Gegenüber der deutschen Gemeinde Hohentengen soll das Atomendlager der Eidgenossen entstehen. Es gibt Protest – und er ist sehr speziell.
Martin Benz lässt seinen Tee noch ein wenig ziehen und schaut aus dem Fenster seines Amtszimmers. Der Tee ist für die Stimme, die er heute noch brauchen wird. Der Blick ist grandios. Hinab ins Rheintal reihen sich die Hausdächer aneinander, auf den Hügeln gegenüber leuchtet das Gras nach langer Trockenheit schon wieder grün. Schweizer Gras. Inmitten des Grüns stehen ein paar gelbe Kipplader herum.
Dort soll er hinkommen, sagt Martin Benz, „der Umschlagplatz für das Ganze“. Das Ganze, das ist eines der größten Bauprojekte der Schweiz. Ein Endlager für den Atommüll. 850 Meter tief im Gestein, 20 Milliarden Franken teuer. Nach heutiger Rechnung sind das mehr als 20 Milliarden Euro. Rund zwei Kilometer trennen die Gemeinde Hohentengen, deren Bürgermeister Martin Benz ist, von dem Ort, an dem der Abfall aller fünf Schweizer Atomkraftwerke für die Ewigkeit eine letzte Ruhe finden soll. Bis zum Umschlagplatz der Hauptbaustelle sind es gerade mal rund 600 Meter.
Mehr als 500 Menschen drängen zur Versammlung
Es ist Nachmittag. Für den Abend hat Martin Benz in die Mehrzweckhalle geladen. 304 Stühle stehen dort in Reih und Glied, sie werden bei Weitem nicht ausreichen. Mehr als 500 Menschen drängen sich schließlich in dem frisch renovierten Bau, viele müssen stehen. Es seien zwar noch Stühle da, aber die müssten im Depot bleiben, sagt Martin Benz. Brandschutz, Sicherheit. Die Sicherheit ist auch der Grund dafür, warum so viele Menschen gekommen sind. Sicherheit, die nicht so leicht zu haben ist wie in einer Halle, in der ein paar Stühle weniger stehen. Was geschieht, wenn die Schweiz erst einmal auf der anderen Seite des hellgrün schimmernden Hochrheins all das vergräbt, was eben so anfällt, wenn man Kühlschrank, Fernseher und Stehlampe mit Atomstrom zum Arbeiten bringt. Die Frage bewegt.
„Wenn das da drüben wirklich der sicherste Ort der ganzen Schweiz ist, dann tragen wir das mit“, sagt Martin Benz. Doch genau daran hat er Zweifel. Vor wenigen Tagen hat die Nagra verkündet, dass das Gebiet gegenüber von Hohentengen bei der schweizweiten Standortwahl am besten abgeschnitten hat. „Die Geologie hat gesprochen“, sagt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), die seit dem Jahr 2008 auf der Suche gewesen ist. In Hohentengen erinnern sie sich aber genau daran, dass vor wenigen Jahren dieselben Wissenschaftler erklärt haben, dass jeder Experte die Finger von diesem Platz lassen würde. Das sei erklärungsbedürftig, sagt Martin Benz. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein.
Bei den Schweizern wird das Geld verdient – oder mit ihnen
Hohentengen und die Schweiz – das ist ein nicht immer ganz einfaches Verhältnis. Rund 40 Prozent der Deutschen arbeiten auf der anderen Seite des Rheins, wer in Hohentengen bleibt, verdient mit den Schweizern sein Geld. Die Gemeinde mit 4000 Einwohnern ist in vielen Bereichen besser ausgestattet als manch eine deutlich größere Stadt. Es gibt zwei Metzger und zwei Bankfilialen, in denen Menschen arbeiten, nicht nur Automaten. Es gibt zwei Supermärkte im Ort und einen Discounter, eine ordentliche Portion an Gastwirtschaften – mit Schweizer Preisen, lästern die Einheimischen. Und es gibt eine Menge spezieller Geschäfte, an die sich Schweizer ihre Amazon-Pakete schicken lassen. Das spart nicht nur Porto. Sie hole gerade ein Buch, das auf ihrer Seite des Rheins 42 Franken gekostet hätte, hier aber nur 17 Euro sagt eine Schweizerin. Das ist freilich schon nicht mehr so gut zu verstehen, weil wieder einmal eine Maschine der Swiss mit Kurs auf Zürich-Kloten die tief hängenden Wolken durchbricht. Zu Beginn der Unterhaltung war es ein Flugzeug aus Portugal.
Protest ist hier anders als in Gorleben
Jetzt also auch noch Atommüll. Die Menschen sind aufgebracht. Wobei das in dieser Gegend Deutschlands nicht im Entferntesten so zu verstehen ist wie bei jenem Aufruhr, den das Fernsehen aus Gorleben einst in die Wohnzimmer transportiert hat. Vermummte Demonstranten, quer gestellte Traktoren – hier doch nicht. „Ich glaube nicht, dass sich ein Hohentengener heute Abend im Ton vergreift“, sagt Martin Benz, als er doch an seinem Tee genippt hat. Der Mann ist seit mehr als 30 Jahren Bürgermeister im Ort – er kennt seine Pappenheimer.
Geduldig, zwischenzeitlich sogar mit leichtem Applaus, hören die Menschen am Abend in der Mehrzweckhalle den Schweizer Vertretern zu, die erklären, warum kein anderer Ort so gut geeignet sei wie der gegenüber von Hohentengen. Nördlich Lägern heißt dieses Gebiet, und es habe die beste Qualität, biete die größte Sicherheit und die größte Flexibilität ohnehin, so die Begründung. Ein Gestein mit dem wohlklingenden Namen Opalinuston liege hier und habe sich in den letzten 175 Millionen Jahren kaum verändert. Vor ein paar Jahren habe man noch nicht genügend Daten gehabt. Jetzt schon. Es sei ein Lager für die Ewigkeit.
Was geschieht wohl in 200 000 Jahren?
Apropos Ewigkeit. Bei einem Blick rund 200 000 Jahre zurück sehen Wissenschaftler gerade so etwas Ähnliches wie die ersten modernen Menschen durch die afrikanischen Steppen schlurfen. Ganz sicher ist man da nicht. Andere Wissenschaftler schauen die gleiche Zeitspanne nach vorne und sind sich ziemlich sicher, dass dort, wo sich heute das deutsch-schweizerische Grenzgebiet befindet, in rund 200 000 Jahren die Abfälle wieder ausgebuddelt werden können, die jetzt dort eingelagert werden sollen. Wobei auch „jetzt“ ein relativer Zeitbegriff ist. 2050 soll es so weit sein, denn noch, das betonen die Schweizer Vertreter an diesem Abend immer wieder, ist nichts entschieden. Der Vorschlag der Nagra werde nun geprüft, dann sind die Politiker an der Reihe. Baubeginn in zehn bis 15 Jahren.
Dass sich an dem Standort noch etwas ändern wird – so recht glaubt weder in Stuttgart noch in Hohentengen jemand daran. Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne) fordert, dass der Schutz der Bürger gewährleistet sein müsse. Das ist Worthülsenakrobatik, so etwas sagt man, wenn man etwas sagen muss. Und auch in Hohentengen schwankt die Stimmung zwischen Resignation und einem letzten Aufflammen an Wut. „Das fühlt sich so an, als seien wir der Komposthaufen der Schweiz“, sagt eine Studentin. Sie bekommt ebenso Applaus wie der Mann, der sich fragt, „wie es der Schweiz immer wieder gelingt, alle Probleme an die Grenze zu verlagern“. Im alemannischen Singsang-Dialekt klingt auch harte Kritik eher milde.
Fragen zu Erdbeben und Flugzeugunglücken
Natürlich wird nachgehakt. Wie das so sei mit der Sicherheit, bei Erdbeben, bei Flugzeugabstürzen, und mit der Strahlung ganz allgemein. Alles im Griff, antworten die Schweizer. Und irgendwie scheinen die Hohentengener dann doch schon abgeschlossen zu haben mit dem Widerstand. Der Blick richtet sich nach vorne. Was wird unternommen gegen Baulärm und Beeinträchtigungen, was zum Schutze des Tourismus – und wie ist das mit den Abgeltungszahlungen. Wer wie viel Geld bekommt, weil er der Schweiz hilft, eine Aufgabe von nationaler Bedeutung zu stemmen, wie die Millionen auf welcher Seite des Rheins verteilt werden – das muss noch verhandelt werden. Eine Aufgabe, fast für die Ewigkeit.