Alle Murphys haben ein Fahrrad – und benutzen es regelmäßig. Foto: factum/Granville

Die Murphy aus Oßweil bemühen sich, einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Dafür ist die sechs Familiemitglieder nun als „Energiehelden“ ausgezeichnet worden. Umwelt-Freaks wollen sie allerdings keine sein.

Ludwigsburg - Von außen unterscheidet sich das Haus der Helden kaum von anderen Neubauten im Ludwigsburger Stadtteil Oßweil: Wie überall steht auch vor dem von Familie Murphy eine schwarze Restmülltonne. Nur wird die, ganz im Gegensatz zu denen der Nachbarn, bloß zwei Mal im Jahr abgeholt. Nicht, weil die sechs Murphy-Mitglieder vergessen würden, die Tonne rechtzeitig auf die Straße zu stellen oder weil die Müllabfuhr das Eckhaus regelmäßig links liegenlässt. Sondern deshalb, weil die Familie sehr darauf achten, was weggeworfen wird und was man nochmal verwenden kann. Und so produzieren sie zu sechst gerade einmal zwei Kilo Hausmüll im Monat. Zum Vergleich: der deutsche Durchschnitt liegt bei mehr als 15 Kilo – pro Kopf.

Für ihren vorbildlichen Einsatz für die Umwelt sind die Murphys, zu denen Mama Tina und Papa Ronan, die Söhne Phil, Luke und Nic sowie Aupair Alejandro gehören, von der Stadt Ludwigsburg ausgezeichnet worden. Sie haben sich gegen neun andere Haushalte in einem Öko-Wettbewerb durchgesetzt und dürfen sich nun offiziell „Energiehelden“ nennen. Mit dem Titel belohnt das Rathaus, dass die Murphys nicht nur besonders wenig Müll produzieren, sondern auch beim Strom- und Wassersparen ganz vorne dran waren und besonders umweltfreundlich unterwegs sind.

Das Deo gibt es nur in der Aludose

Doch wie wird man zum Energiehelden? Herrscht im Hause Murphy etwa ein striktes Duschverbot? Müssen alle Familienmitglieder bei Einbruch der Dunkelheit ins Bett, um Strom zu sparen? Tragen die Kinder im Winter selbstgestrickte Wollpullis, weil die Heizung ausbleibt? „Wir sind komplett normal und keine Freaks“, meint Tina Murphy. An einem heißen Sommertag sitzt die 41-Jährige am Küchentisch, vor sich aufgebaut hat sie ein paar der Geheimnisse, die ihre Familie zu Helden macht: Shampoo und Seife zum Beispiel. Die kaufen die Murphys am Stück, das spart die lästigen, umweltschädlichen Plastikflaschen. Das Deodorant kommt aus demselben Grund in der Aludose daher und Waschmittel gibt es nur im Karton. Viele Lebensmittel holt die Familie auf dem Wochenmarkt, dort fällt weniger Verpackung an.

Doch damit am Ende eines Monats sage und schreibe nur zwei Prozent von der Müllmenge übrig bleibt, die der Durchschnittsdeutsche produziert, braucht es schon mehr. Tricks für Fortgeschrittene, sozusagen: Die gebrauchten Eisbecher der Kinder spült Mutter Tina zum Beispiel aus und gibt sie ihren Söhnen für den nächsten Besuch beim Eismann wieder mit – genauso wie die kleinen Löffelchen. Auch Pizzakartons lassen sich mehrfach verwenden.

Es gibt Ausnahmen: etwa ein Planschbecken aus Kunststoff

Dogmatisch wollen die Eltern aber nicht sein. Während Tina Murphy in der Küche über ihre Strategien zur Müllvermeidung spricht, planschen ihre drei Söhne im Garten in einem aufblasbaren Becken – aus Kunststoff. Es gebe eben Ausnahmen, sagt die Ingenieurin. Mit dem Wasser, das ist ihr dann doch wichtig zu betonen, würden abends die Pflanzen im Garten gegossen.

Jedem ihrer Söhne hat sie zuletzt ein nagelneues Fußballtrikot gekauft – obwohl sie sonst fast nur in Second Hand Läden unterwegs ist. 90 Prozent der Klamotten ihrer Kinder stammen aus zweiter Hand, schätzt Tina Murphy. T-Shirts und Hosen werden von Kind zu Kind weitergegeben. „Nur, wenn es gar nicht mehr geht, kommt was weg.“ Sie bringt die Kleidung deshalb auch regelmäßig zum Schneider, um Flicken setzen und Löcher stopfen zu lassen. Dafür gibt sie manchmal mehr aus, als ein neues Shirt bei Ketten wie Primark oder H&M kosten würde. Doch ums Geldsparen geht es den Murphys nicht.

Ronan Murphy hat gelernt, seine Gewohnheiten zu hinterfragen

Ihr sei der Wert der Umwelt von ihren Eltern vermittelt worden, sagt Mutter Tina. „Ich habe das in mir.“ „Ich nicht“, sagt Ronan Murphy. Seine Frau sei deutlich sensibler für das Thema, erklärt der 46-Jährige. In seiner Kindheit, auf einem Bauernhof in Irland, sammelte er zwar schon als kleiner Junge den Müll von der Straße, doch vor allem die Werbeindustrie habe später sein Konsumverhalten beeinflusst. „Die Politik sollte mehr Druck machen, zum Beispiel was das Verbot von Plastiktüten angeht“, findet er. Inzwischen habe er gelernt, seine Gewohnheiten zu hinterfragen. „Heute fühle ich mich wohler durch die Art, wie wir leben.“

Als die Familie 2011 nach Ludwigsburg zog, wurde in das Haus ein Holzofen eingebaut, der im Winter auch das Wasser für Küche und Bad erwärmt. Geheizt wird zudem mit einer energiesparenden Luft-Wasser-Wärmepumpe. Glühbirnen, die im Haus kaputtgehen, ersetzten die Murphys durch LEDs. Insgesamt sei sie in den vergangenen Jahren aber entspannter geworden, was den Strom – und Wasserverbrauch angeht, sagt Tina Murphy. Vielleicht auch deshalb, weil an andere Stelle viel mehr Ressourcen eingespart werden können.

Die Familie legt pro Jahr 10 000 Kilometer auf den Rädern zurück

Seit vier Jahren fährt die 41-Jährige mit dem Fahrrad zu ihrem Arbeitsplatz bei Bosch in Zuffenhausen, knapp 14 Kilometer hin und 14 zurück, bei jedem Wetter. Ihr Mann Ronan hat es sogar noch etwas weiter zu Kärcher nach Winnenden – und ist trotzdem regelmäßig auf dem Fahrrad unterwegs. Nur, wenn er es besonders eilig hat, nimmt er seinen Dienstwagen.

Dort, wo in anderen Haushalten stolz das Familienauto geparkt wird, ist bei den Murphys kein Platz: Rennräder, Mountainbikes und ein E-Bike parken in der Garage. 10 000 Kilometer sind die sechs pro Jahr im Sattel unterwegs. Zuletzt haben sie ein Autos deshalb wochenlang verliehen und überlegen nun, es sogar ganz abzuschaffen.

Auch wenn sie sich über die Auszeichnung der Stadt freuen – als Helden fühlen sie sich nicht. „Was wir machen, ist so einfach“, sagt Tina Murphy.

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