Heldenverehrung: Vor dem Stadion wird an die drei United-Legenden George Best, Denis Law und Bobby Charlton erinnert. Foto: Steve Aland / Manchester Tourismus, Coloures-pic/Fotolia

Fußballreisen sind in allen Gesellschaftsschichten beliebt. Wer zum Beispiel ein Spiel von Manchester United anschauen will, der braucht Geld und gute Nerven. Ein Selbstversuch im Herzen des Fußball-Kapitalismus.

Es ist die 50. Spielminute, und es steht so was von null zu null: kaum Chancen, kaum Bewegung auf dem Feld. Der Sohn, für den Manchester United auch an schlechten Tagen die beste Mannschaft der Welt ist, kann sich trotzdem an allem nicht sattsehen. Schließlich erfüllt sich für ihn gerade ein Traum. Seine Mutter aber, die nur wegen ihm im Old-Trafford-Stadion ist, wird auf ihrem gepolsterten Sitz langsam unruhig: Ein Tor wolle sie aber schon sehen, sagt sie zu ihrem Mann, und zwar am besten eins von Bastian Schweinsteiger - dem berühmten Deutschen, der als erster Deutscher für das berühmte Manchester United spielt. Ja, ein Tor wäre schon schön. Schließlich haben Vater, Mutter und Sohn jeweils 200 Euro für ihren Sitzplatz in Reihe 26 bezahlt. 200 Euro! Die Tickets sind das Teuerste an der ganzen Reise. Der Direktflug mit Ryanair von Stuttgart nach Manchester kostet hin und zurück zwischen 70 und 80 Euro pro Person, das Dreibettzimmer im Drei-Sterne-Hotel zusammen etwa 165 Euro pro Nacht - inklusive Frühstück. Natürlich darf man auch für 200 Euro kein Tor erwarten.


Ein Stadion, das sich auch „Theater der Träume“ nennt

Aber man darf davon träumen. Schließlich wird hier in einer der heiligen Stätten des Fußballs gespielt. Ein Stadion, das sich auch „Theater der Träume“ nennt. Es geht auch billiger, aber nicht sehr viel: Auf normalem Wege ein Ticket in England zu erwerben, das kann man von Deutschland aus nur, wenn man Mitglied des entsprechenden Clubs wird. Für Manchester United bedeutet dies zunächst einmal: Rund 48 Euro Jahresbeitrag zahlen, dann kann man online am kurzen, aber heftigen Wettrennen teilnehmen, wenn jeweils ein paar Wochen vorher der Vorverkauf für die einzelnen Saisonspiele beginnt. Verkauft werden dort allerdings nur relativ wenige Resttickets. Die besten und meisten Plätze gehören Dauerkarten-Inhabern, die eher sterben würden, als ihre Dauerkarte aufzukündigen. Die Wartezeit für Dauerkarten wird nicht in Jahren gemessen, sondern in Jahrzehnten. Selbst die Resttickets kosten zwischen 60 und 75 Euro. Wobei man dann in der Regel im Stadion weit oben „bei den Tauben unterm Dach“ sitzt, wie Markus Tiekmann sagt. Tiekmann ist Chef des Reiseunternehmens „Ticket and Travel“ aus Lippetal in Nordrhein-Westfalen. Er ist einer von mehreren Anbietern, die auftauchen, wenn man im Internet nach Karten für Fußballspiele in England sucht.


Tiekmann bietet - wie auch andere deutsche Reiseveranstalter - Pauschalpakete an: Für zwei Übernachtungen in Manchester plus ein Ticket verlangt er bei normalen Spielen 349 Euro, bei Spitzenspielen sind es 499 Euro, da kostet dann ein Ticket schnell mal 350 Euro oder mehr. Das Reiseunternehmen Thomas Cook, laut dem Tourismusverband von Manchester offizieller Partner von Manchester United in Sachen Fußballreisen, ist preislich etwas günstiger. Ob deren Tickets aber so gut sind wie die, die Tiekmann aufzutreiben versteht, ist eine offene Frage, wahrscheinlich auch ein bisschen Geschmackssache. Für Spiele des FC Liverpool seien Eintrittskarten noch teurer, sagt Tiekmann, weil das Stadion kleiner und der Kult um den Verein vor allem in Osteuropa noch größer sei. Wer hingegen in London ein Spiel der Topvereine Arsenal oder Chelsea anschauen wolle, der zahle zwar fürs Spiel etwas weniger, müsse aber im Gegenzug mit höheren Hotelpreisen rechnen. Für eine Fußballreise braucht es also Geld und gute Nerven: Anbieter wie „Ticket and Travel“ liefern die bestellte Ware immerhin schon rund eine Woche vor dem Spiel.


Man sollte davon absehen, direkt vor dem Stadion Tickets auf dem Schwarzmarkt zu kaufen

Wer allerdings nur Tickets und kein Hotel dazu möchte, der muss sich im Internet Zwischenhändlern anvertrauen, die die Karten zum Teil erst ein oder zwei Tage vor dem Anpfiff liefern - gerne auch in das gewählte Hotel vor Ort. Laut dem Tourismusverband in Manchester zählen zu den Zwischenhändlern, denen man trauen kann („trusted resellers“), die Internetportale www.ticketbis.net und www.stubhub.co.uk. Die Firmen operieren allerdings nicht von England aus, dort ist der Wiederverkauf von Tickets seit einer Stadionkatastrophe verboten. Laut Tiekmann sollte man daher in jedem Fall davon absehen, direkt vor dem Stadion Tickets auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. „Wenn Sie von einem Polizisten erwischt werden, sitzen Sie sechs Stunden auf der Wache“, sagt er. Tiekmann ist seit über 13 Jahren im Fußballreisen-Geschäft. Angefangen hat er mit Busfahrten zu Spielen in England. Dreizehneinhalb Stunden Fahrt von Dortmund aus - Tiekmann nennt das „die Hammervariante“. Als Problem bei dieser Art von Massentourismus hat sich dann im Lauf der Zeit der Mangel an verfügbaren Eintrittskarten herausgestellt. „Wenn ich für ein Spiel 100 Karten nachfrage, dann spielt der Preis verrückt“, sagt er.


Tiekmann macht deshalb keine Busfahrten mehr, er organisiert Karten und Hotel nur noch auf Bestellung. Wie er an die Karten kommt? Nun ja, sagt er, er sei halt gut vernetzt. Viel laufe über Dauerkarten, die die Besitzer nicht in Anspruch nehmen wollen oder können und die daher für einzelne Spiele auf dem Markt sind. Wobei auch Heimspiele von Borussia Dortmund und Bayern München inzwischen sehr begehrt sind - vor allem auch bei Engländern, Skandinaviern, Österreichern oder Schweizern. Tiekmann hat auch Dortmund-Spiele im Programm. Bei jedem Heimspiel fülle er inzwischen ein Hotel in Dortmund, sagt er. Der Mangel an Tickets sei bei den beiden deutschen Topvereinen inzwischen allerdings ähnlich groß wie in England, sagt Tiekmann. Zum Fußball zu gehen, sei jetzt in allen gesellschaftlichen Schichten schick. „Früher war das noch anders.“ In Italien hingegen, wo Vereine wie AC und Inter Mailand einst den europäischen Fußball dominierten, ist es schon seit längerem ziemlich leicht, an Karten zu kommen.


„Come on, Swainstaigrr!“

Die Stadien sind meist nur halb voll und oft in schlechtem Zustand. Selbst in Spanien braucht man nicht unbedingt Hilfe von Zwischenhändlern, wenn man ein Heimspiel von Real Madrid oder dem FC Barcelona sehen will. Nur wenn die beiden Teams im sogenannten Clasico aufeinandertreffen, wird es eng. Ansonsten bekomme man die Karten fast schon nachgeschmissen, sagt Tiekmann. „Wer dahin will, sollte vor dem Stadion für 30 Euro eine Karte kaufen“, empfiehlt er. Es ist die 52. Spielminute in Manchester. Noch immer kein Tor. „Come on, Swainstaigrr!“, ruft ein englischer Fan. Die Gäste aus Deutschland - die Mutter, der Vater und der Sohn - schmunzeln in sich hinein. Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, tut sich eine Chance auf: Ein Schuss eines ManU-Spielers von der Strafraumgrenze, der Torwart reckt sich, doch das Ding ist drin. Das Old Trafford bebt. Mehr als 75 000 Zuschauer vereinen sich in ihrer Erleichterung mit einem einzigen Schrei. Allein für diesen Moment hat sich die Reise schon gelohnt. Oder wie sagte doch Tiekmann: „Sie werden dort etwas erleben, was Ihnen kein Mallorca-Urlaub bringen kann.“

Infos zu Manchester

Manchester


Anreise

Direktflüge nach Manchester gibt es unter anderem von Frankfurt (Lufthansa) und Stuttgart (Ryanair) aus. Die Flugzeit beträgt zwischen anderthalb und zwei Stunden.
Vom Flughafen Manchester fahren Busse und Züge in rund einer halben Stunde in die Innenstadt, www.lufthansa.com , www.ryanair.de


Shopping

Manchester hat heute ca. 520 000 Einwohner, im dortigen Ballungsraum leben 2,6 Millionen Menschen. Die Stadt war früher eine hässliche Industriestadt, hat sich aber herausgeputzt. Vor allem in der Innenstadt dominieren große Warenhäuser und schicke Modegeschäfte. Für Shopping-Fans besonders interessant ist das Trafford Centre etwas außerhalb der Stadt, http://intu.co.uk/traffordcentre .
Dort gibt es mehrere Hundert Shops. Für Raucher ist England hingegen kein Einkaufsparadies: Eine Schachtel Zigaretten kostet dort rund zehn Euro.


König Fußball

In Manchester sind zwei internationale Topvereine beheimatet: Manchester City, www.mcfc.co.uk , das sein Stadion in der Stadt hat, und der weltberühmte Club Manchester United, dessen Team etwas außerhalb im Old Trafford spielt, www.manutd.com/Splash-Page.aspx .
Zum Old Trafford kann man bequem mit der Straßenbahn hinfahren. Dort gibt es am Stadion einen großen Fanshop mit hohen Preisen. Für umgerechnet rund 27 Euro pro Person kann man an einer rund einstündigen Führung durch das Stadion teilnehmen (nicht an Spieltagen).


Museen

Die Museen in Manchester kosten keinen Eintritt, man darf aber gerne etwas spenden. Wer über die industriellen Anfänge der Stadt, auf die ja der berühmte politische Begriff „Manchester-Kapitalismus“ zurückgeht, mehr wissen will, der sollte ins „Museum of Science and Industry“ gehen, http://msimanchester.org.uk/
Und natürlich gibt es in dieser fußballverrückten Stadt auch ein Nationales Fußball-Museum. Dort wird unter anderem an das berühmte Wembley-Tor im WM-Finale 1966 gegen Deutschland erinnert. Dass der Ball nicht drin war, wird allerdings höflich verschwiegen, www.nationalfootballmuseum.com


Essen und Trinken

Burger, Fish and Chips - das englische Essen ist nicht gerade sehr einfallsreich. Selbst viele Engländer gehen daher lieber zum Chinesen oder zum Inder. Ein gutes indisches Restaurant ist zum Beispiel das La Qila (310 Deansgate). Unweit davon ist das Hilton-Hotel im Beetham-Tower. Dort befindet sich im 23. Stock eine Bar mit Glasfront und fantastischer Aussicht (Cloud 23). Das Ganze wirkt ein wenig sehr vornehm. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist eher mau, aber ein Besuch lohnt sich trotzdem. Turnschuhe sind übrigens nicht erlaubt, und unter 18-Jährige müssen um 17 Uhr gehen.

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