Der Krieg in der Ukraine bringt einen kräftigen Schub für den klimafreundlichen Umbau der Energieversorgung. Doch dieser Prozess braucht Zeit. Kurzfristig empfehlen die Experten deshalb ein altbewährtes Mittel: konsequentes Energiesparen.
Stuttgart - Putins Krieg führt den Deutschen deutlich vor Augen, wie abhängig sie von russischen Energielieferungen sind. Die Preise explodieren, selbst ein Ende aller Gas- und Öllieferungen liegt plötzlich im Bereich des Möglichen. Wir beantworten wichtige Fragen zur aktuellen Lage.
Welche Rolle spielen Energieimporte aus Russland? Nur wenige Länder sind so abhängig von Energie aus Russland wie Deutschland. 55 Prozent des Erdgases, rund 50 Prozent der Kohle und gut ein Drittel des Erdöls werden aus Russland importiert. Umgekehrt stammt mehr als die Hälfte der russischen Exporterlöse aus dem Verkauf von Erdöl, Erdgas und mineralischen Rohstoffen. Schätzungen zufolge nimmt das Land pro Tag rund eine Milliarde Euro durch Rohstoffexporte in die EU ein – etwa so viel wie Putins Krieg am Tag kostet. In Politik und Wissenschaft werden deshalb die Forderungen nach einer raschen Abkehr von russischem Gas und Öl lauter, zumal Russland bei einer weiteren Eskalation den Hahn auch selbst zudrehen könnte.
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Wie steht es derzeit um die Versorgungssicherheit? Jede zweite deutsche Wohnung wird mit Erdgas beheizt – insgesamt entfällt ein Viertel des Gesamtverbrauchs auf Heizung und Warmwasserbereitung. Ein Drittel fließt in industrielle Prozesse, rund ein Fünftel in die Stromerzeugung. Dennoch hält die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina einen schnellen Gas-Lieferstopp für machbar. Ein Teil der Lieferungen könnte durch Flüssiggasbezug über andere EU-Länder sowie eine kurzfristig höhere Stromproduktion aus Kohle kompensiert werden. Zudem müssten soziale Härten durch hohe Energiepreise ausgeglichen werden.
Im Februar sei bereits rund 40 Prozent weniger Strom in Gaskraftwerken erzeugt worden, sagt Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg. Allerdings lasse sich der Anteil kaum noch weiter senken, weil viele Gaskraftwerke auch Fernwärme liefern. Burgers Fazit: „Wir kommen durch diesen Winter noch ganz gut durch. Über den Sommer können wir unseren Energieeinkauf weiter diversifizieren und uns auf den nächsten Winter vorbereiten.“
Was können Verbraucher kurzfristig tun? „Einsparungen sind kurzfristig das wichtigeste Mittel“, sagt Martin Pehnt vom Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) in Heidelberg. Der Energieexperte verweist in diesem Zusammenhang auf die erste Ölkrise in den 70er-Jahren. Auch jetzt gelte es „ein Feuerwerk an Energiesparmaßnahmen zu zünden“. Als Beispiele nennt er die Senkung der Raumtemperatur, sparsameren Warmwassereinsatz durch kürzeres Duschen und Sparduschköpfe. Auch Energiespar-Partys, auf denen Tipps ausgetauscht würden, seien sinnvoll. Nach dem Reaktorunglück in Fukushima hätten japanische Verbraucher durch Verhaltensänderungen bis zu 15 Prozent Strom eingespart.
Schnell und einfach umsetzbar sei auch ein Tempolimit, sagt Burger. Laut Umweltbundesamt könnte ein generelles Limit von 120 km/h knapp sieben Prozent Sprit sparen. Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg plädiert zudem für vier autofreie Sonntage im Monat, die nach seiner Schätzung zehn Prozent Spritersparnis bringen könnten.
Wie kann mittelfristig die Versorgungssicherheit verbessert werden? „Wir müssen jetzt im Zeitraffer nachholen, was wir 2014 schon hätten machen können“, sagt Ifeu-Energieexperte Pehnt. Damals hatte der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine begonnen. Schon mit relativ einfachen Maßnahmen könnten zehn Prozent der Heizenergie eingespart werden, sagt Pehnt. Als Beispiele nennt er die bessere Dämmung von Heizungsrohren, Dächern, Heizkörpernischen oder Kellerdecken. Für eine Umstellung der Heizung auf elektrische Wärmepumpen, seien zudem oft andere Heizkörper erforderlich, die mit niedrigeren Temperaturen betrieben werden können.
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Was sind die nächsten Schritte? Fast alle Energieexperten sind sich einig, dass zur Verbesserung der Versorgungssicherheit erneuerbare Energien schneller ausgebaut werden müssen als es die bisherigen Pläne der Bundesregierung vorsehen. Das käme auch dem Klimaschutz zugute. Nicht nur für eine nachhaltige Stromversorgung, sondern auch für die Produktion von grünem Wasserstoff für die Industrie werden gewaltige Mengen an Wind- und Solarstrom benötigt. Das Potenzial für Energie aus Biomasse – etwa in Form von Biogas – sei dagegen „überschaubar“, meint Sterner. Die geplante Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für Windräder sei dringend nötig. Dabei müsse der Klimaschutz höher gewichtet werden als Arten- und Landschaftsschutz. Wichtig seien auch positive Beispiele, „die den Leuten zeigen, dass es geht“. Die aktuelle Krise könne als Katalysator für den dringend nötigen Umbau des Energiesystems dienen, sagt Sterner.