Das kleine, pittoreske Künstlerviertel in Böblingen dämmert seit Jahren vor sich hin. Das will Tamara Atexinger nicht länger hinnehmen und gründet eine Bürgerinitiative.
Es könnte zu den schönsten und gemütlichsten Ecken in Böblingen zählen, würde es nicht seit Jahren im Dornröschenschlaf liegen. Die Rede ist vom Künstlerviertel mit seinen kleinen bunten Häusern, im Herzen der Stadt zwischen Postplatz und Pestalozzihof gelegen.
Das Viertel war in den 1980er- und 1990er Jahren einst ein angesagter Szene-Treffpunkt. Zeiten, die lange vorbei sind. Zwischen leeren und verrammelten Häusern halten nur noch das Restaurant„Da Alfredo“ und die „Kanne“ einsame Stellung.
Das will eine neue Bürgerinitiative nicht länger akzeptieren. Sie will aufrütteln und zeigen, dass den Böblingerinnen und Böblingern das Viertel am Herzen liegt und sie dort wieder mehr unternehmen möchten. „Inzwischen hat man sich an den Stillstand gewöhnt“, sagt Tamara Atexinger, Gründerin der Bürgerinitiative. „Aber das kann doch nicht das Ziel sein, nicht von den Hauseigentümern, nicht von der Stadtverwaltung und auch nicht von uns.“
Wohin geht Böblingen aus?
Atexingers Auslöser, sich stärker mit dem Künstlerviertel zu beschäftigen, war ihre Kandidatur für den Gemeinderat bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr. Sie trat für die SPD an und hatte die Wiederbelebung des Künstlerviertels zu ihrem Wahlkampfthema gemacht. Den Einzug ins Gremium verpasste sie, doch das liebevoll „KüVi“ genannte Quartier ließ sie nicht mehr los.
Anfang Juli dieses Jahres lud sie im Namen des SPD-Stadtverbands zu einem Workshop ins Irish Pub ein. Die Frage lautete: Böblingen geht aus – aber wohin? In Ryan Nee, dem Pub-Inhaber, hat Atexinger einen bereitwilligen Mitstreiter gefunden. Das Pub liegt in der Breiten Gasse in Böblingen und damit gegenüber der Häuser, die zu Teilen leer stehen. Zwar laufe das Pub gut, sagt Nee. Trotzdem wünscht er sich mehr Leben im Viertel und ein vielfältiges Angebot, von dem seiner Meinung nach alle profitieren könnten.
Kein Künstlerviertel 2.0
Etwa 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben beim Workshop Wünsche und Ideen für ihr „KüVi“ gesammelt. Am Ende des Abends gründete sich die Bürgerinitiative, die einmal im Monat zusammenkommt. Inzwischen liegt das zweite Treffen hinter ihr und Atexinger hat einige Mitstreiter ins Irish Pub eingeladen, um über die Ziele der Initiative zu sprechen.
„Wichtig ist: Es soll kein Künstlerviertel 2.0 werden“, betont sie. Stattdessen wünschen sich die Workshopteilnehmer Straßenmusik, Orte, um draußen zu sitzen, und eine Nutzung des Viertels, die sich nicht nur auf den Abend beschränkt. Der Fokus liegt auf gastronomischen Angeboten – die Vorschläge reichen von einem Frühstückscafé über ein Restaurant mit Mittagstisch bis hin zu einer Bar, die nicht zu teuer sein soll.
Die günstige Bar ist vor allem ein Wunsch der jungen Leute, sagt Jugendgemeinderat Ilias Baumann, der beim Treffen im Pub dabei ist. Seine Vision für das Künstlerviertel: In den oberen Stockwerken bezahlbarer Wohnraum für Studenten und Auszubildende, unten Gastronomie.
Bürgerinitiative als Bindeglied
Bei allem Enthusiasmus sind sich Atexinger und ihre Mitstreiter bewusst, dass die Ausgangslage komplex ist. Die Häuser zwischen Breiter und Enger Gasse gehören unterschiedlichen Privateigentümern, mit unterschiedlichen Interessen. So hatten Stadtverwaltung und Gemeinderat 2022 Pläne, einen Teil des Künstlerviertels abzureißen und in den Neubauten betreutes Wohnen für Senioren anzubieten, abgelehnt. Der Eingriff ins Straßenbild sei zu massiv, lautete damals eine Begründung.
Umso positiver bewertet es Atexinger, dass am Workshop einige der Eigentümer teilgenommen haben. Es bestehe also durchaus Interesse an einem Austausch. Und genau darin sieht sie eine zentrale Aufgabe der Bürgerinitiative – als Bindeglied zwischen Eigentümern, Stadtverwaltung und Anwohnern des Künstlerviertels zu dienen.
Wie die Initiative ihren Zielen näher kommen könnte
Als Mitarbeiterin der Stadt Leinfelden-Echterdingen bringt Atexinger zudem kommunale Verwaltungserfahrung mit und hat als Mitglied des SPD-Stadtverbands gute Kontakte in die SPD/Linke-Fraktion des Böblinger Gemeinderats. So steht etwa diese Überlegung im Raum: Im Gemeinderat zu beantragen, den Geltungsbereich des Sanierungsgebiets „Böblingen Mitte“ zu erweitern, damit es das ganze Künstlerviertel umfasst.
Bisher endet der Geltungsbereich nämlich nördlich der Breiten Gasse. Die Zugehörigkeit zum Sanierungsgebiet hätte unter anderem den Vorteil, dass Privatpersonen einfacher Fördergelder für Haussanierungen beantragen könnten und die Stadt ein Vorkaufsrecht hätte.
Es gibt also nicht nur Ideen für das Künstlerviertel, sondern auch Ideen, wie diese sich erreichen ließen. Wichtig ist Atexinger: „Wir möchten nicht, dass ein Konzept von außen kommt, sondern ein Konzept, das mit den Bürgern zusammen erarbeitet wurde.“ Dann, da ist sie sich sicher, werden die Angebote auch auf die entsprechende Nachfrage treffen.
Weitere Engagierte willkommen
Mitmachen?
Das nächste Treffen der Bürgerinitiative (BI) findet am Mittwoch, 17. September, um 20 Uhr, im Irish Pub in der Breiten Gasse statt. Bei diesem Treffen will die BI ihre Forderungen für das Künstlerviertel konkret ausformulieren. Wer mitmachen will, kann sich auch unter der E-Mail-Adresse info@prokuevi.de melden.
Kommunale Sanierungsgebiete
können ausgewiesen werden, um Teile des Stadtgebiets aufzuwerten, zu verbessern oder umzugestalten. Es muss allerdings ein öffentliches Interesse daran bestehen. Als Teil des Sanierungsgebiets „Böblingen Mitte“ wurde beispielsweise die Bahnhofstraße umgestaltet und der Bürger- und Stadtteiltreff „Treff am See“ eingerichtet.