Die Sprengung dieses Kühlturms des Atomkraftwerks Philippsburg ist Teil des 2011 beschlossenen Atomausstiegs. Foto: dpa/Daniel Maurer

Der plötzliche Atomausstieg belastete das Land enorm. Nun ist endlich Besserung in Sicht – auch weil die EnBW aus einer misslichen Situation das Beste gemacht hat, meint StN-Autor Klaus Köster.

Stuttgart - Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit wird Japan von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert. Unter dem Boden des Ozeans stoßen Erdplatten zusammen, die meterhohen Hebungen und Senkungen lösen einen Tsunami aus, der das Atomkraftwerk Fukushima flutet. Das lässt die Pumpen der Reaktorkühlungen ausfallen, was in drei Reaktoren zur Kernschmelze führt. Große Mengen radioaktiver Dämpfe treten aus, es wird eine viele Kilometer große Sperrzone eingerichtet.

 

Ausstieg nach wenigen Tagen

Kaum ein Land reagiert auf diese Katastrophe so weitreichend wie Deutschland, dessen Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits nach drei Tagen sagt: „Wenn wir von der Kernenergie als Brückentechnologie sprechen, bedeutet das nichts anderes, als dass wir aus der Nutzung der Kernenergie aussteigen möchten.“ Merkels spontane Reaktion auf eine erschütternde Katastrophe bestimmt bis heute Deutschlands Energiepolitik. Ein Atommeiler nach dem anderen wird stillgelegt, an die Stelle radioaktiver Brennelemente sollen erneuerbare Energieträger wie Wind und Sonne treten.

Langer Weg zu neuen Energien

So schlüssig diese Überlegung auch erscheint, so beschwerlich ist ein solcher Weg, wenn man in ihn hineinstolpert. Auch fast zehn Jahre nach dem Ausstieg fehlt es an Leitungen, um den Strom von den windreichen Gegenden des Nordens in die Industrieregionen des Südens zu transportieren. Die über lange Zeit hoch subventionierten, stark schwankenden erneuerbaren Energiequellen können die konstant arbeitenden Atomkraftwerke in ihrer Verlässlichkeit nicht ersetzen, so dass immer wieder Kohle- und Gaskraftwerke zur teuren Überbrückung eingesetzt werden müssen. Sie stoßen im Gegensatz zu den Atommeilern aber CO2 aus und verschlechtern damit Deutschlands Klimabilanz. Nach zehn Jahren kann man da nicht mehr von Kinderkrankheiten sprechen. Der Ausstieg wurde Hals über Kopf beschlossen, ohne den Einstieg zu planen – ein teurer Fehler, der nur schwer zu korrigieren ist.

Gleichwohl gibt es inzwischen deutliche Lichtblicke. Die Zeiten, da den Betreibern von Fotovoltaikanlagen das Geld hinterhergeworfen wurde, sind vorbei – die Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit des erneuerbaren Stroms sind deutlich gestiegen. Zu den Lichtblicken zählt auch die Entwicklung des Energiekonzerns EnBW, dessen Chef Frank Mastiaux es über die Jahre gelungen ist, aus dieser Situation ein tragfähiges Geschäftsmodell zu formen.

Nachhaltige Strategie, hohe Schulden

Noch vor wenigen Jahren stand das damals stark atomlastige Unternehmen vor dem Abgrund, nun scheint es eine nachhaltige Wende erreicht zu haben. Die EnBW verschuldet sich massiv, um in erneuerbare Energien zu investieren. Doch selbst die gegen hohe Schulden allergischen Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit von Unternehmen bewerten, halten der EnBW zugute, dass sie damit das Fundament gelegt hat, um am Kampf gegen den Klimawandel zu verdienen, anstatt sich diesem zu verweigern. Auch an den Netzen für Strom und grünen Wasserstoff arbeitet die EnBW beharrlich. Sie überträgt die Energiewende Schritt für Schritt in die Praxis.

Erfreulich ist das auch für das Land, das rund die Hälfte der EnBW-Aktien hält und daran bisher wenig Freude hatte. Diese Papiere sind nun erstmals wieder mehr wert als zu der Zeit, in der Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gekauft hat. Nun besteht sogar die Chance, dass das Land die aufgelaufenen Verluste von mehr als 300 Millionen Euro etwas verringert. Dass es fast zehn Jahre dauerte, an diesen Punkt zu gelangen, zeigt, wie tief die Einschnitte durch die Energiewende waren – und wie hart im Land daran gearbeitet wird, aus einer misslichen Lage das Beste zu machen.

klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de