Harald Garrecht (Mitte) stellt seine Solardachziegel auf einer Denkmal-Messe vor. Foto: privat

Harald Garrecht von der Universität Stuttgart entwickelt Ziegel mit integrierter Fotovoltaikanlage. Das Besondere: sie können sogar auf denkmalgeschützten Häusern verwendet werden.

Vor Kurzem geisterte diese Meldung durch viele große Magazine: In der archäologischen Stätte von Pompeji sollen jetzt Terrakotta-Ziegel verwendet werden, die den römischen Originalziegeln verblüffend ähnlich sehen, aber zugleich Strom produzieren – ein Dachstein mit integrierter Mini-Fotovoltaikanlage sozusagen.

 

Harald Garrecht lächelt da nur wissend. Denn wer einmal sehen will, wie solche innovativen Ziegel entstehen, muss nicht bis nach Süditalien pilgern. Schon seit Jahren forscht Garrecht, der das Institut für Werkstoffe im Bauwesen an der Universität Stuttgart leitet, an solchen Solardachsteinen. Die ersten fünf Häuser werden nun damit bestückt – es handelt sich um denkmalgeschützte Gebäude in der historischen Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen. Er gehe davon aus, betont Michael Flachmann, der Vorstand der Margarethe-Krupp-Stiftung, dass die Objekte bis Mitte des Jahres „eingedeckt und verkabelt“ seien.

Mit dem Ziegel kann man auch heizen

Natürlich kommen dort keine Terrakotta-Ziegel zum Einsatz, sondern ein schwarzer gewellter Ziegel aus Feinkornbeton, bei dem die Solarzellen fast unsichtbar sind. Dieser Dachstein weist zwei Besonderheiten auf, die ihn bisher einzigartig machen. Erstens ist es technisch herausfordernd, Glas mit den PV-Modulen zu krümmen – die monokristallinen Zellen erfordern eigentlich eine flache Struktur. Der Uni Stuttgart ist es zusammen mit der Firma Eckpack aber im vergangenen Jahr gelungen, das benötigte S-förmige Laminat herzustellen. Und zweitens produziert der Stuttgarter Ziegel auch Wärme, die genutzt werden kann. Er ist also hybrid.

Bislang liegt die Stromausbeute der Ziegel pro Quadratmeter nur etwa bei der Hälfte einer herkömmlichen PV-Anlage, räumt Garrecht ein. Aber wenn man die gewonnene Wärme hinzurechnet, lohnt sich der höhere Preis für die Ziegel schon heute zumindest in der theoretischen Rechnung. Ob das Kalkül auch in der Praxis aufgeht, sollen die Häuser in Essen zeigen.

Bisher sind neue Energiegeräte meistens nicht schön

Vor allem gelte es, zu bedenken, sagt der Professor weiter, dass die Stuttgarter Ziegel weitere Vorteile besäßen. So schreite die Forschung voran, und die Effizienz werde schnell zunehmen. Die Ziegel seien eben auch für denkmalgeschützte Gebäude geeignet – bisher lehnen die Behörden PV-Anlagen selbst in der Umgebung oft ab. Und die Dachsteine können mit der Ästhetik herkömmlicher Ziegel konkurrieren. Das ist ja in der Tat ein bisher vernachlässigtes Problem: Neue Energiegeräte, wie PV-Anlagen oder Wärmepumpen, sind vor allem funktional – schön sind sie meistens nicht besonders.

Weitere Projekte mit anderen Formen und Materialien laufen derzeit auch in der Speicherstadt von Hamburg und auf dem Adlerareal in Weitingen (Landkreis Freudenstadt) – in letzterem entsteht ein denkmalgeschütztes und zugleich klimaneutrales Quartier, für das Stuttgart die Biberschwanz-Ziegel entwickelt.

Eine Produktion in Serie dauert noch

Wer jetzt allerdings gleich im Katalog bestellen will, muss enttäuscht werden. Die 3000 für die Margarethenhöhe benötigten Ziegel werden an der Uni Stuttgart fast von Hand hergestellt; ein Guss mit 100 Ziegeln dauert zwei Tage. Die Serienreife sei, auch wenn jetzt ein Start-up dazu entstanden ist, noch in einiger Ferne, betont Harald Garrecht.

Andere Firmen können dagegen vorwiegend ebene Ziegel mit PV-Modul bereits liefern. Das Unternehmen Solteq im niedersächsischen Oberlangen etwa produziert viele verschiedene Varianten und Farben und etwa auch in Schiefer. Teilweise seien sie für historische Gebäude geeignet, heißt es in den Beschreibungen. Und auch Tesla-Chef Elon Musk ist mit einem „Solar roof“ in die Branche eingestiegen. Das werde Teslas nächstes „Killer-Produkt“, hatte er bei der Präsentation vor zwei Jahren mit markigen Worten prognostiziert.