Bessere Vernetzung – egal ob im Haushalt oder in ganzen Städten – ist ein Megathema, von dem sich Industriekonzerne wie Bosch Wachstum erwarten. Foto: Bosch

Bosch ist nicht nur Auto-Zulieferer, sondern stattet auch Wohnhäuser und Fabriken mit moderner Steuerungstechnik, Heizungen, Klimaanlagen und Alarmsystemen für den Notfall aus. Ein Milliardengeschäft.

Stuttgart - Ein bisschen Abstand zum Geschäft, ist gut fürs Geschäft. Stefan Hartung, Chef der Energie- und Gebäudetechniksparte des Stuttgarter Bosch-Konzerns, würde diese These wohl glatt unterschreiben. Als er vor einigen Jahren im Urlaub auf Verwandtenbesuch weilte, fiel die Heizung aus. Mit einer Helmlampe ausgestattet sei der 85-jährige Hausbesitzer daraufhin in den dunkeln Ecken des Heizungskellers umhergekrochen, um den betagten Brenner wieder in Gang zu bekommen. „Mein Gott. Das muss doch anders gehen!“, sagte sich Hartung, der damals schon einer der Top-Manager beim Stuttgarter Technologieriesen Bosch war.

Das Resultat des sich anschließenden Denkprozesses unter Bosch-Entwicklern lässt sich heute in rund 100 000 Haushalten weltweit begutachten: Heizungen, die per Tablet-PC oder Mobiltelefon ferngesteuert und gewartet werden können. In gut drei Jahren hat Bosch die smarten Heizsysteme in den Markt gebracht. „Nicht schlecht“ sei das, sagt Hartung, aber bei weitem noch nicht das Ende der Fahnenstange. Der gebürtige Nordrhein-Westfale will in den nächsten Jahren „Millionen-Stückzahlen“ absetzen. Die neuen Heizungen sollen dabei nicht nur von überall bedienbar sein, sondern auch deutlich effizienter arbeiten als Alt-Anlagen. „Wir verbrennen heute haufenweise Primärrohstoffe“, sagt er. „Dass wir dennoch einen so veralteten Heizungspark betreiben, ist schon traurig.“

Tatsächlich ist der möglichst umweltschonenden Betrieb von Heizungen und Klimaanlagen sowie die effiziente Warmwasserbereitung die wohl wichtigste Stellschraube, um dem Klimawandel weltweit Einhalt zu gebieten und fossile Brennstoffe wie Öl und Gas für kommende Generationen aufzusparen. 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs entfällt nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) auf den Gebäudebereich. 75 Prozent des Energiebedarfs der Industrie wird in Wärme umgewandelt.

Öko-Wärme stellt die wichtigste Stellschraube der Energiewende dar

Wer bei der Wärme ansetzt, kann enorme Energiemengen einsparen. Fachleute gehen davon aus, dass allein durch die Umstellung deutscher Alt-Heizungen auf moderne Brennwerttechnologie, die heiße Abgase zur Warmwasserbereitung mitnutzt, rund 50 Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr vermieden werden könnten. Zum Vergleich: Der Gesamtausstoß Deutschlands beträgt derzeit gut 900 Millionen Tonnen.

Allerdings sind die Sanierungsraten im Heizungsbereich eher mäßig. Und paradoxerweise hat auch die derzeitige Umweltgesetzgebung einen Anteil danach – zumindest nach Ansicht von Hartung . In Baden-Württemberg beispielsweise müssen Häuser und Nichtwohngebäude nach Willen der Landesregierung seit Juli diesen Jahres mit mindestens 15 Prozent Öko-Energie beheizt werden. Die Regel gilt für Neubauten, oder wenn Alt-Heizungen ausgetauscht werden. Gut gemeint, schlecht gemacht, meint Hartung dazu sinngemäß und ohne die Landesregierung dezidiert zu nennen. Die Regel habe dazu geführt, dass Hausbesitzer alte Anlagen lieber länger laufen lassen und im Zweifel reparieren, als sich neue Systeme in den Keller zu stellen. Immerhin seien durch die Kombination der Öl- und Gaskessel mit Solarthermie- oder Pelletanlagen, Mehrkosten fällig. „Speziell im Schwabenland rechnen die Leute, und Heizungsrenovierungen werden nun teurer“, sagt er. Der Experte prophezeit daher einen „Abbruch des Marktes im Heizungsgeschäft, speziell in einem Bundesland“ – gemeint ist Baden-Württemberg. Am Ende könnte der CO2-Ausstoß steigen, statt wie angestrebt sinken.

Allerdings ist auch klar, das es nicht nur gesetzliche Auflagen sind, die die längst überfällige Wärmewende ausbremsen. Die Ölpreise sind auf einem historisch niedrigen Niveau. Der Anreiz in sehr sparsame, aber auch etwas teurere Heizungen zu investieren, ist daher gering. Der Bosch-Konzern, der auch einer der großen Hersteller von Solar-Warmwasserbereitern (Solarthermie) ist, bekommt das seit längerem zu spüren. Mit 3,7 Prozent operativer Umsatzrendite im Unternehmensbereich Energie- und Gebäudetechnik, ist man weit unter dem avisierten Ziel von acht Prozent.

Bosch will mit Zukäufen wachsen

Dennoch drückt Hartung beim Thema Wachstum aufs Tempo. In der Vergangenheit hat sich der Bosch-Geschäftsbereich, der 2014 rund 4,6 Milliarden Euro zum Konzernumsatz beisteuerte, in einer ganze Reihe von Technologie-Firmen eingekauft. Mit Escrypt verleibten sich die Stuttgarter einen der führenden Systemanbieter für Datensicherheit ein. Außerdem kaufte Bosch den Softwarehersteller Prosyst sowie den Energiedienstleiter Climatec. Mit dem chineschischen Klimatisierungsspezialisten Midea gründete man Anfang 2015 ein Gemeinschaftsunternehmen, das Angebote für Industriekunden anbietet. Diese machen aktuell rund 40 Prozent des Geschäfts der Bosch-Gebäudesparte aus. Den Weg, über Firmenkäufe zu wachsen, werde man weitergehen, sagte Hartung und nannte insbesondere die Geschäftsfelder Klimatisierung und Sicherheitstechnologien für den Gebäudebereich als Wachstumsfelder. Immerhin soll der Umsatz der Bosch-Sparte bis 2020 auf acht Milliarden Euro wachsen.

Auch im Kern-Geschäft der Konzern-Mutter, dem Automobil-Markt, sieht Hartung Wachstumschancen. In einem Pilotprojekt mit dem Energieversorger Vattenfall und dem Autobauer BMW arbeite man ­derzeit daran, gebrauchte Akkus aus ­E-Autos in große Batterie-Paks umzubauen, die dann ganzen Wohnquartieren Strom aus regenerativen Quellen zur Verfügung stellen sollen.

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