Nach dem Großbrand im Engelbergtunnel: Ist es gerecht, dass eine Kommune die Spezialausbildung für eine Bundesinfrastruktur finanzieren muss, fragt sich unsere Autorin Ulrike Otto.
Wer noch nie in einer Feuerwehr-Uniform gesteckt hat, kann sich nur schwer vorstellen, wie das ist. Der Alarm geht los, innerhalb weniger Minuten ist man unterwegs zum Einsatz. Abgesehen von Basisinfos wissen die Feuerwehrleute erst wenn sie angekommen sind, was sie erwartet.
Etwa eine hilflose Person in einer verschlossenen Wohnung. Jemand, der nach einem Unfall im Auto eingeklemmt ist. Ein brennender Mülleimer, ein Dachstuhl in Vollbrand. Die Bandbreite der Einsätze der hiesigen freiwilligen Feuerwehren ist breit. Und das wird auch wöchentlich trainiert.
Menschen retten, Eigentum schützen und selbst unversehrt bleiben
Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt, jeder weiß, was genau die eigene Aufgabe ist. Immer und immer wieder, bis man es buchstäblich im Schlaf kann. Immer mit drei Zielen im Blick: Menschenleben retten, Eigentum schützen und – genauso wichtig – selbst heil wieder vom Einsatz zurückkommen.
Wenn der Einsatzort aber Engelbergtunnel heißt, dann ist das ein ganz anderes Kaliber. Wie der Großbrand vom 3. März gezeigt hat, kann der Autobahntunnel schnell zur tödlichen Falle werden. Große Hitze, dichter Rauch, eingeschränkte Fluchtmöglichkeiten – das sind extreme Bedingung für Rettungseinsätze. Die man nur schwer bei Übungen realistisch nachstellen kann.
Deshalb ist es für die Stadt Leonberg gar keine Frage, alle zwei Jahre 24 ihrer fast ausschließlich ehrenamtlichen Brandschützer auf einen speziellen Lehrgang in die Schweiz zu schicken. Bislang gibt es in Europa nur an der International Fire Academy einen Übungstunnel für solche Szenarien.
Gut 50 000 Euro kostet dieser zweiwöchige Lehrgang. Das sind knapp über 2000 Euro pro Person. Zum Vergleich: Die Sanierung des 400 Meter langen Abschnitts in beiden Tunnelröhren kostet ungefähr 130 Millionen. Der Brandschaden vom 3. März wird auf 10 bis 15 Millionen Euro beziffert. 50 000 Euro alle zwei Jahre – oder 100 000 Euro, wenn man auch Gerlingen unterstützen würde – nehmen sich da wie Peanuts aus. In der Industrie gibt es zu dem Preis gerade mal drei Tage dauernde Fortbildungen.
Das Regierungspräsidium Stuttgart – damals noch zuständig für die Autobahnen - hat einen solchen Lehrgang für die Feuerwehren Leonberg, Gerlingen und Ditzingen 2018 finanziert, bevor die große Baustelle im Engelbergtunnel begann. Seitdem gab es keine finanzielle Hilfe des Bundes mehr für die zuständigen Feuerwehren, obwohl der Tunnel Teil der kritischen Infrastruktur ist.
Die mittlerweile zuständige Autobahn GmbH weist die Verantwortung von sich. Man sei nur für den Straßenbau zuständig, Brandschutz sei aber Sicherheit und Ordnung, also Aufgabe des Innenministeriums.
Das wiederum verweist auf einen jährlichen Lehrgang in der Schweiz zum Thema Tunnel, den es finanziert. Dieser ist zweieinhalb Tage lang , und es dürfen nur Einzelvertreter von Feuerwehren hin – als Multiplikatoren sollen sie ihr Wissen weitergeben.
Wie wichtig die Ausbildung ist, hat der Großbrand gezeigt
Da bekommt man schnell den Eindruck, dass hier Verantwortung einfach von oben nach unten weitergeschoben wird. Ganz unten sind die Städte Leonberg und Gerlingen. Da sind die ehrenamtlichen Feuerwehrleute, die ihre Freizeit opfern, um anderen zu helfen und unsere Region sicher zu halten.
Dass sie von den Verantwortlichen und Bund und Land mit dieser großen Aufgabe, die der Engelbergtunnel darstellt, so allein gelassen werden, ist schon fast fahrlässig. Nicht nur, dass es die Kommunen finanziell stärker belastet. Es signalisiert Desinteresse an dieser so wertvollen ehrenamtlichen Arbeit.
Wie wichtig diese ist, hat der 3. März eindrucksvoll gezeigt. Kein Mensch ist an jenem Tag gestorben, der Schaden konnte begrenz werden. Und alle Einsatzkräfte sind am Ende wieder heil nach Hause gegangen.