WM-Jubel im Konfettiregen – und der dänische Weltklasse-Keeper Niklas Landin steht im Mittelpunkt. Foto: imago/Mathias Bergeld.

Das 26:24 im Finale gegen Schweden zeigt die Stärke des skandinavischen Tempohandballs. Die ersten Titelkämpfe im Würgegriff einer Pandemie und mit 32 teilnehmenden Mannschaften bringen noch weitere Erkenntnisse.

Kairo/Stuttgart – Die umstrittenste WM der Handballgeschichte ist vorbei. Die ersten Titelkämpfe mit 32 Teilnehmern lieferten viel Diskussionsstoff.

Weltmeister Nachdem die Dänen den Erzrivalen Schweden im Finale mit 26:24 (13:13) entzaubert und ihren WM-Titel verteidigt hatten, kannte der Jubel keine Grenzen. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stand Niklas Landin. Der Mann vom THW Kiel machte im Finale genau das, was einen Weltklasse-Torhüter auszeichnet: Er parierte in den Schlüsselsituationen die entscheidenden Bälle. Bester Werfer der Dänen war Mikkel Hansen mit sieben Toren. Der Superstar wurde anschließend auch zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. „Es ist schön für die Mannschaft und für mich, das war ein fantastisches Stück Arbeit“, jubelte Trainer Nikolaj Jacobsen. „Wir haben einige Kräfte gefunden, von denen wir nicht glaubten, dass wir sie hatten“, ergänzte Landin. Bronze hatte sich zuvor Spanien durch ein 35:29 (16:13) gegen Frankreich gesichert.

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Dominanz Mit Beginn der Halbfinalspiele waren die Europäer unter sich. Es gab Spiele auf allerhöchstem Niveau. Vor allem die Geschwindigkeitsspezialisten aus Dänemark und Schweden begeisterten mit skandinavischem Tempohandball, mit ständigen Angriffswellen, mit Präzision, Passqualität und einem guten Gefühl für Raum und Zeit. Dies alles führte noch einmal deutlich vor Augen, dass das deutsche Team nicht nur Nuancen von der Weltspitze entfernt ist und die Olympia-Goldträume ziemlich kühn anmuten. Zumal im Qualifikationsturnier vom 12. bis zum 14. März in Berlin neben Algerien und Slowenien eben auch der starke Vize-Weltmeister Schweden als Gegner wartet. Zwei der vier Teams lösen das Ticket für Tokio.

Golla positiv getestet

Coronablase Was wurde über diese WM im Vorfeld diskutiert – und das zu Recht. In eine von der Pandemie bestimmte gesamtgesellschaftliche Lage passten diesen Titelkämpfe am Nil mit 32 Teilnehmern aus der gesamten Welt nicht hinein. Das Risiko spielte gewaltig mit. Bis zum Samstag schien das (stark nachgebesserte) Hygienekonzept aufzugehen, die WM-Blase hielt dicht. Dann kam die Nachricht von einem positiven Ergebnis bei einem am Freitag durchgeführten PCR-Test bei Deutschlands Kreisläufer Johannes Golla. Derzeit liegen noch keine Erkenntnisse vor, wann und wo eine Infektion stattgefunden haben könnte. Für eine abschließende Bewertung des Megaturniers ist es demnach noch zu früh, zumal 20 Bundesliga-Profis am Sonntag noch im WM-Endspiel am Ball waren.

Ohne Zuschauer

Fest steht: Für die ausgefallenen Spiele und die absagenden Teams konnten die WM-Organisatoren nichts. Dies hatte seine Ursachen in der Zeit vor der WM. Kommen nicht noch positive Coronabefunde hinzu, dann hat diese Weltmeisterschaft – genauso wie die Handball-EM der Frauen im Dezember in Dänemark – gezeigt, dass internationale Wettkämpfe in Coronazeiten möglich sind. Dass sie ohne Zuschauer weitaus weniger Spaß machen, versteht sich von selbst. Nicht auszudenken, was beim epischen Viertelfinale zwischen Ägypten und Dänemark (38:39 nach Siebenmeterwerfen) 17 000 Zuschauer für ein Spektakel veranstaltet hätten.

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Mammutformat Erstmals waren 32 statt 24 Mannschaften bei einer WM dabei. Das Wichtigste stand bereits vorher fest: Eine zusätzliche Belastung für die Spieler war damit nicht verbunden. Am Ende hatte der Weltmeister im Vergleich zur WM 2019 nur neun statt zehn Partien in den Knochen. Für die Verbreitung der Sportart rund um den Globus, in Länder, in denen Handball eine absolute Randsportart darstellt, ist die Vergrößerung des Teilnehmerfeldes grundsätzlich von Vorteil. Denn diesbezüglich hinkt der Handball nicht nur dem Fußball, sondern auch den konkurrierenden Teamsportarten Basketball und Volleyball hinterher. Andererseits stellt sich die Frage, ob Auftritte von hoffnungslos überforderten Teams wie Uruguay (14:43 gegen Deutschland) den gewünschten Werbeeffekt in deren Heimat auslösen.

Andere Exoten sammelten mehr Sympathiepunkte. Über den 140-Kilo-Kreisläufer Gauthier Mvumbi aus dem Kongo sprach die ganze Handballwelt auf allen Kanälen – weil er auch Leistung brachte. In diesem Fall gab es über das XXL-Format keine zwei Meinungen.

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Spielweise Der Trend ist nicht ganz neu, doch er hat sich verstärkt. Die Mittelachse gewinnt noch mehr an Bedeutung: überragender Torwart, gewiefter Spielmacher – und abschlussstarker Kreisläufer. Der Ungar Bence Banhidi stellt den Prototyp dar: 2,06 Meter groß, 120 Kilo schwer, aber dennoch ungemein beweglich, wendig und dynamisch. Einfache Tore aus dem Tempospiel standen zuletzt schon hoch im Kurs, immer öfter sitzt der Spielmacher aber in der Abwehr nicht auf der Bank, sondern deckt auf Außen. „Damit kann der Playmaker in der zweiten, dritten Welle und bei der schnellen Mitte die entscheidenden Akzente setzen“, sagt Ex-Bundesliga-Trainer Rolf Brack. In Coronazeiten wird ein Gehirn auf dem Feld noch wichtiger. „Aufgrund geringer Vorbereitungszeit bleibt den Trainern wenig Zeit, Automatismen einzustudieren, da braucht es einen Strategen, der das Spiel steuert“, betont Jürgen Schweikardt, der Coach des TVB Stuttgart. Ebenso auffällig: In der Liga wird der siebte Feldspieler in den meisten Fällen nur gebracht, wenn das Team in Unterzahl ist. Bei der WM dagegen nahmen Trainer den Torwart auch bei Gleichzahl vom Feld, um in Überzahl die entscheidenden Tore zu erzielen.

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Schiedsrichter Wenig zu meckern gab es an den Leistungen der Unparteiischen. Sie demonstrierten auch, wie der Videobeweis ein für alle verständliches und der sportlichen Fairness dienliches Mittel sein kann. Auffallend war das härtere Durchgreifen. „Die Unparteiischen sind bei einer WM vom Weltverband (IHF) angehalten, sofort Zeitstrafen zu verhängen“, weiß Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Holger Fleisch. Das Spiel soll dadurch attraktiver werden.

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