Energiewende in Baden-Württemberg Zahl neuer Windkraftanlagen sinkt rapide

Von Alexander Del Regno 

Um effizient Strom zu erzeugen, ragen Windräder in Baden-Württemberg häufig auf Anhöhen, hoch über den Baumwipfeln empor, wie hier im Schwarzwald bei Freiburg. Foto: dpa
Um effizient Strom zu erzeugen, ragen Windräder in Baden-Württemberg häufig auf Anhöhen, hoch über den Baumwipfeln empor, wie hier im Schwarzwald bei Freiburg. Foto: dpa

Trotz vieler neuer Anlagen in den beiden vorigen Jahren hinkt Baden-Württemberg beim Ausbau der Windenergie hinter den eigenen Zielen her. Die Lösung, die derzeit in Berlin diskutiert wird, hält Stuttgart für unzureichend.

Stuttgart - Als Winfried Kretschmann 2011 sein Amt als Ministerpräsident antrat, wollten er und sein Umweltminister Franz Untersteller (beide Grüne) die Windkraft zu einem tragenden Pfeiler der Energiewende im Südwesten ausbauen. Doch vor allem die jüngsten Vergaberegeln machen diesen Plan zunichte. In der Windkraft herrscht Flaute. Die wichtigsten Zahlen und Fakten dazu im Überblick:

Welche Rolle spielen die Windkraft und andere erneuerbare Energien im Land?

Im Jahr 2017 haben laut dem Umweltministerium 684 Windenergieanlagen insgesamt gut zwei Milliarden Kilowattstunden Strom im Land erzeugt – mit dieser Menge kann man ungefähr 580 000 Drei-Personen-Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen. Seitdem im Südwesten die Grünen regieren, sind Windräder mit einer Leistung von gut 1000 Megawatt neu errichtet worden. Nunmehr, Stand Ende September 2018, beträgt die Leistung aller Windparks 1529 Megawatt. Wichtigste regenerative Energiequelle ist jedoch weiterhin die Fotovoltaik: Mit ihr wurden im vergangenen Jahr mehr als 5,2 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt.

Was sind die Ziele der Landesregierung?

Ursprünglich wollte die damalige grün-rote Landesregierung bis 2020 den Anteil der Windenergie auf zehn Prozent der Stromerzeugung in Baden-Württemberg ausbauen. Dieses Ziel hat sie längst verworfen. Der Anteil beträgt Ende vorigen Jahres 3,4 Prozent. Insgesamt beläuft sich der Anteil aller regenerativer Energien an der Stromerzeugung auf 27,5 Prozent; 38 Prozent waren einmal bis 2020 geplant.

Wie hat sich der Windkraftausbau zuletzt entwickelt?

Für die beiden Jahre 2016 und 2017 kann das Umweltministerium einen Aufwärtstrend vermelden: In dieser Zeit sind gut 700 Megawatt an Windkraftleistung neu entstanden – somit wurde der bisherige Bestand verdoppelt. Bis Ende September 2018 waren 719 Anlagen in Betrieb. Von den 1,4 Milliarden Euro, die 2017 in Erneuerbare-Energie-Anlagen investiert wurden, entfielen allein 600 Millionen Euro auf die Windkraft. Den Trend erklären Energieexperten jedoch mit sogenannten Vorzieheffekten: Bevor die neuen Vergaberegeln eingeführt wurden, wollten Projektentwickler noch von einfacheren Regeln profitieren.

Wie funktionieren die Vergaberegeln – und was sind ihre Folgen?

Das Ausschreibungsmodell hat die Bundesregierung 2017 eingeführt, um mehr Wettbewerb zu schaffen und die Förderkosten zu senken: Betreiber von Solar- und Windenergieanlagen müssen an Auktionen teilnehmen; den Zuschlag erhält, wer den Strom am günstigsten produzieren kann. Tatsächlich führt das neue System dazu, dass Projekte kaum noch Zuschläge erhalten, weil sie zu teuer sind. Schließlich ist es schwieriger, auf den Höhen der Schwäbischen Alb oder des Schwarzwaldes Anlagen zu errichten als im norddeutschen Flachland. Im Jahr 2017 wurde daher nur eine einzige Anlage im Land genehmigt – ein Jahr zuvor waren es noch 201; in diesem Jahr wurden bis Oktober 27 Windkraftanlagen genehmigt. Gebaut wurden 2018 in den ersten drei Quartalen 33 neue Windräder – in den beiden Jahren zuvor waren es jeweils um die 120. Auch die Zahl der Anträge für Baugenehmigungen ist eingebrochen und verdeutlicht die Folgen des Ausschreibungsmodells: Sie sank von 120 in den Jahren 2015 und 2016 auf rund 40 im vorigen und etwa 20 in diesem Jahr.

Was tut die Landesregierung dagegen?

Umweltminister Franz Untersteller pocht auf eine „Regionalisierungsquote“: Eine bestimmte Menge an neuen Windkraftanlagen soll demnach obligatorisch südlich des Mains errichtet werden, denn jüngst wurden rund 90 Prozent aller Anlagen nördlich der Flusslinie genehmigt – und nur ein Zehntel südlich davon. Dieser Anteil sollte verdoppelt werden, lautet eine Forderung des Ministers. Statt einer festen Quote plant Berlin nach Informationen unserer Zeitung indes ein Vergütungssystem – Anlagenentwickler können demnach 0,3 Cent pro Kilowattstunde von ihrem Preis abziehen, mit dem sie in das Bieterverfahren gehen. Zur Erinnerung: Derjenige, der den niedrigsten Produktionspreis pro Kilowattstunde anbieten kann, erhält den Zuschlag.

Bietet diese Vergütung eine Lösung für die ungleiche Verteilung der Windparks?

Keineswegs, heißt es aus der Windkraftbranche. Und auch Franz Untersteller winkt ab: Der Bonus müsse die tatsächlichen Mehrkosten abdecken, die aufgrund der Topografie im bergigen Süden gegenüber einem Standort im norddeutschen Tiefland unvermeidbar seien, sagte der Umweltminister unserer Zeitung. „Nach allem, was wir bisher von Projektierern hierzu hören, bezweifle ich, dass der aktuell diskutierte Zuschlag von 0,3 Cent je erzeugter Kilowattstunde hierfür ausreicht“, so Untersteller weiter. Auch das Energieministerium in Rheinland-Pfalz, das durch die Vergaberegeln ebenfalls einen Rückgang der Windkraft verzeichnet, fordert eine feste Quote und beklagt auf Anfrage: „Ein Bonus von 0,3 Cent je Kilowattstunde erscheint eher als untere Grenze.“

Was hemmt den Ausbau noch?

Der Schutz des Rotmilans: Der in manchen Gebieten gefährdete Greifvogel ist insbesondere in Baden-Württemberg verbreitet. Auf rund 1000 Brutpaare wird sein Bestand landesweit geschätzt. Weil Windräder eine Gefahr für die Tiere bedeuten, dürfen Projekte nicht umgesetzt werden, wenn die Vögel in der Nähe brüten. Auch seltene Fledermausarten schränken Planungen ein. Hinzu kommen zahlreiche Bürgerinitiativen, die den Bau von Windparks bremsen oder verhindern, weil sie etwa Einbußen im Tourismus befürchten. In Baden-Württemberg stören sich Windkraft-Gegner besonders daran, dass die Windräder auf weithin sichtbaren Höhenzügen, in Wäldern und mit bisweilen mehr als 200 Metern empor ragen – damit sie in der bergigen Landschaft des Südwestens effizient Strom erzeugen können.

Was passiert, wenn der Ausbau erliegt?

Dann muss mehr Windstrom aus dem Norden gen Süden transportiert werden. Das würde, sagt Umweltminister Untersteller, einen zusätzlichen Ausbau der Stromnetze mit sich bringen. Bislang sind drei Höchstspannungsleitungen längs durch die Republik geplant, zwei davon enden in Baden-Württemberg. Diese Stromautobahnen rufen, ähnlich wie Windräder, massive Proteste der Anwohner hervor. Daher stockt deren Bau und verschlingt Milliarden.

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