Haben die Energie Gärtringen auf den Weg gebracht: (von links) Gärtringens Bürgermeister Riesch, Friedemann Erbele, Christian Flack und Horst Graef. Foto: Christine Strienz/SG-PR

Die Gemeinde Gärtringen hat mit der Energie Calw ein Energieunternehmen gegründet. Zwölf weitere Kommunen ebenfalls. Was sich beide Seiten davon versprechen.

Innerhalb weniger Wochen vermeldete erst Gärtringen die Gründung einer neuen Energiegesellschaft, dann Herrenberg. Beide Kommunen sind Partnerschaften mit der Energie Calw (ENCW) eingegangen. Damit ist die ENCW nach Weil der Stadt an insgesamt drei kommunalen Energieunternehmen im Kreis Böblingen beteiligt – und außerdem noch an zwölf in anderen Landkreisen, zwei davon in Gründung. Weitere Partnerschaften sind geplant.

 

Wie kommt es, dass gerade die Energie Calw all diese Partnerschaften eingeht? Und was versprechen sich die Kommunen davon? Die ENCW GmbH wurde 2007 gegründet, Hauptgesellschafter sind mit 51 Prozent die Stadtwerke Calw und mit 49 Prozent die EnBW. Geschäftsführer ist Horst Graef.

Bedarf bei Kommunen erkannt

Der scheint vor großen Aufgaben nicht zurückzuschrecken – mit Erfolg, wie es aussieht. Die ENCW beschäftigt inzwischen laut Graef mehr als 400 Mitarbeiter. Schwierigkeiten neue Leute zu finden hätten sie nicht – Stichpunkt Vier-Tage-Woche, die im Unternehmen gilt.

Vor einigen Jahren hat Graef bei Kommunen einen Bedarf erkannt. „Die Kommunen haben enorme Anforderungen, sie müssen die Energiewende vorantreiben, aber die Kassen sind knapp und das Personal fehlt, das alles zu stemmen.“ Die Idee: Wissen, das sich die ENCW aufgebaut hat, zu teilen – beispielsweise beim Handel und Vertrieb von regional erzeugtem Strom.

Dass daran Interesse besteht, sei ihm klar geworden, als er 2019 in den Kommunen um Stellplätze für Carsharing-Autos „gebettelt“ habe, sagt Graef. Zur ENCW gehört das Unternehmen Deer, das Carsharing und Ladestationen anbietet. Die Bürgermeister hätten ihn gefragt, ob er nicht noch mehr könne. Lange überlegen musste Graef offenbar nicht – vor drei Jahren entstand die erste Partnerschaft mit Weil der Stadt. „Natürlich machen wir das nicht nur aus Nächstenliebe, wir profitieren auch davon.“

Was hinter der Energie Gärtringen steckt

Das Konzept sieht in der Regel so aus: Die Gemeinden halten mit 51 Prozent die Mehrheit, die ENCW ist mit 49 Prozent der kleinere Partner. Im Prinzip also nichts anderes als ein Stadtwerk, das oftmals privatwirtschaftlich organisiert ist – siehe Böblingen oder Sindelfingen.

„Wir bringen ein kleines, feines Stadtwerk auf den Markt“, sagt Gärtringens Bürgermeister Thomas Riesch (CDU) denn auch über die Energie Gärtringen GmbH. Für die 13 000 Einwohner große Gemeinde sei das eine Premiere. „Wir fokussieren uns auf den Vertrieb von Ökostrom, Gas und Wärme und den Ausbau der Energieerzeugung“, erklärt Bauamtsleiter Friedemann Erbele.

Gärtringens Bürgermeister Riesch sieht in der Partnerschaft mit der ENCW eine große Chance und nennt ein konkretes Beispiel. Die Kommune will auf einem „schlechten Acker“ in der Nähe des Waldkindergartens eine Freiflächen-PV-Anlage bauen, die 5,5 Megawatt liefern könnte. Alleine würde Gärtringen das, so Riesch, nicht schaffen.

Mehr Know-how für Energiewende

Vielleicht noch den Bau, sagt Riesch. „Aber wir könnten den Strom nicht vermarkten.“ Dafür müsste Gärtringen eigenes Personal aufbauen und das könne sich die Gemeinde nicht leisten. Gleichzeitig hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen zu reduzieren, die Energiewende voranzutreiben und klimaneutral zu werden. An dieser Stelle soll die Partnerschaft mit der Energie Calw ansetzen. Die Energie Gärtringen soll mit dem Know-how der Energie Calw im Hintergrund die Freiflächen-Photovoltaikanlage planen, bauen und betreiben. Die Dienstleistungen, die dafür notwendig sind, kauft die Energie Gärtringen bei der ENCW ein. Der mit der neuen Anlage erzeugte Strom fließt ins Portfolio der Energie Gärtringen.

Horst Graef, Geschäftsführer der Energie Calw. Foto: Anke Kumbier

„Wir haben Ende des Jahres mit den Vorbereitungen begonnen. Wenn es gut läuft, wird die Anlage im nächsten Jahr in Betrieb gehen“, sagt Erbele. „Das gibt uns ganz andere Möglichkeiten“, sagt Riesch über die neue Partnerschaft. Sie soll nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben, sondern auch den Ausbau des Wärmenetzes. Die weiteren Vorteile, die Riesch und Erbele in der Energie Gärtringen sehen: Die GmbH müsse nicht über den Gemeindehaushalt finanziert werden, und es sei einfacher, Fremdkapital aufzunehmen. „Ein Großteil der Wertschöpfung bleibt bei uns“, sagt Erbele. „Die Energie Gärtringen sitzt in Gärtringen und zahlt hier auch Gewerbesteuer.“

Chance, Energiewende zu schaffen

Außerdem heben sie die „schlanke Struktur“, also wenig Personal, hervor. Riesch ist der Aufsichtsratsvorsitzende, Erbele der Geschäftsführer zusammen mit Christian Flack von der ENCW. „Alle Arbeiten im Hintergrund macht die ENCW als Dienstleister,“ sagt Riesch. Die dafür natürlich über Dienstleistungsverträge bezahlt wird.

Der Bürgermeister glaubt an den Erfolg des neuen Unternehmens. Als „Blaupause“ nennt er die Stadt Weil der Stadt. Dort sei die Energie Weil der Stadt im dritten Jahr und mache Gewinne. Erbele und Riesch sehen darin die große Chance, die Energiewende zu schaffen. „So wird das auch für kleine Gemeinden wie Gärtringen wirtschaftlich“, meint Erbele.

Ab sofort besteht für alle, die auf der Suche nach einem neuen Stromanbieter sind, die Möglichkeit, bei der Energie Gärtringen Stromverträge abzuschließen. Demnächst soll auch noch ein Büro in Gärtringen eröffnen, in dem potenzielle Kundinnen und Kunden beraten werden. Die Präsenz vor Ort gehört zum Konzept dazu. Prozesse, die „niemanden interessieren“, versuche die ENCW zu digitalisieren, sagt Graef, um „mehr Zeit für Gespräche zu haben“.

Wie viel der Strom in Gärtringen kostet

Energie Herrenberg
In Herrenberg ist die Lage anders als in Gärtringen – das Ergebnis aber ähnlich. Dort gab es ein Stadtwerk, das sich komplett im Eigentum der Stadt befand. Für die Energiesparte wurde nun die Energie Herrenberg GmbH & Co. KG gegründet, an der die Stadt und die ENCW beteiligt sind.

Stromverträge
Die Energie Gärtringen bietet zu 100 Prozent Ökostrom an. Bei einem Verbrauch von bis zu 2000 Kilowattstunden im Jahr (was in etwa dem Bedarf eines Zweipersonenhaushalts entspricht) kostet die Kilowattstunde Strom beispielsweise 27,40 Cent brutto. Weitere Infos gibt es unter www.energie-gaertringen.de

Carsharing in Gärtringen
Für Gärtringen ist die neue Energiegesellschaft nicht der erste Berührungspunkt mit der ENCW. Bereits seit einigen Jahren kooperiert die Gemeinde mit Deer und bietet Carsharing und E-Ladesäulen von Deer an insgesamt sechs Standorten in der Gemeinde an.