Die Wassertemperatur im Freibad in Stuttgart-Vaihingen wird nicht gesenkt. „Die Menschen wollen sich bei uns doch entspannen, erholen und wohlfühlen“, erklärt ein Sprecher. Foto: /Thomas Krämer/Archiv

Viele Städte in Deutschland reagieren auf die Energiekrise und senken die Wassertemperatur in ihren Freibädern. Die Bäder in Stuttgart und Region setzen auf andere Lösungen – aber es gibt Ausnahmen.

Die Empfehlungen sind eindeutig. Weil davon auszugehen sei, dass die Energieversorgung in Deutschland in absehbarer Zukunft streng reguliert werde, rät die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) den ihr angehörenden gut 1000 Badbetreibern in Deutschland, über die Umsetzung von Energiesparmaßnahmen nachzudenken.

 

Sollten die Energielieferungen an Schwimmbäder deutlich reduziert werden und ein Betrieb dann nur noch unter energiesparenden Bedingungen möglich sein, müsse man schnell reagieren und einschneidende Maßnahmen beschließen. Besonders zwei Ansätze kommen in Frage: die Wassertemperatur abzusenken und ganzjährig beheizte Außenbecken außer Betrieb zu nehmen. Allein die Absenkung der Wassertemperatur von den üblichen 26 bis 28 Grad um zwei Grad könne den Gesamtenergieverbrauch um 25 Prozent senken.

Paderborn war der Vorreiter

Vor allem die Ganzjahresbecken sind wahre Energieschleudern. Der Bedarf beträgt nach Angaben der DGfdB hier bis zu 2000 Watt pro Quadratmeter. Das sei etwa 100 Mal mehr Energie als zur Beheizung eines gut gedämmten Wohngebäudes pro Quadratmeter erforderlich sei. Auch der Verzicht auf den Betrieb von Großrutschen, Saunen und Wärmebecken müsse gegebenenfalls geprüft werden. Ebenso wie die Schließung von Bädern, die mit fossiler Energie betrieben werden.

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Kaum hatte die DGfdB ihre Empfehlungen veröffentlicht, reagierten die ersten Kommunen. „Die Bäder in Paderborn waren die ersten“, erzählt Ann-Christin von Kieter, die Sprecherin der Organisation. Auch Berlin macht mit. Mittlerweile höre sie von vielen Städten aus der ganzen Republik, die den Vorschlag zur Absenkung der Wassertemperatur aufgegriffen haben. Im Südwesten Deutschlands allerdings sind nur wenige dem Aufruf gefolgt.

„Wir werden in den Freibädern und Thermen keine Temperaturen absenken“, sagt Jens Böhm, der Sprecher der Stuttgarter Bäder (STB): „Die Menschen wollen sich bei uns doch entspannen, erholen und wohlfühlen. Da passt eine Absenkung der Temperaturen einfach nicht dazu.“

Temperaturen zum Entspannen und Wohlfühlen

Das bedeute aber nicht, dass man nichts gegen den Energieverbrauch unternehme. Im Gegenteil: Stuttgart habe sich bereits vor fünf Jahren auf den Weg gemacht, die Stuttgarter Bäder klimaneutral zu entwickeln – und könne es sich deshalb jetzt auch leisten, die gewohnten Wassertemperaturen beizubehalten. In der vergangenen Woche haben die STB-Verantwortlichen im Bäderausschuss des Gemeinderats ihre aktualisierten Pläne vorgestellt. 37,6 Millionen Euro werden bis 2030 investiert, um die Energieerzeugung, den Energieverbrauch, energetische Wirkungsgrade und Gebäudedämmungen zu optimieren.

Im Freibad Möhringen etwa wird in einem Pilotprojekt die Stütztemperatur, also die garantierte Badewassertemperatur, die durch Gas erzeugt wird, von 23 auf 21 Grad reduziert. Die tatsächliche Badetemperatur wird dann allerdings mithilfe einer optimierten Solaranlage auf maximal 26 Grad gebracht. Eine neue Beckenabdeckung sorgt zudem dafür, dass in der Nacht das Wasser nicht zu sehr auskühlt.

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Auch in den großen Kreisstädten in der Region setzen die Betreiber auf Energiesparmaßnahmen und verzichten – zumindest vorerst – auf kühlere Wassertemperaturen. „Es ist die erste Badesaison nach den Coronabeschränkungen, und wir stellen deshalb unseren Badegästen sehr gerne alle Attraktionen zur Verfügung“, argumentiert Michael Wels, Betriebsleiter des Böblinger Freibads. Die Schließzeit des Freibads habe man genutzt, um sechs neue hocheffiziente Umwälzpumpen einzubauen. Auch Esslingen setzt auf ökologische Energieerzeugung: Im Berkheimer Hallenfreibad gibt es ein Blockheizkraftwerk, hinzu kommt eine Fotovoltaikanlage. Und im Neckarfreibad nutzt man umweltfreundliche Fernwärme. In Ludwigsburg wiederum wurden Rohrleitungen isoliert und unter anderem Pumpen erneuert.

Asperg senkt die Wassertemperatur

Es gibt aber auch in der Region Stuttgart Kommunen, die andere Wege gehen. Asperg im Kreis Ludwigsburg geht sogar noch über den Vorschlag der DGfdB hinaus. Bereits im Vorjahr hatte man dort die Wassertemperatur um ein Grad auf 25 Grad gesenkt. Angesichts des Ukraine-Kriegs hat der Gemeinderat nun beschlossen, das Wasser im Haupt- und Sprungbecken nur noch bis höchstens 22 Grad aufzuwärmen.

Und es gibt sogar noch Bäder, die sich zumindest in den Hauptbecken allein auf die Kraft der Sonne verlassen: In Neuffen und Wernau etwa (beide Kreis Esslingen) richtet sich die Temperatur des Wassers seit jeher nach den äußeren Bedingungen. Vor diesem Hintergrund sieht man in Göppingen, wo das Wasser des Freibads aktuell noch mit Erdgas erwärmt wird, die Entwicklung eher entspannt. Werde der Gashahn zugedreht, bedeute das ja nicht gleich, dass das Bad geschlossen werden müsse. Soja Paunowa von den Stadtwerken Göppingen formuliert es so: „Viele Schwimmerinnen und Schwimmer bei uns können sich durchaus noch daran erinnern, dass Freibäder früher gänzlich ohne Heizungen ausgekommen sind.“