Das Freiburger Ensemble Recherche Foto: Maurice Korbel

Über eine Passage aus einer Messe des frühen 16. Jahrhunderts haben Komponisten aller Zeiten Fantasien geschrieben. Beim Musikfest Stuttgart fanden Altes und Neues zusammen. Susanne Benda

Stuttgart - Freiheit, so hat es Immanuel Kant einmal formuliert, sei „das Vermögen, alle willkürlichen Handlungen den Bewegungsgründen der Vernunft unterzuordnen“. Daran mochte man denken, als das Musikfest Stuttgart am Montagabend in der Halle des Clubs Im Wizemann sein Festivalmotto mit Fantasien in alter und neuer Musik unterfütterte.

Als das Neue-Musik-Ensemble Recherche und das auf (manchmal auch Vor-) Barockes und Frühklassisches spezialisierte Freiburger BarockConsort hier bei einem vornehmlich stillen, introvertierten Programm mit dem Titel „Stylus phantasticus“ zusammenkamen, war die Freiheit nicht einfach da, sondern stellte sich schlicht deshalb ein, weil sie auf Vorgaben fußte. So wie man mithilfe eines Trampolins viel weiter in die Luft springen kann als ohne, so haben wenige Takte aus dem Benedictus der im frühen 16. Jahrhundert von dem Engländer John Taverner komponierten Messe „Gloria tibi trinitas“ Komponisten zu Höhenflügen verholfen: Ausgehend von einer vierstimmig ausgesetzten Vertonung der Worte „In nomine“, entstanden zunächst gleichstimmige Werke für Gambenconsort, und in unserer Zeit hat das Ensemble Recherche dem Genre durch Auftragskompositionen neue Werke zugeführt.

Nebeneinander, aber nicht miteinander

Dass die Interpreten des Alten und des Neuen, die in Freiburg in einem gemeinsamen Ensemblehaus residieren, an diesem Abend nebeneinander saßen, aber nicht miteinander musizierten, war einer von zwei Wermutstropfen an einem sonst auf wunderbare Weise erfüllten Abend. Der andere entstand durch das Musizieren in wechselnden Programmblöcken, die man sich manchmal kleingliedriger gewünscht hätte, in rascherem Kontrast zwischen Musik des 16./17. und des 20./21. Jahrhunderts; dann hätten sich gewiss noch mehr Reibungen und mehr subtile Beziehungen in die Ohren der Hörer geschlichen.

Der Rest indes war spannend und bereichernd, gerade dort, wo das aus Taveners Messe entlehnte Thema und seine harmonische Einbettung nurmehr wie geisterhafte Schemen aufschienen – am extremsten wohl in Wolfgang Rihms augenzwinkernd „Cantus firmus“ betiteltem musikalischen Aphorismus, der sich auf zwei Akkordschläge mitsamt Pauken-Nachhall beschränkt. Am extremen anderen Ende des neueren kompositorischen Reflektierens stand Hans Zenders sehr ernster „Introitus mit Fanfaren“, bei dem die Bläserphrasen über vor allem mit Röhrenglocken intonierten Choralstrophen in spirituelle Dimensionen vordringen wollen. Isabel Mundrys „Der letzte Seufzer“ ist kaum mehr als das, was sein Titel verspricht: ein kurzes „Ach!“, und schon ist’s vorbei. Erwartbar Vierteltöniges hat Georg Friedrich Haas („In Nomine“) komponiert, erwartbar Komplexes und zackig Bewegtes Brian Ferneyhough.

Über eine wiederholten Basslinie bekommt die Musik Flügel

Dort, wo zeitgenössische Komponisten Verfremdungen des Alten maßgeblich über die Instrumentierung anstrebten, blieben ihre Werke freundliche, aber blasse Reverenzen.

Das verstärkte immerhin die Wirkung der Stücke, die auf zarte Weise ins Freie aufbrechen – darunter etwa die mit archaischen und volkstümlichen Klängen angereicherte, lebendige Passacaglia-Etüde von Emilio Pomárico, das Bassklarinettensolo von György Kurtágs „In nomine all’ongherese“ oder die rhythmisch fein gearbeiteten Studien von Birte Bertelsmeier („rundheraus“ war die Uraufführung des Abends) und von Bryn Harrison.

Deren Vorbilder und Bezugspunkte präsentierten die sehr homogen und ausdrucksstark musizierenden Consort-Musiker. Sie statteten in der Besetzung mit drei Gamben, zwei Violinen und Orgel nicht nur William Byrds „In nomine“ mit einer Fülle feiner Farb- und Ausdrucksnuancen aus, sondern auch die zerbrechlichen Genrestückchen von Christopher Tye oder die berühmte, in ihrer Harmonik und Stimmführung immer noch packende Chaconne von Henry Purcell: Über einer wiederholten Basslinie bekommt die Musik hier Flügel, wirkt sie bewegt, bewegend – und auf befreiende Weise frei.

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