Kein Photovoltaik, sondern Solarthermie – hier eine Anlage in Ludwigsburg. Foto: z

Eine Beratungsfirma hat aufgeschlüsselt, wie die Filderstädter heizen. Teil der Erkenntnis: Wichtige Stellschraube fürs Energiesparen sind die Privathaushalte.

Heizen oder nicht heizen? Das ist in diesem Herbst in vielen Haushalten die zentrale Frage. Das Wetter hat doch recht früh auf Kalt umgestellt, allerdings explodieren die Energiepreise wegen des Kriegs in der Ukraine. Und nun? Ließe sich da grundsätzlich etwas sparen?

 

Wie und womit die Filderstädter heizen, das erfasst seit diesem Frühjahr im Auftrag der Stadtverwaltung die Firma Endura Kommunal. Die Berater aus dem Schwarzwald begleiten Kommunen bei nachhaltigen Energie- und Mobilitätsprojekten. Beauftragt wurden sie aus Klimaschutzgründen, zumal mittlerweile Wärmeplanungen in den Großen Kreisstädten in Baden-Württemberg Pflicht sind.

Ein Bedarf an gut 560 Gigawattstunden im Jahr

Das Land Baden-Württemberg will bis 2040 klimaneutral sein. Filderstadt ist sogar noch ambitionierter und hat das Ziel ausgegeben, bis 2032 klimaneutral sein zu wollen. Die aktuelle Energiekrise wirft jedoch ein neues Licht auf die Erhebung. 10 142 Gebäude in der Stadt wurden unter die Lupe genommen, 92 Prozent davon sind privat bewohnt. Der Gesamt-Wärmbedarf in Filderstadt liegt demnach bei gut 560 Gigawattstunden im Jahr und damit leicht über dem Landkreis-Schnitt, 63 Prozent davon entfallen auf Privathaushalte. Sprich: Hier ist die größte Stellschraube, wenn es darum geht, zu sparen. „Das zeigt uns, wie wichtig es ist, die Bürgerschaft mitzunehmen“, sagte die Projektleiterin Floriane Abedi in der jüngsten Sitzung des Technischen Ausschusses.

Das Gros der Heizungen in der Stadt ist alt. Endura stützt sich auf Daten der Schornsteinfeger, demnach sind 40 Prozent der Anlagen älter als 15 Jahre, elf Prozent haben sogar 30 Jahre und mehr auf dem Buckel. Nur sechs Prozent der Häuser sind mit maximal fünf Jahre alten Heizungen ausgestattet. Gut ein Drittel der Gebäude wird mit Gas geheizt. Die installierte Leistung holzbetriebener Heizungen ist in den vergangenen Jahren leicht gestiegen, Öl ist indes seltener geworden.

Abwärme aus der Industrie?

Alternative Wärmepotenziale gibt es mannigfaltig, etwa über Abwärme aus der Industrie. Floriane Abedi hat 53 Firmen im Ort angeschrieben, drei haben detailliert Auskunft über die jährliche Abwärmemenge gegeben. Demnach könnten rein rechnerisch allein diese drei Firmen zwei Prozent des Wärmebedarfs in der Stadt decken. Das größte Potenzial sehen die Experten allerdings in der Solarthermie auf Freiflächen. Nahezu 644 Gigawattstunden pro Jahr könnten demnach auf gut geeigneten Flächen produziert werden, nimmt man bedingt geeignete Areale noch dazu – etwa Flächen unter Landschaftsschutz oder Äcker –, sind sogar mehr als 1000 Gigawattstunden drin.

Genutzt wird die Technik in Filderstadt bislang nicht. Vorbilder gibt es jedoch in der Region. Seit Mai 2020 läuft die Freiflächen-Solarthermieanlage der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim. Mit ihrer 14 800 Quadratmeter großen Kollektorfläche galt sie bei ihrer Eröffnung als bundesweit größte netzgebundene Solarthermieanlage.

Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen

In Filderstadt sind viele Gedankenspiele möglich. Über Solarthermie auf Dächern könnten in der Theorie 213 Gigawattstunden produziert werden, über oberflächennahe Geothermie sogar 675. Beides wird bislang gar nicht oder kaum genutzt. Lediglich die Wärmegewinnung über Biomasse wird mit 7,6 Gigawattstunden pro Jahr im relevanten Bereich praktiziert. Laut der Erhebung wären hier aber knapp 39 Gigawattstunden theoretisch drin. Auch die Klimaneutralität ist rein rechnerisch über einen Verbrauchsmix technisch möglich, betonte Floriane Abedi in der Sitzung.

Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Es handelt sich um Hochrechnungen. Floriane Abedi betont: Technische Potenziale sind nicht automatisch tatsächliche Potenziale. Für Solarthermie etwa seien Wärmenetze notwendig, die seien allerdings nicht überall machbar. „Das ist die Bilanz, die Herausforderung wird sein, wie man es umsetzt“, stellte sie klar. Das Projekt ist noch bis zum Sommer angesetzt. Wie genau Maßnahmen aussehen könnten, das wird die Studie noch aufzeigen müssen. Im ersten Quartal 2023 soll ein Katalog vorgelegt werden. Auch eine Aufstellung der Verbrauchs- und Versorgungszenarien bis 2032 und 2040 soll es geben. Fernziel laut Floriane Abedi: fünf konkrete Maßnahmen in den kommenden fünf bis sieben Jahren umsetzen. „Ganz wichtig ist die Beteiligung der Schlüsselakteure“, sagte sie in der Ausschusssitzung.

Erneuerbare Strompotenziale in der Stadt

Dächer
Die Analyse von Endura Kommunal trifft auch Aussagen über erneuerbare Strompotenziale im Stadtgebiet von Filderstadt. Sie zeigt: Rein rechnerisch ist auch hier mächtig Luft nach oben. Demnach werden aktuell über Dach-Photovoltaikanlagen 4,5 Gigawattstunden pro Jahr gewonnen – wenn man alle Dächer belegen würde, wären theoretisch 170 Gigawattstunden pro Jahr denkbar.

Freiflächen
Bei der Photovoltaik auf Freiflächen geht die Schere noch weiter auseinander. 2,5 Gigawattstunden werden demnach bislang jährlich produziert, geeignete Flächen für mehr als 260 Gigawattstunden gibt es in der Stadt. Nimmt man die bedingt geeigneten dazu, sind mehr als 450 Gigawattstunden vorstellbar. Bei der Biomasse kommt noch ein Potenzial von 27 Gigawattstunden obendrauf. car