Die Union hat mit Konservatismus nur wenig zu tun, sagt Enoch zu Guttenberg, der Vater des Ex-Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg. Foto: dpa

Enoch zu Guttenberg über Konservatismus und Zukunftsangst. Zu Sohn Karl-Theodor schweigt er.

Enoch zu Guttenberg ist nicht nur der Vater des zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg, sondern auch fränkischer Adliger, Dirigent und Naturschützer. Ein Gespräch über Konservatismus, Zukunftsangst und Dosenpfand. Nur zum Sohn, da will der Baron nichts mehr sagen.

Herr zu Guttenberg, würden Sie sich als einen konservativen Geist bezeichnen?
Ich bezeichne mich als Wert-Konservativen, allerdings im Sinne des lateinischen Wortes "conservare", das mit "erhalten" übersetzt wird. Ich verstehe mich aber nicht als Konservativen im Sinne des Selbstverständnisses gewisser politischer Parteien.

Sie meinen die CDU und CSU?
Genau. Die Union hat mit Konservatismus nur wenig zu tun.

Wieso das denn?
Ich habe früh den sogenannten Konservativen ins Gewissen geredet, das Thema Umweltschutz nicht den Linken zu überlassen, etwa Leuten wie Joschka Fischer oder auch Jürgen Trittin, die meines Erachtens - was ihre politische Herkunft angeht - mit den Umwelt-Grünen nur geringe inhaltliche Schnittmengen aufweisen. Doch sie haben erkannt, dass das grüne Thema eine historische Chance birgt. Die Unionsparteien haben das leider Gottes nicht verstanden. Und jetzt rudern sie hinterher - ohne viel Erfolg.

Immerhin hat man nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima reagiert.
Den Ausstieg aus der Atomkraft als Gesinnungswandel aus Überzeugung nehme ich den wenigsten ab.

Stört es Sie, dass der Konservatismus in Deutschland keinen guten Ruf hat?
Sicherlich. Andererseits wundert es mich nicht. Das ist die Konsequenz, wenn der Name auf der Packung nicht mit dem Inhalt übereinstimmt. Wenn beispielsweise Parteien stolz das Attribut "christlich" im Namen tragen und trotzdem immer wieder gegen christliche Maximen verstoßen.

Warum sind Sie dann noch Mitglied der CSU?
Da hat mich mein ältester Sohn hinreißend aufs Kreuz gelegt. Bei einer Rede als junger Abgeordneter mit über 1000 Zuhörern habe ich mich inkognito eingeschlichen, weil ich wissen wollte, wie er das macht. Er hat mich dennoch vom Rednerpult aus erkannt und sagte vor allen Leuten: Da hinten sitzt mein Vater, der hat eine barocke Seele, und wenn ihr dem jetzt ein Parteibuch mit Goldschnitt gebt - da wollte ich meinen Sohn nicht desavouieren.

Das kam aber nicht bei jedem so gut an.
Es hagelte Kritik von allen Seiten, ja. Aber ich bin ein unbequemer CSU-Parteigenosse, ich sage, was ich denke. Und finde, dass es auch mal gut ist, dass man von innen heraus etwas bewegt. Trotzdem ist das keine Entschuldigung. Ich würde freiwillig nicht noch einmal in die CSU eintreten, obwohl es da natürlich großartige Leute gibt wie etwa den Finanzminister Georg Fahrenschon."

"Das Motto "Nach mir die Sintflut" ist unverantwortlich"

"Das Motto "Nach mir die Sintflut" ist unverantwortlich"

Wovor fürchtet man sich als Konservativer?
Die aktuellen Sorgen sind nicht nur geistiger Natur. Sondern dass das, wovor wir Umweltschützer seit gut 40 Jahren warnen, nun leider gefährliche Realität geworden ist.

Sie haben 1975 den Bund für Umwelt und Naturschutz mitbegründet . . .
. . . und zwar zu einer Zeit, als das Wort Umweltschutz noch nicht geboren war. Nicht einmal wir haben geahnt, dass es am Ende so schnell gehen wird. Wir haben Geister gerufen, die wir nicht mehr in den Griff bekommen. Der Klimawandel bricht über uns herein wie die apokalyptischen Reiter.

Sie sind Umweltaktivist, aber auch Künstler und Dirigent. Bildungsbürger alter Schule. Was sagen Sie dazu, dass sich die Universitäten vom humanistischen Bildungsauftrag verabschieden, dass Theater geschlossen werden und in Konzertsälen kaum mehr junge Menschen sitzen. Wird man da nicht zum Zyniker?
Das ist die Gefahr. Aber die Gefahr ist immer schon da gewesen. Das Motto "Nach mir die Sintflut" ist unverantwortlich.

Der Kulturpessimismus ist eine Spielart des Konservatismus.
Ja, ich bin aus Lebenserfahrung Pessimist. Das Problem beginnt jedoch nicht erst an den Universitäten, sondern früher, in der Schule und im Elternhaus. Wenn man Kindererziehung vom Fernsehapparat erledigen lässt, dann muss man sich nicht wundern, wenn das, was wir unter Bildung verstehen, gar nicht mehr möglich ist. Ich kenne viele Fälle, wo Kinder mit dem Fernseher oder mit Computerspielen ruhiggestellt werden.

Sie fordern mehr Erziehung, Disziplin.
Auf die Gefahr hin, dass man mich als Spießer bezeichnet, würde ich anstelle des Fernsehers als erzieherische Maßnahme ein altes Rezept empfehlen: Hausmusik im Kreis der Familie. Schöpferisch kann man nur sein, wenn man das vom Elternhaus mitbekommt. Die Tragik unserer Zeit ist, dass wir unseren Kindern die Kultur vorenthalten. Daran sind die Kirchen schuld, die Politik, aber vor allem auch die Eltern selbst.

Es heißt, die Grünen seien die neuen Konservativen. Sie haben sogar einmal gesagt, Sie hätten auch Winfried Kretschmann gewählt.
Ja. Doch halte ich ihn mittlerweile nicht für konsequent genug. In einer Talkshow wurde er gefragt, was er tun werde, wenn der Volksentscheid am Ende nicht, wie die Grünen hoffen, zu einer Kündigung der S-21-Verträge führt. Um glaubwürdig zu bleiben, müsste meiner Meinung nach Herr Kretschmann dann zurücktreten. Schließlich wurde er nicht nur wegen Fukushima, sondern vor allem wegen Stuttgart 21 gewählt. Er aber widersprach. Das finde ich gefährlich für die Demokratie, weil dann Herrschaft nur um der Herrschaft willen ausgeübt wird und nicht aufgrund der eigenen Überzeugungen.

Ich sehe schon: Mit den Neuen Konservativen sind Sie nicht warmgeworden. Stimmt es, dass Sie beim Dirigieren von Beethovens "Eroica" an Jürgen Trittin denken?
Stimmt. Es hilft, meine Wut zu steigern. Sie wissen, der zweite Satz der "Eroica" war seinerzeit auf Napoleon gemünzt. Als Rot-Grün an der Macht war, hatte ich große Hoffnungen auf einen Paradigmenwechsel in der Umweltpolitik. Und was macht der Umweltminister Trittin? Verzettelt sich mit Dosenpfand, anstelle ein Tempolimit einzuführen und sich ums Weltklima zu kümmern. Und Frau Künast führt ein "Verbraucher"- statt ein Nachhaltigkeitsministerium. Mit diesem Klein-Klein haben die ihre umweltpolitischen Überzeugungen genauso verraten wie Napoleon die von Beethoven geschätzten Prinzipien von Freiheit und Gleichheit.

Dann gibt es ihn wohl nicht mehr, den glaubwürdigen konservativen Politiker, der für seine Überzeugungen gegen alle Moden bis zum Umfallen kämpft.
Ich fürchte es. Heute kommt in der Politik, aber nicht nur da, die eigene Karriere stets vor der Sache. Es gibt keine Demut mehr vor der Vergangenheit und der Zukunft. Ich zitiere gern Arno Schmidt . . .

. . . der nicht gerade als konservativer Autor gilt . . .
. . . und dennoch eine wunderbare Definition für guten Konservatismus formuliert hat: Kultur sei ein "verschränkter Ahnen- und Enkel-Dienst". Vermittlung des Vergangenen, um die eigene Gegenwart zu verstehen und die Zukunft aus dieser Einsicht heraus bewältigen zu können. Doch leider ist der verschränkte Ahnen- und Enkel-Dienst mittlerweile weitgehend aufgekündigt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: