Die Strompreise schossen zuletzt an der Börse in die Höhe wie nie zuvor. Lokale Stromversorger erklären, was das für die Kunden im Kreis Göppingen bedeutet. Foto: dpa

Viele Kunden im Kreis Göppingen werden von ihren Anbietern nicht mehr mit Strom beliefert. Es gibt drastische Preissteigerungen. Energieversorger erklären den Hintergrund.

Göppingen - Hunderte Stromkunden im Kreis Göppingen haben jüngst eine Kündigung ihres Anbieters erhalten. Der Grund: Die Strompreise an der Börse steigen so schnell wie nie. Ende 2021 lag der Anstieg des dort gehandelten Stroms bei mehr als 300 Prozent innerhalb eines Jahres. Das konnten sich mindestens sieben deutsche Anbieter nicht mehr leisten und gingen Pleite.

 

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Von den Kündigungen seien Kunden betroffen, die Verträge bei „Energiediscountern“ – also Billiganbietern – abgeschlossen hätten, erklärt Soja Paunowa, die Pressesprecherin der Energieversorgung Filstal (EVF). Der Grund dafür: Mutmaßlich verfolgten die entsprechenden Anbieter eine „risikoreiche kurzfristige Beschaffungsstrategie“. Dabei falle der derzeitige Anstieg auf dem Markt besonders ins Gewicht. Doch wie kommen die Verbraucher nun zu Strom und werden die Strompreise insgesamt an Kunden weitergegeben?

Niemand sitzt ohne Strom da

Diejenigen, die eine Kündigung erhalten haben, kamen zunächst ins Netz der Strom-Grundversorger im Kreis. Das sind je nach Gemeinde entweder das Albwerk, die EVF, die EnBW oder das Stauferwerk. Grundversorger ist, wer in einem Gebiet die meisten Kunden beliefert, das Unternehmen ist verpflichtet, Kunden, die keinen anderen Anbieter mehr haben, aufzunehmen – allerdings fällt dann der deutlich teurere Tarif der Grundversorgung an.

Die EVF habe keinem Kunden gekündigt, erklärt Paunowa: „Es kann nicht im Interesse eines kommunalen Unternehmens liegen, gewinnmaximierend zu agieren und sich dann mit dem Geldsack auf dem Rücken aus dem Staub zu machen.“ Das Unternehmen verfolge eine „langfristige Beschaffungsstrategie“, weshalb es „für Bestandskunden, kurzfristige Preisausschläge mehr oder weniger abdämpfen“ könne. Bei den derzeitigen Preissteigerungen komme jedoch auch diese Strategie „an Grenzen“.

Teils steigen die Preise

Zwar könne man die Strompreise für das Jahr 2022 stabil halten oder sogar leicht senken. „Wir gehen aber kurz- bis mittelfristig von steigenden Strombeschaffungskosten aus“, sagt sie. Je nachdem, wie stark diese ausfallen, müssten die Kunden „eher mit steigenden Strompreisen rechnen“. Paunowa vermutet, dass sich die Rohstoffmärkte nicht vor 2023 oder 2024 beruhigen werden. Kurzzeitig hatte die EVF auch keine Neukunden mehr aufgenommen, mittlerweile sind neue Verträge aber wieder möglich, sofern die Kunden im Kreis Göppingen wohnen. Die Grundversorgung war davon ohnehin nicht berührt, sie muss immer gewährleistet werden.

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Auch das Albwerk in Geislingen nimmt Neukunden auf, sagt die Pressesprecherin Maria-Pia Morrone. Allerdings zahlen die Albwerk-Bestandskunden künftig mehr für ihren Strom. Wie Morrone schildert, müsse das Unternehmen die Preise wegen der gestiegenen Beschaffungskosten „moderat anpassen“. Die Verbraucher wurden darüber Ende vergangenen Jahres benachrichtigt. Der Preis liege damit für Bestandskunden immer noch „weit unter dem aktuellen Börsenniveau“.

Anders sieht es für Neukunden aus: Das Unternehmen sei „gezwungen, die aktuellen Beschaffungskosten über den Strompreis weiterzugeben“, heißt es. Wie sich die Preise in naher Zukunft weiterentwickeln, sei schwer vorauszusehen, konstatiert Morrone, sagt aber: „Sollte eine Entspannung eintreten, werden wir dies natürlich bei unserer Preisgestaltung berücksichtigen.“

500 neue Kunden beim Albwerk

Wie die EFV hat auch das Albwerk keinen Kunden gekündigt. „Durch unseren vorausschauenden Einkauf sind wir nicht in eine derart prekäre Lage geraten“, sagt die Pressesprecherin. Außerdem sei es für das Unternehmen „selbstverständlich, dass wir unseren Pflichten, die sich aus den Stromlieferverträgen mit unseren Kundinnen und Kunden ergeben, vollumfänglich nachkommen“.

Das Albwerk habe als Grundversorger in den vergangenen Wochen rund 500 Kundinnen und Kunden aufgenommen, die von ihren bisherigen Anbietern nicht mehr beliefert wurden, sagt Maria-Pia Morrone. Sofern vertraglich vereinbarte Kündigungsfristen nicht eingehalten wurden, rät sie dazu, sich an die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zu wenden. Diese berate auch im Falle von Schadensersatzansprüchen gegenüber dem bisherigen Lieferanten. Eine weitere Anlaufstelle für Kunden sei die Schlichtungsstelle Energie.

Die EnBW plane derzeit keine Preissteigerung für ihre Bestandskunden, sagt der Pressesprecher Rashid Elshahed. Wegen der derzeitigen Dynamik will er aber nicht versprechen, dass sich daran nichts ändert.

Die Gründe für den Preisanstieg

Wirtschaftsaufschwung
 Die Gründe für den rasanten Anstieg der Börsenpreise sind vielfältig und komplex, sagt Maria-Pia Morrone, Pressesprecherin des Albwerks in Geislingen. Ein Grund dafür sei, dass sich die Wirtschaft nach einer coronabedingten Tiefphase erholt und damit die Nachfrage nach Energie steige.

Verknappung
„Gleichzeitig haben wir es mit einer Verknappung des Energieangebots, insbesondere beim Gas und bei der Kernkraft zu tun, was sich preissteigernd auswirkt“, sagt Morrone. Zu nennen sind auch gestiegene Preise für Rohstoffe sowie für CO2-Zertifikate.