Die Filme „Un año, una noche“ und „Alcarràs“ beschließen den Wettbewerb der Berlinale vor der Preisverleihung an diesem Mittwoch. Eindeutige Favoriten für die Preisverleihung gibt es kaum.
Berlin - Auf den letzten Berlinale-Metern gab es dann doch noch unerfreuliche Coronanachrichten: Isabelle Huppert, die in diesem Jahr einer der prominentesten Gäste gewesen wäre und mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet werden sollte, musste kurzfristig die Reise nach Berlin absagen. Die 68-jährige Französin, die im Berlinale-Special außerdem gemeinsam mit Lars Eidinger ihren neuen Film „À propos de Joan“ vorstellen wollte, wurde positiv auf das Coronavirus getestet – und das Festival abermals um eine große Portion Glamour gebracht, der in diesem Jahr ohnehin spärlich gesät war.
Der Bataclan-Film überzeugt
Derweil präsentierte sich nach dem Schweizer Kino auch das spanische in Bestform. Am Montag feierte „Un año, una noche“ von Isaki Lacuesta Weltpremiere, eine Erinnerung an den Pariser Terroranschlag am 13. November 2015, basierend auf dem autobiografischen Roman eines spanischen Überlebenden. Im Film begegnen wir Ramón (Nahuel Pérez Biscayart) und seiner französischen Lebensgefährtin Céline (Noémie Merlant) unmittelbar in der Nacht, nachdem sie dem Massaker beim Konzert der Eagles of Death Metal im Bataclan knapp entkommen sind. Die beiden gehen höchst unterschiedlich mit ihren Erfahrungen um. Während Ramón nicht mehr arbeiten kann und die Wohnung kaum verlässt, immer wieder die Ereignisse durchgeht und von Panikattacken heimgesucht wird, bis er therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, schaltet Céline in den Funktionsmodus, setzt auf Pragmatismus und erzählt nicht einmal den eigenen Eltern, was sie an jenem Abend erlebt hat.
Was genau das Paar im Pariser Club Bataclan erlebt hat, interessiert Lacuesta nur am Rande, meist beschränkt er sich auf subjektive Erinnerungsfetzen. Ihm geht es viel mehr um einen genauen Blick darauf, welche Folgen ein derartiges Trauma hat und wie sich damit weiterleben lässt, alleine und auch als Paar. Entsprechend lebt sein bewegender Film von viel Feingefühl, einer unerwarteten Portion schwarzem Humor sowie dem famos aufspielenden Duo in den Hauptrollen. Und einen erzählerisch überraschenden, nie ganz eindeutigen Kniff gegen Ende gibt es auch noch.
Auf dem Land in Katalonien
Noch eindrucksvoller in seiner enorm klugen und sensiblen Beobachtung kam „Alcarràs“ daher, der zweite Spielfilm der aus Barcelona stammenden Regisseurin Carla Simón. Basierend auf eigenen Erfahrungen erzählt sie von der Großfamilie Solé, die jeden Sommer im titelgebenden katalonischen Dorf mit der Pfirsichernte auf ihrer Plantage verbringt. Doch die Zukunft des Familienbetriebs ist gefährdet, nicht nur, weil die Bauern von den Abnehmern zu wenig Geld für ihre Ernte bekommen und Großkonzerne Land zu Spottpreisen aufkaufen, um Solarpanels aufzustellen. Sondern auch, weil im Versuch der Bewahrung alter Traditionen das Festhalten an patriarchalen Strukturen nicht immer der geeignetste Weg ist.
Es wäre ungerecht und überraschend, wenn „Alcarràs“ im Berlinale-Palast nicht zu den Gewinner-Filmen gehören würde. Selbst der Hauptpreis wäre absolut verdient für diesen wunderbaren, kleinen Film. Davon abgesehen lässt sich in diesem Jahr allerdings noch schwerer als sonst einschätzen, welche Beiträge sich berechtigte Bären-Hoffnungen machen dürfen. Nicht nur, weil in M. Night Shyamalan ein Hollywood-Regisseur die Jury leitet, über dessen Geschmack in Sachen Weltkino wenig bekannt ist. Sondern auch, weil in diesem Jahr die Gelegenheiten fehlten, ein Gespür dafür zu bekommen, welche Filme für anhaltenden Gesprächsstoff sorgten. Nie stand man in Schlangen vorm Kino und konnte Unterhaltung belauschen, Party-Small-Talk fiel weg, und mangels Presse aus Übersee hatte das Fachblatt „Screen“ sogar auf seinen täglichen Kritiker-Spiegel verzichtet.
Und wer räumt ab?
Ein würdiger Preisträger wäre neben „Alcarràs“, „Un año, una noche“ sowie den Schweizer Filmen „La ligne“ von Ursula Meier und „Drii Winter“ von Michael Koch allerdings auch „Yin Ru Chen Yan“, der einzige chinesische Beitrag im diesjährigen Wettbewerb. Der Regisseur Li Ruijun erzählt eine stille, zu Herzen gehende Liebesgeschichte zweier einsamer, gesellschaftlicher Außenseiter, die nicht mehr ganz jung sind und trotzdem von ihren Familien miteinander verheiratet werden. Mindestens für den Silbernen Bären als beste Darstellerin empfiehlt sich außerdem auch der indonesische Historienfilm „Nana“ von Kamila Andini, in dem Happy Salma als Mutter überzeugt, die sich nie ihrem Kriegs- und Fluchttrauma gestellt hat. Damit, dass auch Nicolette Krebitz und Andreas Dresen mit ihren insgesamt eher durchwachsen aufgenommenen Filmen zu den Gewinnern gehören werden, ist dagegen nicht wirklich zu rechnen.