Baden-Württemberg ist auf Strom aus dem Norden Deutschlands und aus dem Ausland angewiesen. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Die Baden-Württemberger sollen an diesem Sonntag von 17 bis 19 Uhr ihren Stromverbrauch reduzieren – und die Waschmaschinen ausgeschaltet lassen. Was bedeutet das? Und ist das besorgniserregend?

Der Appell kam kurzfristig: Die Menschen in Baden-Württemberg sind an diesem Sonntagabend, 15. Januar, dazu aufgerufen, ihren Stromverbrauch zu reduzieren. Konkret soll in der Zeit von 17 bis 19 Uhr so wenig Strom wie möglich verbraucht werden. Alle stromintensiven Tätigkeiten sollen vorher erledigt werden, das heißt: Die Bevölkerung soll ihre Handys und Tablets möglichst vor 17 Uhr aufladen, Wasch- und Spülmaschinen oder Trockner vorher laufen lassen, den Fond fürs Abendessen vorher kochen, um ihn später nur noch aufwärmen zu müssen.

Der Grund für den drastisch klingenden Aufruf: Der Stromnetzbetreiber TransnetBW will einen Engpass vermeiden. Die von TransnetBW entwickelte App „StromGedacht“ zeigt für diesen Sonntag tagsüber „Gelb“ und rät den Verbrauchern somit, den Stromverbrauch vorzuziehen oder zu verschieben. Um 17 Uhr wird die Ampel auf „Rot“ umspringen, und das bedeutet: Verbrauch reduzieren. Es handelt sich um die zweite Warnmeldung der App, die TransnetBW seit Mitte November kostenlos in den App-Stores zur Verfügung stellt.

Ist die Warnung besorgniserregend?

Nein. Wie auch schon bei der ersten Warnmeldung Anfang Dezember drohen keinerlei Abschaltungen oder Ausfälle. Die Bürger sind lediglich dazu aufgerufen, einen Beitrag zur Netzstabilität zu leisten, den man sonst vollständig mit sehr teuer zugekauften Kraftwerkskapazitäten aus dem Ausland decken müsste. Passen die Verbraucher ihren Verbrauch an, reduziert sich dieser so genannte Redispatch-Bedarf entsprechend. Das Rot der StromGedacht-Ampel sei kein Grund zur Sorge, sondern zeige lediglich, „dass TransnetBW mehr als gewöhnlich dafür tun muss, das Stromnetz stabil zu halten, und dass Bürgerinnen und Bürger mit einem angepassten Stromverbrauch selbst einen aktiven Beitrag leisten können“, so eine TransnetBW-Sprecherin am Sonntag.

Was ist der Grund für die Warnmeldung?

Die Gründe sind ein hohes Windaufkommen im Norden Deutschlands und fehlende Leitungskapazitäten, um den Strom nach Süddeutschland zu bringen. Da Angebot und Nachfrage im Netz aber im Gleichgewicht sein müssen, um die Stabilität des Stromnetzes und damit die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, muss für den Süden zusätzliche Kraftwerkskapazität zugekauft werden. Im aktuellen Fall sind es mehr als 500 Megawatt – die Leistung eines kleineren Kohlekraftwerkes –, die TransnetBW im Ausland zukaufen muss. Das entspricht in etwa der Menge, die auch bei der ersten Warnmeldung Anfang Dezember fehlte.

Gab es solche Meldungen schon früher?

Die Pushnachricht, die am Samstagabend gegen 22.30 Uhr auf alle Smartphones kam, auf denen die App StromGedacht installiert ist, war die zweite ihrer Art. Die erste kam am 6. Dezember 2022 und galt für den 7. Dezember. „Diese Art von Meldung ist neu – nicht aber die Lage, auf der sie beruht“, sagt Tobias Federico, Geschäftsführer der auf Energiethemen spezialisierten Berliner Beratungsfirma Energy Brainpool. Die Ampel in der TransnetBW-App sei als Hinweis zu verstehen, „beim Verbrauch den Fuß ein bisschen vom Gas zu nehmen. Das ist günstiger als die Standardmaßnahmen, also Stromimport oder das Abschalten einzelner Lasten“.

Was bringt es, wenn die Verbraucher mithelfen?

Die Übertragungsnetzbetreiber haben im Jahr 2021 mehr als zwei Milliarden Euro für Maßnahmen des Engpassmanagements wie Redispatch ausgegeben. Kosten, die die Stromverbraucher über die Netzentgelte tragen müssen. Zudem entsteht bei diesen Maßnahmen oft zusätzliches Kohlendioxid (CO2), weil im Süden Kohlekraftwerke angefahren müssen, während im Norden Windenergieanlagen abgeregelt werden. Eine Reduzierung des Verbrauchs hilft, solche Situationen und Kosten zu vermeiden. „Auch wenn sich der einzelne Beitrag vielleicht gering anfühlen mag“, wie es in der StromGedacht-App heißt.

Ist in diesem Winter die Lage angespannter als sonst?

Generell ja. Durch die schwierige Gasversorgungslage infolge des Ukrainekrieges, die derzeit nur begrenzt verfügbaren Atomkraftwerke in Frankreich und das Niedrigwasser des Rheins im Sommer, wodurch weniger Kohle zu den Kraftwerken gelangte, stehen Kraftwerke nicht in vollem Umfang zur Verfügung. So lange die Temperaturen aber vergleichsweise mild bleiben, gibt es keinen Grund zur Sorge vor Abschaltmaßnahmen (so genannter Brownout) oder Ausfällen. Der Redispatch-Bedarf von Sonntag wäre wohl auch in einem ganz normalen Winter ohne weitere belastende Faktoren wie den Ukrainekrieg aufgetreten.

Was kann die Politik tun?

Die Furcht vor einem Brownout (kontrollierte Abschaltungen) oder Blackout (unkontrollierte, großflächige Ausfälle) ist in der Energiekrise auch zum politischen Slogan geworden, häufig verbunden mit der Forderung, den Atomausstieg zurückzunehmen. Unabhängig davon rücken nun Probleme in den Blick der breiten Bevölkerung, die sich aus jahrelangen Versäumnissen beim Ausbau erneuerbarer Energien und entsprechender Stromtrassen aus dem windreichen Norden nach Süddeutschland ergeben. Wenn Solaranlagen etwa in Baden-Württemberg im Winter nur wenig Strom erzeugen, ist Süddeutschland neben dem Strom aus herkömmlichen Kraftwerken von Windkraftimporten aus Norddeutschland abhängig. Das folgende Schaubild zeigt, aus welchen Quellen Baden-Württemberg aktuell Strom erzeugt: Bis die für den Stromimport aus Norddeutschland nötigen „Stromautobahnen“ gebaut sind, sollten Gaskraftwerke das Stromnetz stabilisieren. Dieser Plan ist durch den Ukrainekrieg und die Verwerfungen am Gasmarkt ins Wanken geraten. Um weitere teure Stromimporte zu vermeiden, fordert TransnetBW mehr Unterstützung beim Netzausbau und schnellere Genehmigungsverfahren für erneuerbare Energien.