Die Landesregierung benötigt dringend Wasserstoff, um ihre Klimaziele zu erreichen. Dafür braucht es Partnerschaften mit sonnenreichen Regionen wie Andalusien. Doch noch sind die Pläne vage.
Andalusien zeigt sich von der Seite, für die Winfried Kretschmann mit einer 50-köpfigen Delegation angereist ist. Als der baden-württembergische Ministerpräsident in Sevilla aus dem Flieger steigt, brennt die Oktobersonne mit Macht. Die südspanische Region habe mehr als 300 Sonnentage im Jahr, wirbt Regionalpräsident Juan Manuel Moreno. Beste Bedingungen für die Herstellung von erneuerbarem Strom und das, was dem konservativen andalusischen Regierungschef vorschwebt: Die Region will Vorreiter bei der Herstellung von grünem Wasserstoff werden.
Die Basis für klimaneutrale Industrie
Es ist das, was Andalusien derzeit nicht nur für die baden-württembergische Landesregierung so interessant macht. Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff ist eine zentrale Bedingung, wenn das Land wie geplant 2040 klimaneutral sein soll. Das Gas soll als Erdölersatz für Raffinerien und Chemieindustrie fungieren, wird aber auch als Energieträger benötigt – etwa in Gaskraftwerken, die auf Wasserstoff umgestellt werden können sollen und zur Herstellung von synthetischen Kraftstoffen.
Baden-Württemberg wird gleichzeitig nur einen geringen Teil des benötigten Wasserstoffs selbst herstellen können. Denn im Südwesten wird absehbar nicht ausreichend erneuerbarer Strom erzeugt.
Das Land ist – wie andere Bundesländer, aber auch die Bundesregierung – fieberhaft dabei, Partner zu suchen und Allianzen mit Regionen zu schmieden, in denen künftig grüner Wasserstoff hergestellt werden könnte – im vergangenen Jahr war das Schottland, nun also Andalusien.
„Spanien ist deswegen so attraktiv, weil die natürlichen Voraussetzungen für die erneuerbaren Energien sehr viel besser sind als bei uns“, sagt Frithjof Staiß, Geschäftsführender Vorstand des Zentrums für Solar- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg. Wo Wind und Sonne verfügbar sind, lässt sich Wasserstoff günstig herstellen.
Hoffnungen auf die Pipeline
Hinzu kommt, dass Spanien perspektivisch über eine Pipeline Wasserstoff nach Frankreich und weiter in Richtung Deutschland transportieren könnte. H2Med heißt das Projekt, das vor allem in Baden-Württemberg Hoffnungen weckt. Denn der Transport wäre um ein Vielfaches günstiger als mit dem Schiff und würde spanischen Wasserstoff Studien zufolge weltweit preisgünstiger machen als andere Angebote.
Doch vom Abschluss von Lieferverträgen ist man noch weit entfernt. Die „Energie- und Klimapartnerschaft“, die Kretschmann am Mittwochabend mit dem andalusischen Präsidenten begründet, ist erst einmal eine Absichtserklärung für Austausch und Kooperation in Wissenschaft und Wirtschaft über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Man wolle Kräfte bündeln und gemeinsam Weichen stellen – auch mit Blick auf neue Absatzmärkte für Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie aus Baden-Württemberg, sagt der Ministerpräsident. Der Technologiekonzern Bosch etwa entwickelt Bauteile für Elektrolyseure, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten. Als es um die künftige Produktion von Wasserstoff in der Region und mögliche Exportmengen geht, bleibt Regionalpräsident Moreno vage. Man leiste noch Vorarbeit, sagt er. Tatsächlich befindet sich die andalusische Wasserstoffwirtschaft noch im Aufbau.
Konkreter wird es, wenn man sich die Pläne der Unternehmen anschaut. Die Energiekonzerne Ibedrola und Cepsa investieren Milliarden in Produktionsstätten in Andalusien. Auch baden-württembergische Firmen wie die Viridi Re mit Sitz in Neckarsulm arbeiten an Projekten in Südspanien, wo Wasserstoff in Form von Methanol hergestellt werden soll.
Trotzdem ist es noch ein Spiel mit vielen Unbekannten. Eine ist die Frage des Wassers. Denn um Wasserstoff zu gewinnen, braucht es möglichst sauberes Wasser. Das ist knapp in Andalusien. Noch ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Andalusiens die Landwirtschaft, die mit der zunehmenden Trockenheit zu kämpfen hat. Für Wasserstoff stünde Meerwasser zur Verfügung, das allerdings aufwendig aufbereitet werden muss.
Nachfrageabfrage läuft
Auch in Deutschland sind noch Fragen offen. Netze, um Wasserstoff zu transportieren, werden gerade erst geplant. Die Landesregierung versucht aktuell, den Bedarf der hiesigen Firmen abschätzen zu lassen. Die Studie zu den Sektorzielen des Landes ging für 2040 von einem Bedarf von 40 Terawattstunden aus. Das wären 15 Prozent des Energiebedarfs des Landes und entspräche 1,2 Millionen Tonnen Wasserstoff. Nach dem Angriff auf die Ukraine dürfte der Bedarf aber deutlich höher ausfallen.
Der spanische Gasnetzbetreiber Enagas schätzt, dass ganz Spanien 2030 ein Produktionspotenzial von bis zu drei Millionen Tonnen jährlich haben wird. 1,3 Millionen Tonnen braucht das Land aber für die heimische Industrie, der Rest könnte exportiert werden.
Franz Loogen, Geschäftsführer von E-Mobil BW, ist zuversichtlich. „In zehn Jahren sieht die Welt anders aus“, ist er nach Gesprächen mit spanischen Unternehmern überzeugt. Claus Paal, der Präsident der IHK Region Stuttgart, sieht keine Alternative. „Uns läuft die Zeit davon“, sagt er. „Wir dürfen nicht den gleichen Fehler machen wie mit Gas, dass wir uns in eine Abhängigkeit begeben.“
Wie Wasserstoff ins Land kommen soll
Flüssig
Solange es keine Pipelines gibt, muss verflüssigter Wasserstoff in Form von Methanol oder Ammoniak transportiert werden. Er kann über norddeutsche, niederländische oder belgische Häfen nach Baden-Württemberg gebracht werden.
Flüchtig
Planungen für das deutsche Wasserstoff-Kernnetz laufen. Es soll bis 2032 stehen. Der Südwesten könnte nach aktuellem Stand über Pipelines entlang des Rheins oder über die ostdeutschen Bundesländer versorgt werden. Bezogen auf Europa liegen große Hoffnungen auf der geplanten Mittelmeerpipeline. Im Raum Freiburg wird das grenzüberschreitende Projekt RHYNE Interco geplant mit einer möglichen Anbindung ab 2028. Langfristig sind auch Optionen für Lieferungen aus Nordafrika über Italien und die Schweiz möglich, ebenso wie Lieferungen aus Osteuropa über Bayern. Die Hoffnung ist, dass Baden-Württemberg an alle fünf Hauptstränge des European Hydrogen Backbone-Netzes angeschlossen wird.