Der Energieversorger ist nach Wangen in ein rundum erneuertes Gebäude übergesiedelt. Die Wärme stammt aus dem Abwasser, der Strom aus PV-Anlagen – selbst der Aufzug erzeugt beim Bremsen Energie. Am Sonntag kann sich jeder selbst einen Eindruck verschaffen.
So geht Zukunft – das wollen die Stadtwerke Stuttgart an ihrem neuen Firmensitz in der Kesselstraße 23 in Wangen demonstrieren, der in diesen Tagen eingeweiht wird. Am Sonntag, 21. Juli, sind auch alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen, sich den „Energie-Campus“ und die „Energie-Plaza“ anzuschauen, wie manches etwas großspurig genannt wird. Das Parkhaus heißt dort jetzt „Mobilitätshub“. Diese Zukunft umfasst im Übrigen nicht nur die Energieversorgung, sondern auch das moderne Arbeiten – selbst KI ist dafür im Einsatz.
Im Jahr 2011 sind die Stadtwerke gegründet worden, nachdem die Stadt zuvor ihre Anteile an der EnBW verkauft hatte. Sie haben von Anfang konsequent auf grüne Energien gesetzt; konventionellen Strom gab es dort nie zu kaufen. Mittlerweile ist das Unternehmen kräftig gewachsen, derzeit beschäftigen die Stadtwerke und die dazugehörigen Netze Stuttgart rund 600 Mitarbeiter, die an mehreren Standorten verstreut arbeiteten, etwa in der Innenstadt oder in Gaisburg. Nun sind alle in Wangen vereint. 40 000 Bürgerinnen und Bürger sind Kunde.
Man wolle der Motor der Energiewende in Stuttgart sein, bekräftigte Peter Drausnigg, der technische Geschäftsführer der Stadtwerke, bei der Einweihung für geladene Gäste. „Die Stadtwerke werden bis 2035 bis zu einem Viertel der Emissionen in Stuttgart reduzieren“, so Drausnigg. Das sei der größte Einzelbeitrag in Stuttgart. Bis 2035 will der Energieversorger 1,7 Terawattstunden grünen Strom selbst produzieren, 40 000 Wohnungen mit CO2-freier Wärme versorgen und 14 000 Ladepunkte für E-Autos aufstellen. Die EnBW leisten aber mit ihrem Wechsel von Kohle auf Gas und später auf Wasserstoff als Brennstoff ihrer Kraftwerke ebenfalls einen bedeutenden Beitrag.
Sensoren zeigen Bürobereiche an, wo derzeit niemand arbeitet
Die nachhaltige Herangehensweise der Stadtwerke bei ihrem neuen Firmensitz, der auch Lager und Werkstätten umfasst, beginnt schon beim Gebäude – man hat nicht neu gebaut, sondern die ehemaligen Räumlichkeiten der Autoservice-Firma Trost übernommen, entkernt und neu eingerichtet. Im Erdgeschoss befindet sich das gemütlich mit Sofas und Holzregalen bestückte Kundenzentrum. Dort können mit Videos und PC-Simulationen auch PV-Anlagen, Wärmepumpen oder Wallboxen vorgestellt und konfiguriert werden. Ein Bürger, der künftig Strom von den Stadtwerken beziehen will, wird das eher online machen, zumal der Weg nach Wangen für viele recht weit sein wird. Dennoch ist Drausnigg überzeugt, dass das Kundenzentrum viel Besuch bekommen wird: „Eine Wärmepumpe für 40 000 Euro kauft man nicht am Telefon.“ Ein Wärmetauscher aus einem nahen Abwasserkanal versorgt das Gebäude mit Wärme, PV-Anlagen auf dem Dach und am Parkhaus liefern Strom. Mithilfe von KI berechnet die Anlage etwa, wie viel Sonnenstrom am nächsten Tag zu erwarten ist und richtet die Versorgung darauf aus. Sensoren zeigen beispielsweise Bürobereiche an, wo derzeit niemand arbeitet. Licht und Heizung werden dort dann gedimmt. In Kooperation mit Siemens ist ein ausgeklügeltes digitales System entstanden, das CO2 und Geld spart. Siemens-Mitarbeiter Carsten Koch: „So vieles ist längst keine Science Fiction mehr.“
Im Parkhaus gibt es an 120 Plätzen eine Ladestation, nicht nur für E-Autos, sondern auch für E-Bikes und E-Roller. Die Fahrzeuge werden dann geladen, wenn die PV-Anlage viel Strom produziert; dennoch bleibt garantiert, dass das Fahrzeug vollgeladen ist, wenn der Mitarbeiter Feierabend hat, weil die KI Arbeitszeitmuster erkennt.
In den Büroräumen gibt es Kreativbereiche, Klimadecken und auch Eltern-Kind-Büros mit Spielsachen. Viel Wert wurde auf eine gute Lärmakustik gelegt. Stets stehen Kisten mit frischem Obst bereit. Einen eigenen Arbeitsplatz hat fast niemand mehr; man bucht online einen freien Platz. Das System ist so ausgeklügelt, dass man sogar nachschauen kann, wo genau sich bei einem medizinischen Notfall gerade der Ersthelfer im Haus aufhält.
An alles scheint gedacht im neuen „Energie-Campus“ der Stadtwerke Stuttgart – sogar der Aufzug rekuperiert beim Abwärtsfahren Energie. An diesem Sonntag kann sich jeder selbst ein Bild machen. Von 12.30 Uhr bis 18 Uhr bieten die Stadtwerke viele Angebote für Kinder und Erwachsene – der Kabarettist Christoph Sonntag tritt auf, man kann ein Wasserstoffauto zusammenbauen oder ein Wurftraining absolvieren.