabei oft übersehen wird. Tipps für Entdeckungen jenseits der Salzach.
Christian Laserer schließt ein kleines Türchen auf, das auf Schulterhöhe in die Wand im Kreuzgang des Sebastiansfriedhof eingelassen ist. Darin: ein altmodischer Eisenschlüssel, groß wie ein Kuchenteller und schwer wie zwei Tafeln Schokolade. „Damit kommen wir ins Mausoleum von Wolf Dietrich von Raitenau“, sagt der Fremdenführer: „Geh ma.“
Der kleine Kirchhof St. Sebastian liegt versteckt mitten im Salzburger Andrä-Viertel. Wenn sich Touristen überhaupt in die Neustadt auf der rechten Seite der Salzach verirren, dann laufen sie meist achtlos an der unauffälligen Hauptpforte vorbei. Ein schlichtes Eisengitter, eingeklemmt zwischen zwei Gebäuden in der Linzer Gasse. Sie verpassen einen romantischen Ort, grün, ruhig und sehr erhaben. Zwischen prächtig blühenden Hortensienbüschen stehen verwitterte Grabsteine. Mittendrin: ein kleiner weißer Kuppelbau mit grünem Dach und mächtiger Metalltür. Der Schlüssel passt. Zwei Umdrehungen, und die Pforte öffnet sich. Offiziell heißt das Mausoleum „Gabrielskapelle“. Besuchen kann man diesen wunderbar-besonderen Ort nur im Rahmen einer Stadtführung. Eine zufällig anwesende fünfköpfige Familie erkennt die günstige Gelegenheit und huscht auch nach drinnen.
Versteckter Kuppelbau
Gemeinsam wird gestaunt: über das reiche Dekor der im maurischen Stil erbauten Kapelle mit den bunt glasierten quadratischen Fliesen. In erhöht eingelassenen Nischen stehen Skulpturen mit Darstellungen der vier Evangelisten. Es gibt einen Altar, im Marmorfußboden steckt ein Gitter. Christian Laserer kramt eine Taschenlampe hervor und leuchtet nach unten: „Da könnte man auch mal wieder staubsaugen.“ Nun gut, seit der Fürsterzbischof hier seine letzte Ruhe fand, ist schließlich schon ein bisschen Zeit vergangen. Wolf Dietrich verstarb 1617.
Viele denken beim Stichwort Salzburg erst mal an Wolfgang Amadeus Mozart. Und ja: der ist auch ziemlich wichtig für die Stadt. Aber wenn Wolf Dietrich von Raitenau nicht gewesen wäre, könnte sich Salzburg vermutlich nicht mit dem Unesco-Welterbe-Titel schmücken. Der Fürsterzbischof ließ bauen, was das Zeug hielt. Während seiner Herrschaft wurde aus der mittelalterlichen Stadt eine barocke Schönheit. Der Dom, die Neue Residenz und der Umbau der Alten Residenz gehen auf seine Kappe. Raitenau hatte die Idee, aus Salzburg eine Art Rom des Nordens zu formen. „Wolf Dietrich war mehr Fürst als Bischof“, erzählt Christian Laserer. Und auch vom Zölibat wollte der katholische Kirchenmann nichts wissen. Mit seiner bürgerlichen Geliebten Salome Alt hatte Raitenau 15 Kinder. „Für Salome und die Kinder baute er Schloss Mirabell, das damals noch Schloss Altenau hieß und außerhalb der Stadtmauern lag.“ Heute ist der schmucke Palast ein beliebter Ort für Trauungen, der dazugehörige Park lädt zum Spaziergang ein, und die Orangerie im Südflügel wird gerade zum Welterbe-Museum umgebaut. Geplante Eröffnung: Sommer 2026.
Traum für Genießer: der Schrannenmarkt, jeden Donnerstag
Ob das Schloss Mirabell noch zum Andrä-Viertel gehört oder haarscharf eben nicht mehr, darüber streiten sich die Gelehrten. „Für mich gehört’s dazu. Und aus“, sagt Christian Laserer, der auch eine gewisse Expertise mitbringt. Erstens ist der 62-Jährige gebürtiger Salzburger und zweitens kennt er das Viertel wie seine Westentasche. Viele Freunde wohnen hier, er ist oft und gerne in der Gegend. Keine Diskussion gibt es über die Grenze nach Südosten. Die markiert der Kapuzinerberg, ein bewaldeter Stadtberg, auf dem sogar Gämsen wohnen. Weithin sichtbarer Mittelpunkt des Viertels ist die Andrä-Kirche mit ihren markanten Doppeltürmen. Jeden Donnerstag findet rund um das Gotteshaus ein beliebter Bauernmarkt statt. Von fünf Uhr morgens bis zum Mittag kann man auf dem Schrannenmarkt alles kaufen, was das genussfreudige Herz begehrt: Käse, Wurst, Obst, Gemüse. „Aber es gibt auch Blödsinn wie Murmeltiersalbe und so“, erzählt Christian Laserer.
Während sich drüben in der Altstadt die Touristen aus aller Welt durch die Getreidegasse schieben, geht es in der Neustadt fast beschaulich zu. Statt Luxusboutiquen wie Louis Vuitton, Hermès oder Prada bietet das Andrä-Viertel Stoff- und Woll-Läden, Antikshops oder eine Fahrradwerkstatt.
Die Restaurants servieren auch nicht nur Backhendl und Salzburger Nockeln, es gibt eine kroatische Konoba, italienische Trattorien, Ramen-Läden, man kann sogar vegan essen. Die Neustadt steht für das andere Salzburg – jünger und alternativer. Schon vor zweihundert Jahren war das offenbar so. Oder warum zog der große Amadeus persönlich – geboren in der Altstadt – auf die andere Flussseite? Das Mozart-Wohnhaus am Markartplatz ist heute ein Museum.
Der Meister starb in Wien und wurde sehr einfach bestattet. Erst Jahrzehnte später bekam er ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. Auf dem Sebastiansfriedhof findet man aber wichtige Mitglieder der Familie Mozart. Christian Laserer deutet auf ein üppig mit pinkfarbenen Fleißigen Lieschen, weinroten Dahlien und immergrünen Bodendeckern bepflanztes Grab. „Constantia von Nissen“, steht da in goldenen Buchstaben. Besser bekannt als Constanze, die Witwe Mozarts. Gestorben am 6. März 1846.
Nicht nur die Frau des größten Sohnes der Stadt hat hier seine letzte Ruhe gefunden. Auch Vater Leopold, der hochfürstliche Vizekapellmeister, gestorben am 28. Mai 1787. Christian Laserer wird etwas sentimental: „In 200 Jahren werden die Leute immer noch Musik von Mozart hören. Aber Taylor Swift kennt dann keiner mehr.“
Info
Anreise
Mit der Bahn von Stuttgart aus direkt oder über München nach Salzburg, www.bahn.de ; www.oebb.at .
Unterkunft
Das Boutique-Hotel Auersperg ist ein privat und sehr persönlich geführtes Haus mit schönem Garten und einem sehr guten Frühstücksbüffet, Doppelzimmer ab 233 Euro, www.auersperg.at .Das super-zentral an der Andrä-Kirche gelegene Hotel Andrä funktioniert komplett kontaktlos: man checkt am Automaten ein und aus, als Frühstück kann man sich eine Kühltasche mit Brötchen, Marmelade und Saft vor die Tür stellen lassen. DZ ab 80 Euro, www.hotel-andrae.at .Das Hotel am Mirabellplatz ist ein Vier-Sterne-Boutiquehotel mit historischem Charme. 1653 wurde das Haus als Palais des Erzbischofs Paris Lodron erbaut. DZ ab 220 Euro, https://imlauer.com .
Essen und Trinken
Ausgezeichnete österreichische Gerichte: Stadtwirtshaus Alter Fuchs, www.alterfuchs.at .Köstliche Ramen und Sushi: East in der Linzer Gasse, ein weiterer Standort in der Altstadt, https://east-salzburg.at/ramen/ . Im Pasta e Vino ist der Name Programm: es gibt hausgemachte Nudeln und eine große Wein-Auswahl, https://pastaevinosalzburg.at/ .Großartige hausgemachte Kuchen, Kaffee und Brunch in schickem Ambiente: Tortelier, https://tortelier.at .Traditionelles österreichisches Kaffeehaus: Café Fingerlos, https://cafe-fingerlos.at .
Aktivitäten
Stadtführungen mit Christian Laserer kann man hier buchen: www.salzburgsmiletours.at/ .Besitzer der Salzburg Card erhalten kostenlosen Eintritt zu vielen Museen und können die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Preis für 24 Stunden: 31 Euro, für 48 Stunden: 37 Euro, für 72 Stunden: 42 Euro, www.salzburg.info/de/sehenswertes/salzburg_card.
Allgemeine Informationen
Salzburg Tourismus, www.salzburg.info , Österreich Tourismus, www.austria.info