Trotz vieler Bedenken: Eine Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat will erforschen lassen, ob Solarzellen in die Fassade des Stuttgarter Rathausturms integrierbar sind. Die CDU ist dagegen, die Freien Wähler sprechen von fragwürdiger Ästhetik, die AfD sieht gar die Bürger als „Laborratten“ missbraucht.
Stuttgart - Die Wogen schlugen hoch, als Mitte Mai im Technikausschuss des Gemeinderats eher beiläufig Pläne für ein Fotovoltaikanlage am Rathausturm präsentiert wurden. Insbesondere die CDU-Fraktion echauffierte sich über „die deutlichste Veränderung des Rathauskomplexes seit dem Zweiten Weltkrieg“. Aber auch Architekten und Klimaaktivisten hatten Bedenken geäußert.
Am Dienstag erläuterte der zuständige Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) das weitere Vorgehen – und räumte zugleich ein Argument ab, das von CDU-Seite gegen die Solarzellen am Rathausturm angeführt worden war: „Das Rathaus steht seit dem Umbau 2004 nicht mehr unter Denkmalschutz“, hielt Pätzold dem CDU-Stadtrat Carl-Christian Vetter entgegen, der kritisiert hatte, die Denkmalschutzbehörde sei bei dem Projekt auf Tauchstation gegangen.
Sowohl OB Fritz Kuhn als auch Pätzold verwiesen auf den hohen Symbolwert, den eine solche Anlage in der Fassade des Rathausturms habe. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen“, so Kuhn. „Wenn wir die Pariser Klimaschutzziele erreichen wollen, müssen wir auch an die Fassaden ran“, ergänzte Pätzold und sprach von einer „Vorbildfunktion“ der Stadt.
Rathausspitze sieht große Fortschritte bei Solardächern auf städtischen Gebäuden
Schon im Städtebauausschuss in der vergangenen Woche hatten Vertreter der Architektenschaft angeregt, den Rathausturm im Rahmen eines Pilotprojekts gemeinsam mit anderen geeigneten Standorten im Rahmen eines Forschungsprojekts zu untersuchen. Diese Idee hatte auch das Klima- und Umweltbündnis in den Raum gestellt. Die Rathausspitze hat diesen Vorschlag aufgegriffen: Im Lichte der Ergebnisse dieses Projekts werde man dann entscheiden, ob und wie die Fotovoltaikanlage in die Fassade des Rathausturms integriert werden könnten. Bürgermeister Pätzold legte eine Liste mit geplanten Anlagen vor: Demnach werden 2020 93 Anlagen auf städtischen Dächern und an Fassaden realisiert, knapp 130 weitere Standorte werden geprüft. Bis 2025 sollen dann zusätzlich knapp 500 Anlagen installiert werden, 2030 kommen rund 460 Anlagen dazu, die Stromerzeugung läge dann insgesamt bei rund 16 Megawatt.
Die CDU betonte zwar, man sei nicht generell gegen Fotovoltaik, brachte aber als Alternativen den Gaskessel in Gaisburg oder Brückengeländer über die B 27 in Spiel. Bei einem Anteil der Rathausanlage von 0,3 Prozent an den insgesamt geplanten Anlagen stelle sich die Frage der Verhältnismäßigkeit. Der Grüne Björn Peterhoff konterte: Es gehe darum, sichtbar zu machen, dass die Stadt die Energiewende vorantreibe. Auch Hannes Rockenbauch (Linksfraktion) zeigte sich mit dem Vorgehen der Verwaltung einverstanden, auch wenn er sich mehr Anstrengungen bei der Energiewende wünschen würde. Für die SPD betonte Susanne Kletzin, es gehe bei dem Projekt um die Tradition der Stuttgarter Baukultur: „Wir sollten auch in gestalterischer Hinsicht Vorbild sein.“ Die FDP bezweifelte zwar, dass eine Anlage von 300 Quadratmetern am Rathausturm der „große Wurf“ (Stadtrat Armin Serwani) sei, votierte aber mit Grünen, der Linksfraktion, der SPD und der Fraktionsgemeinschaft PULS für das Pilotprojekt.
Freie Wähler und AfD kritisieren Pläne für Rathausturm heftig
Mit die härteste Kritik kam vom Freie-Wähler-Fraktionschef Jürgen Zeeb: Er sprach von „fragwürdiger Ästhetik“ und verglich die Pläne mit jenen für Windräder im Tauschwald. Kai Goller (AfD) nannte das Vorhaben eine Verschandelung eines städtischen Wahrzeichens und betonte, es müssten erst alle Auswirkungen durch Lichtreflektionen auf die Umgebung geprüft werden, bevor man die Bürger zu „Laborratten“ mache. „Das geht zu weit und ist unanständig“, entgegnete ihm OB Kuhn. Grünen-Stadtrat Peterhoff empfahl Goller, künftig die entsprechenden Papiere genauer zu lesen, bevor er sich äußere: „Das steht drin, dass die Anlage komplett entspiegelt werden soll.“