Das Fernwärme-Kraftwerk in Stuttgart-Münster verändert sich. Eine neue Wärmepumpe, soll ab März 10 000 Haushalte versorgen. Und das ist noch nicht alles.
Schon mehr als hundert Jahre existiert das Kraftwerk Münster, immer wieder ist dort zu- und umgebaut worden, und so kommt es, dass ein helles Leuchtturmprojekt der Energiewende auf dem Gelände gerade in einer ziemlich dunklen und verwinkelten Ecke stattfindet: Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) errichtet in einer alten Kraftwerkshalle eine Großwärmepumpe, die 10 000 Haushalte in Stuttgart mit Fernwärme beliefern kann. Derzeit werden alle Teile nochmals einzeln geprüft, im Februar erfolgt der Probebetrieb, im März soll die Anlage offiziell in Betrieb gehen.
Deutschlandweit dürfte es nicht viele Wärmepumpen in dieser Dimension geben – bis zu 24 Megawatt Leistung erreicht die Anlage. In Mannheim hat der örtliche Energieversorger MVV vor wenigen Monaten eine Flusswärmepumpe in ähnlicher Größenordnung installiert. „Die Technik für so große Anlagen gibt es noch nicht so lange“, sagt Michael Class, der Manager für alle Neubauprojekte der EnBW. Andernorts hat man den Fortschritt aber bereits noch weiter vorangetrieben: In Esbjerg in Dänemark zum Beispiel geht demnächst eine Meerwasser-Wärmepumpe an den Start, die drei Mal größer ist. Sie kann 100 000 Menschen mit Wärme versorgen – Esbjerg hat 70 000 Einwohner.
Flusswasser, Meerwasser – in Stuttgart ist es Kühlwasser, mit dem die Wärmepumpe „gefüttert“ wird. Das ist streng genommen auch Flusswasser, das dem Neckar entnommen worden ist, nur werden damit zunächst die Dampfkondensatoren des Kraftwerks gekühlt, das derzeit mit Müll, Kohle und Öl befeuert wird. Bisher wurde das Kühlwasser direkt in den Neckar zurückgeleitet. Künftig machen 4300 Kubikmeter Wasser pro Stunde den Umweg über die Wärmepumpe. Dort werden dem 7,5 bis 28 Grad warmen Kühlwasser rund vier Grad entzogen; damit kann das Fernwärme-Wasser schrittweise auf bis zu 90 Grad erhitzt werden. Die 300 Tonnen schwere Anlage stammt von Mitsubishi und Johnson Controls. Sie kostet insgesamt 17 Millionen Euro.
In Zeiten trockener und heißer Sommer würde dieser Wärmeentzug dem meist aufgeheizten Neckar sogar gut tun, weil nicht mehr ganz so warmes Wasser in den Fluss zurückgeleitet wird. Aber der Projektleiter Daniel Flock dämpft die Erwartungen. Im Sommer werde wegen der Jahreszeit wenig Wärme benötigt, da stehe die Anlage vermutlich meist still.
Das Bauen im Bestand hat den Aufwand erhöht
Eine große Herausforderung sei das Bauen im Bestand gewesen, erzählt die zweite Projektleiterin Ramona Bogenschütz. Früher stand in dem Gebäude eine große Dampfturbine, heute klafft daher im Boden ein riesiges Loch. Es mussten extra Tragestützen im Kellergeschoss verbaut werden, damit der Boden den vorübergehend benötigten Kranwagen überhaupt trägt. Oder es musste während der Planung ein anderer Motor ausgewählt werden. Der jetzige „Schleifringläufermotor“ soll dafür sorgen, dass beim Anlaufen, wenn die Anlage besonders viel Strom zieht, im Kraftwerk nicht die Lichter flackern oder gar die Müllkräne ausfallen.
Mit dieser Wärmepumpe kann die EnBW die Fernwärme in der Neckarregion etwas grüner machen. Bisher stammt die meiste Fernwärme aus Kohle und Gas, nur der biogene Anteil des verbrannten Mülls in Münster zählt als klimafreundlich. So waren 85 Prozent der Fernwärme bisher fossil produziert; mit der Wärmepumpe verringert sich der Anteil um zehn Prozentpunkte. Rund 15 000 Tonnen CO2 könnten eingespart werden, sagt Michael Class.
Dass solche Großwärmepumpen nicht schon viel häufiger verbaut wurden, liegt laut der EnBW neben der bisher fehlenden Technik an der noch mangelnden Wirtschaftlichkeit. Der Strom sei einfach zu teuer, um die Wärmepumpe rentabel zu betreiben, so Class. Aus einer Kilowattstunde eingesetztem Strom kann die Anlage drei Kilowattstunden Wärme machen. Fast die Hälfte der Investition wird deshalb vom Bund bezahlt – die Wärmepumpe ist ebenso wie die Anlage in Mannheim Teil eines „Reallabors“ der Bundesregierung.
Diese Aussage trifft übrigens in ähnlicher Weise auch für die normalen Wärmepumpen in Wohngebäuden zu. Laut einer Prognos-Studie sind Wärmepumpen im Vergleich zu einer Gasheizung nur wegen der staatlichen Förderung wirtschaftlicher, wenn man die Investitions- und Betriebskosten über 15 Jahre berücksichtigt. Dann aber deutlich wirtschaftlicher.
Der Kohleausstieg ist in Stuttgart wohl 2025 vollzogen
Insgesamt wird die Großwärmepumpe der EnBW aber auch künftig nur fünf Prozent der thermischen Kraftwerksleistung in Münster ausmachen. Aus diesem Grund besitzt ein weiteres Projekt der EnBW eine noch größere Bedeutung: Derzeit werden für rund 200 Millionen Euro neue Gaskessel auf dem Gelände aufgestellt, die ab dem Jahr 2025 die drei Kohlekessel ersetzen sollen. Zwar wird dadurch nur ein fossiler Brennstoff durch einen anderen ersetzt. Aber erstens wird bei Gas deutlich weniger Kohlendioxid freigesetzt als bei Kohle; die EnBW spricht von einem Rückgang um 60 Prozent. Und zweitens könnte die Anlage einmal auf Wasserstoff umgestellt werden, sobald dieser in ausreichender Menge verfügbar wäre.
Schon im Jahr 2019 ist dieser „Fuel Switch“ im Kraftwerk Gaisburg erfolgt. Mit Münster gingen dann im nächsten Jahr die letzten Kohlekessel im Stadtgebiet außer Betrieb. Die EnBW frohlockt: Damit habe man für Stuttgart den Kohleausstieg mehrere Jahre vor dem gesetzlich verordneten Enddatum Anfang der 30er Jahre vollzogen.
Fernwärme in Stuttgart
Netz
Das Fernwärmenetz, das von Stuttgart-Mitte bis nach Plochingen reicht, versorgt 28 500 Wohnungen, 1400 Firmen, darunter Daimler, sowie 380 öffentliche Gebäude mit Wärme. Mit dem Bau des Netzes wurde 1935 begonnen, heute ist es 260 Kilometer lang. Vier Kraftwerke erzeugen die Wärme.
Streit
Seit einem Jahrzehnt streiten sich die Stadt Stuttgart und die EnBW um das Netz – die Stadt möchte es gerne in eigener Regie betreiben. Vor wenigen Wochen hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass die EnBW das Netz vorerst nicht zurückgeben muss. Im laufenden Konzessionsverfahren wird die Frage aber wieder aktuell werden. fal