Philipp Neuser (links) und Sebastian Benner veranstalten feuchtfröhliche Stadttouren. Foto: Susanne Hamann

Das kleine Städtchen am Mittelrhein hat eine besondere Beziehung zu Papst Franziskus, eine Kirche mit Geheimtür und großen Anteil an der Wiener Kaffeehauskultur.

Zur Begrüßung bekommt jeder einen Römer in die Hand gedrückt. Dann wird das bauchige Glas mit dem grüngefärbten Stiel mit Weißwein gefüllt. Widerspruch ist zwecklos, und auch der Hinweis auf die Uhrzeit – 9 Uhr morgens! – verhallt ungehört. Es gibt schließlich einen Riesling aus dem Bopparder Hamm. „Das ist das größte zusammenhängende Weinanbaugebiet am Mittelrhein“, sagt Sebastian Benner, „alles Steillagen, da kann man nur von Hand lesen.“ Er deutet auf die Rebhänge am Rhein, genau da, wo sich der Fluss in einer markanten S-Kurve schlängelt.

 

Bopparder Fenster kann man in New York besichtigen

Zur Stärkung haben Benner und sein Kompagnon Philipp Neuser Brezeln, Trauben, Käsewürfel und Salamistücke an Bord. Eine Stadtführung mit Weinbegleitung – da herrscht Stimmung ab dem ersten Schluck. Benner und Neuser, beide Jahrgang 1989 und Schulfreunde, haben vor drei Jahren ihr kleines Unternehmen Boppard Tours gegründet. Ihre Zielgruppe: Tagestouristen, die mit dem Flusskreuzfahrtschiff im Ort anlegen. 100 bis 200 Anläufe gibt es pro Jahr, die meisten im Sommer.

Die Weinflaschen im Bollerwagen klirren leise. Zu Fuß geht es entlang der hübschen, mit Platanen gesäumten Promenade in die Stadt. Die Besucher sind überrascht von den schneeweißen Patriziervillen. Solch prächtige Architektur würde man in einem Seebad an der Ostsee vermuten. Aber hier am Rhein?

Sebastian Benner erzählt gerade die fast unglaubliche Geschichte von den Glasfenstern der Karmeliterkirche, die der klamme Bopparder Stadtrat nach der Säkularisierung im Jahr 1818 für schlappe 1200 Rheinische Gulden an Fürst Pückler verkaufte. Da kommt Pastor Stefan Dumont zufällig vorbei. Auch ein Gläschen? „Warum nicht. Ich han’ ja grad Mess’ gehatt.“ Der Gottesmann nippt am Riesling und erzählt weiter. Die Fenster seien heute in alle Welt verstreut. Den größten Teil kann man im New Yorker Museum Met Cloisters besichtigen, einer Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art im Stadtteil Washington Heights nahe der Nordspitze von Manhattan. Weitere Fragmente befinden sich in Detroit und Glasgow.

Tourismuschef Michael Defrancesco (links) Foto: Susanne Hamann

Gemeinsam mit Pastor Dumont geht es weiter zu St. Severus. Die zweitürmige romanische Basilika ist das Wahrzeichen von Boppard und darf sich als eine von 79 Kirchen in Deutschland „Basilika minor“ nennen. Mit diesem Ehrentitel zeichnet die katholische Kirche Gebäude mit hoher liturgischer oder historischer Bedeutung aus. St. Severus ist ein herausragendes Beispiel der rheinischen Romanik. „Außerdem hat Papst Franziskus hier jeden Tag gebetet, als er in den 1980er-Jahren zum Deutschlernen in Boppard war“, erzählt Stadtführer Philipp Neuser.

Wie Koblenz, Mainz oder Trier – aber schön kompakt

Im Untergeschoss befindet sich ein frühchristliches Taufbecken aus dem 5. Jahrhundert. Doch wo ist die Treppe nach unten? Der Priester bedient einen Schlüsselschalter an der Wand. Wie im James-Bond-Film öffnet sich eine hydraulische Klappe im Kirchenboden. Hereinspaziert! „Das ist unser bestes Stück, darauf sind wir sehr stolz“, sagt Pastor Dumont mit Blick auf das große Becken aus Sandstein, in dem schon vor 1600 Jahren Erwachsene getauft wurden.

Einst stand hier am Mittelrhein das römische Kastell Bodobrica. Daraus wurde dann Boppard. Und wenn es nach Tourismuschef Michael Defrancesco ginge, müsste man den Stadtnamen so schreiben: „Bopp-Heart“. Der Mann hat ein Herz für seine Stadt. „Wir haben das, was Koblenz, Mainz oder Trier auch haben. Aber schön kompakt. Und das sind Römer, eine Basilika und Wein.“

Thonetstühle, erfunden in Boppard Foto: Susanne Hamann

Ein paar Schritte von der Kirche entfernt steht man plötzlich inmitten von römischen Mauerresten. Daneben Fachwerkhäuser mit bunt gestrichenen Balken. Die schmalen Straßen bergen immer wieder Überraschungen. Zum Beispiel zwei Kaffeehausstühle, die an einem Durchgang von der Decke baumeln. „Hier geht es zum Geburtshaus von Michael Thonet, dem Erfinder der Bugholzmöbel“, sagt Sebastian Benner.

Michael Thonet kam im Jahr 1859 auf die Idee, massives Buchenholz unter Dampf zu biegen, revolutionierte so die Möbelproduktion und schuf mit dem Modell Nr. 14 den klassischen Kaffeehausstuhl. Weil der begabte Tischler später nach Wien ging, verbinden die meisten Menschen seine Holzkunst mit der österreichischen Metropole. Doch wo hatte er den Bogen raus? Genau. In Boppard.

Info

Anreise
Boppard, eine Kleinstadt im Mittelrheintal, ist ein Stopp auf vielen Rheinkreuzfahrten. Die Reederei Viva Cruises macht hier ganzjährig regelmäßig Station. Die Reise „Zwischen Metropolen und Wellness“ ab Frankfurt über Boppard, Bonn, Köln und Koblenz zurück nach Frankfurt kostet ab 775 Euro pro Person bei Zweierbelegung inklusive Vollpension und aller Getränke, www.viva-cruises.com .

Aktivitäten
Das Museum Boppard in der Kurfürstlichen Burg direkt am Rhein widmet sich in einer Dauerausstellung dem Leben und Werk des großen Möbelschreiners Michael Thonet. Geöffnet Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Eintritt 4 Euro, https://museum-boppard.de .Infos zur Basilika St. Severus und Messetermine gibt es bei der Katholischen Kirchengemeinde Mittelrhein St. Josef, www.mittelrhein-sanktjosef.de/start/ .Stadtrundgänge mit Boppard Tours inklusive Verkostung und Snacks kosten 25 Euro pro Person und dauern etwa 90 Minuten. Buchbar am besten über Instagram: www.instagram.com/boppard_tours/.

Allgemeine Informationen
Tourist Information Boppard, Tel. 0 67 42 / 38 88, www.boppard-tourismus.de/ , Rheinland-Pfalz Tourismus, www.rlp-tourismus.com