Navigations-Apps sind für ihn unerlässlich: Florian Eckhardt plant seinen Arbeitsweg täglich neu. Foto: Jelena Maier-Kasparek

Sechs Wochen nach dem Brand im Engelbergtunnel kämpfen tausende Pendler der Region mit langen Staus und Umleitungen. Wie sich der Alltag für viele verändert hat.

„Ich lerne die Region so ganz neu kennen“, scherzt Mike Bruster, „aber leider in der falschen Form“. Seit dem Sattelzug-Brand im Engelbergtunnel, der dessen Teilsperrung nach sich zog, muss der 34-Jährige täglich große Umwege in Kauf nehmen. So wie tausende weitere Pendler.

 

Auch rund sechs Wochen nach dem Feuer ist nur eine der beiden Spuren in der stark beschädigten Weströhre wieder frei. Obwohl Bruster humorvoll wirkt: sein Tagesablauf hat sich verändert, seine Routine muss er nun anpassen. Statt über die A81, fährt er auf seinem Arbeitsweg von Höfingen aus „über die wildesten Dörfchen im Strohgäu“. Und das, obwohl die Strecke zu seinem Arbeitsplatz in Ludwigsburg gar nicht durch den Tunnel führt.

Verkehrschaos belastet Pendler in der ganzen Region

Doch die Auswirkungen der Sperrung sind in der ganzen Region spürbar. „Da bricht jeden Tag ein massives Verkehrschaos aus.“ Um überhaupt voranzukommen, verlässt er sich inzwischen vollständig auf Navigations-Apps. „Bei der aktuellen Verkehrssituation traue ich mich gar nicht ohne“, erklärt Bruster. Häufig führt ihn die schnellste Route über Hirschlanden, Schöckingen und Schwieberdingen. „Aber eigentlich fahre ich jeden Tag einen anderen Weg nach Hause -je nachdem, wo es gerade am wenigsten Stau gibt.“

Die Folgen sind deutlich spürbar. Statt der üblichen 20 Minuten dauert Brusters Arbeitsweg inzwischen bis zu einer Stunde. In Extremfällen sogar noch länger: „Letztens habe ich mehr als anderthalb Stunden im Auto gesessen.“ Seit Wochen fährt er bereits rund 90 Minuten vor Arbeitsbeginn los. Oftmals sei er dann zwar zu früh da, aber das stört Bruster nicht. „Ich sammle viele Überstunden zurzeit“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Engelbergtunnel gesperrt: Wenig Verständnis für fehlende Ersatzteile

Dass die Reparaturarbeiten Zeit in Anspruch nehmen, kann er nachvollziehen. Weniger Verständnis hat er jedoch für die Verzögerungen durch fehlende Ersatzteile wie Videokameras oder Abluftventilatoren. Nach Angaben der Autobahn GmbH ist weiterhin unklar, wann diese geliefert werden können.

„Ich frage mich schon, wieso bei einem Projekt in der Größenordnung nicht weiter vorausgedacht wurde“, sagt der 34-Jährige. Zumal der Tunnel in den vergangenen Jahren immer wieder gesperrt gewesen sei. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er an beiden Seiten mal über längere Zeit komplett offen war“, ergänzt Bruster, der seit 2016 in der Region lebt.

Bahn für beide Pendler keine Alternative

Ein Umstieg auf die S-Bahn kommt für ihn dennoch nicht infrage. Zwar dauert die Verbindung von Höfingen nach Ludwigsburg theoretisch etwa 40 Minuten – in der Praxis sehe das jedoch oft anders aus. „Und das immer – unabhängig von Tunnelsperrungen.“ Neben der Unzuverlässigkeit sprechen für Bruster auch die längere Gesamtfahrzeit und die Ticketpreise gegen die Bahn. Selbst die aktuell hohen Spritkosten ändern nichts an seiner Entscheidung: Das Auto bleibt für ihn, trotz aller Probleme, das verlässlichste Verkehrsmittel.

Ähnlich sieht es Florian Eckhardt, der mehrmals wöchentlich von Kornwestheim nach Leonberg pendelt. Auch für den Redaktionsassistenten der Leonberger Kreiszeitung sprechen Kosten und Unpünktlichkeit gegen die S-Bahn. „Ich hoffe einfach, dass der Tunnel bald wieder vollständig geöffnet wird“, sagt er. Im Idealfall dauert seine Strecke rund 25 Minuten – aktuell sind es meist 50 Minuten oder mehr. „25 Minuten mehr klingen nach wenig, aber es ist eine Verdopplung.“

Der Verkehr drängt sich durch die Ortschaften an der A81. Foto: Simon Granville

Eckhardt plant seine Route jeden Morgen neu. „Ich kann nicht blindlings drauf losfahren“, sagt er, „die Strecke kann täglich anders aussehen, weil immer wieder Staus und Unfälle passieren.“ Die bewährteste Route leitet ihn über Schöckingen, Höfingen und Gebersheim in die Engelbergstadt. Trotz aller Belastungen versucht er, wie auch Bruster, der Situation etwas Positives abzugewinnen: „Mein Arbeitsweg ist ein bisschen wie Sightseeing, ich komme durch Gegenden, die ich vorher nicht kannte.“

Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass die Fahrt nach Navi die Anwohner belaste. Der Ausweichverkehr durch Wohngebiete bereitet Eckhardt Unbehagen, wenn sich die Autokolonnen durch enge Straßen zwängen. „Da habe ich schon ein komisches Gefühl“, sagt er. Immerhin beobachte er, dass inzwischen weniger Lastwagen durch die Ortschaften fahren. Viele Menschen seien aber immer rücksichtsloser, weil sie aufgrund der Verkehrssituation unter Zeitdruck stehen. Er selbst habe sich aber an die Lage gewöhnt und versucht, optimistisch zu bleiben: „Es hätte viel schlimmer kommen können – für die Beteiligten am Unfall und für alle anderen.“