Noch fließt Erdgas durch die Leitungen von Terranets BW – ab 2030 kann es auch Wasserstoff sein. Foto: Terranets BW

Wasserstoff gilt als das Rückgrat der Energiewende, denn damit können Kraftwerke laufen, Lastwagen fahren und Industriebetriebe produzieren. Der Fernleitungsbetreiber Terranets BW plant eine neue Leitung von Mannheim in die Region Stuttgart – in acht Jahren fließe der Wasserstoff erstmals.

Dem Ganzen haftet noch eine Aura des Unwirklichen und Utopischen an. Denn noch weiß niemand, woher der grüne Wasserstoff für Baden-Württemberg einmal kommen soll, und noch weiß niemand, wer die Abnehmer sein werden. Dennoch wird bereits konkret am Aufbau eines Transportnetzes gearbeitet. Im Südwesten soll die erste Leitung 2030 in Betrieb gehen.

 

Zuständig ist im Land vor allem der Fernleitungsbetreiber Terranets BW, eine Tochter der EnBW. Dessen energiepolitischer Leiter Christoph Luschnat betont, wie wichtig es sei, diese Technologie voranzutreiben: „Ohne Wasserstoff wird das ganze System nicht funktionieren.“ Auch Frithjof Staiß, der Leiter des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung in Stuttgart, sagte vor kurzem in einer öffentlichen Anhörung im Umweltausschuss: „Ohne Wasserstoff wird es keine Klimaneutralität geben.“ Ein Viertel des Endenergieverbrauchs müsse künftig durch Wasserstoff bereitgestellt werden, um die Klimaziele zu schaffen.

Viele Gasleitungen sollen umgewidmet werden

Grundsätzlich planen die Fernleitungsbetreiber zweigleisig: Zum einen wollen sie bundesweit bis zu 2900 Kilometer neue Leitungen verlegen, zum anderen soll das bestehende Erdgasnetz in Teilen umgewidmet werden; bis zu 5900 Kilometer Leitungen könnten das sein. Vor allem, wenn es eine Doppelleitung gibt, lässt sich leicht eine Pipeline für Wasserstoff nutzen. Dies hätte auch den Vorteil, dass die Umstellung weniger Kosten verursacht – „nur“ acht bis zehn Milliarden Euro an Investitionen seien nötig. Ihre Pläne haben die Betreiber im Sommer in einem Zwischenbericht vorgestellt.

In Baden-Württemberg wird vorerst eine neue Leitung gebaut: Sie reicht von Lampertheim bei Mannheim bis Altbach bei Esslingen – nächstes Jahr soll der Bau losgehen, 2027 wäre sie fertig. Zunächst wird darin Erdgas transportiert, ab 2030 Wasserstoff. Damit wäre der Nordwesten Baden-Württembergs angebunden. Für den Raum Ulm und Oberschwaben rechnet Terranets frühestens ab 2035 mit Wasserstoff-Lieferungen. In der Rheinebene von Karlsruhe bis zur Schweizer Grenze könnte eine Leitung ab 2040 in Betrieb gehen; dort planen die Fernnetzbetreiber OGE und Fluxys. Für die restlichen Gebiete im Südwesten existieren noch keine Planungen. Daneben müssen auch die Stadtwerke ihr Verteilnetz ausbauen oder umstellen.

Wasserstoff ist eine sehr aggressive Chemikalie

Doch auch die bloße Umstellung von Gasleitungen dauert rund fünf Jahre. Denn Wasserstoff ist ein aggressives Gas, weshalb die Rohre selbst, aber auch Dichtungen oder Zähler schnell angegriffen werden können. Alles über der Erde, sagt Christoph Diehn von Terranets, müsse auf jeden Fall ausgetauscht werden. Die Rohre selbst halten dem Wasserstoff teils nur wenige Jahre stand.

Um den Transport der hochexplosiven Chemikalie sicher zu machen, sei noch einiges zu tun, betonte vor kurzem auch der Dekra-Vorstandsvorsitzende Stan Zurkiewicz. Er sagte: „Die bestehende Infrastruktur ist angesichts der chemischen Eigenschaften von Wasserstoff noch nicht sicher genug.“

Nur grüner Wasserstoff ist klimafreundlich

Manche Forscher warnen aber davor, überstürzt in die Wasserstoff-Epoche aufzubrechen. Denn es braucht sehr viel Energie, um Wasserstoff herzustellen – nur grüner Wasserstoff, der allein mit erneuerbaren Energien produziert worden ist, sei klimafreundlich. Und es dauere noch lange, bis genügend grüner Wasserstoff verfügbar sei.

Christoph Luschnat pocht nun aber vor allem darauf, dass die Politik endlich eine Zusage macht, um den Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur zu regeln und zu finanzieren. Ein Problem ist auch, dass es zu Beginn so wenig Abnehmer geben wird, dass die Netzentgelte unbezahlbar hoch wären. Dafür gebe es noch keine Lösung, so Luschnat. Später dagegen werde Wasserstoff, wenn er in großen Mengen hergestellt werde, deutlich günstiger sein als Erdgas.

Der Markt könnte sehr dynamisch wachsen

Auch wenn Terranets den Wasserstoff weder herstellen noch verkaufen, sondern nur transportieren wird, hat das Unternehmen den Markt sondiert, um den Bedarf abschätzen zu können. Teilweise gebe es sogar schon vorvertragliche Einigungen mit großen Industriekunden. Terranets glaubt deshalb, dass sich die Abnahmemenge von derzeit 2000 Megawattstunden jährlich bis 2030 versechsfachen und bis 2050 verzehnfachen werde. Das seien defensive Schätzungen.

Bei der erwähnten öffentlichen Anhörung Ende Oktober sagte der energiepolitische Sprecher der FDP, Frank Bonath, die Landesregierung habe vieles verschlafen. Bonath: „Baden-Württemberg droht beim weltweiten Wettrennen um Wasserstoff ins Hintertreffen zu geraten.“ Frithjof Staiß sagte dagegen, dass sich im Südwesten viele Unternehmen auf die Umstellung auf Wasserstoff vorbereiteten und dass es viel Forschung dazu gebe: „Das Land ist sehr gut aufgestellt.“ Nun gelte es, sich auf wenige Aktivitäten zu fokussieren, etwa darauf, Innovationen für den Weltmarkt zu schaffen.

Wo kommt der Wasserstoff her?

Produktion
Vermutlich muss Baden-Württemberg in der Zukunft den allergrößten Teil des benötigten grünen Wasserstoffes importieren, weil im Land selbst bei weitem nicht genügend regenerativer Strom zur Herstellung vorhanden ist. Europaweite Leitungen sind angedacht aus der Nord- und Ostsee, Spanien, Nordafrika und Griechenland.

Abnehmer
Kraftwerke können von Gas auf Wasserstoff umgestellt werden – die EnBW plant dies zum Beispiel in Altbach, wo man zunächst bis 2026 weg von der Kohle und dann Mitte der 2030er Jahre auf Wasserstoff umstellen will. Busse und Lastwagen könnten künftig mit Wasserstoff oder mit aus Wasserstoff hergestellten synthetischen Brennstoffen betrieben werden. Auch für die energieintensive Stahl-, Chemie- und Zementindustrie könnte Wasserstoff sehr attraktiv werden. fal