Die Vornamen, die um 1915 in Mode ­waren, sind heute wieder in, sagt der Namensforscher Knud Bielefeld. Foto: Fotolia

Der Hobbyforscher Knud Bielefeld wertet jedes Jahr Tausende Vornamen aus. Er erklärt, warum wir heißen, wie wir heißen. Und warum heute die Namen von vor hundert Jahren wieder in Mode sind.

Stuttgart – Herr Bielefeld, die beliebtesten Namen 2014 bei den Mädchen waren Emma, Mia und ­Hanna. Bei den Jungs Ben, Louis und Paul. Das klingt wie ein Mix aus Alt und Neu.
Emma und Paul sind ja traditionelle Namen von vor über 100 Jahren. Tatsächlich gibt es auch bei Namenstrends einen Kreislauf, sie kehren irgendwann wieder.
Und wie lange dauert das?
In der Regel etwa 100 Jahre. Die Vornamen also, die um 1915 in Mode ­waren, sind heute wieder in.
Wie lässt sich das erklären?
Macht ein Name in der Gesellschaft Karriere, dann wird er spätestens dann unbeliebt, wenn er in der Elterngeneration ankommt. Denn dann kann es gut sein, dass die Eltern jemanden kennen, der so heißt – und den sie vielleicht nicht so gern haben. Also wird die Gesellschaft eines Namens irgendwann überdrüssig. Deutlich Ältere hingegen ­haben bei werdenden Eltern häufig kein ­negatives Image. Deshalb steht dem Comeback eines alten Namens nichts im Wege.
Gleichwohl kommen auch neue Namen hinzu. Etwa die Spitzenreiter Mia und Ben.
Ja und nein. Mia und Ben sind beides Kurzformen – von Maria und Benjamin, was sehr alte und traditionelle Namen sind.
Dann ist die Verkürzung ein aktueller Trend.
In der Tat wurden die Vornamen in den letzten Jahrzehnten im Schnitt immer kürzer. Eine genaue Durchschnittszahl der Buchstaben kann ich Ihnen nicht nennen, das ist ein schleichender Prozess.
Es lässt sich auch der Trend zu ausgefallenen Namen beobachten. Prominentes Beispiel: Die ­Söhne von Schauspieler Uwe Ochsenknecht heißen Jimi Blue und Wilson Gonzalez.
Es gibt ganz viele Trends gleichzeitig. Einer ist der zu mehr Vielfalt. Noch vor 40 oder 50 Jahren wurden regelrechte Massennamen wie Thomas oder ­Michael vergeben. Das hat deutlich abgenommen. Statistisch gesehen kommt etwa der beliebte Vorname Emma derzeit nur ein bisschen häufiger als bei ­jedem 100. Baby vor. Oder anders ausgedrückt: in jeder vierten Schulklasse einmal. Die Massennamen von damals waren häufiger, das differenziert sich heute mehr aus.
Warum?
Viele Eltern sind noch immer geprägt von den Massennamen aus ihrer Kindheit. Damals musste man oft auf Spitznamen ­zurückgreifen. Das wollen die Eltern ihren Kindern heute lieber ersparen, sie sollen sich möglichst unterscheiden. Außerdem ist man im Internet weltweit vernetzt, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dort Namensvetter zu treffen, steigt. Auch deshalb gibt es einen Hang zu mehr Individualität.
Wie stark prägt ein Name das Schicksal?
Es gibt Untersuchungen darüber, dass Kinder möglichst unauffällig sein wollen. Ein sehr ungewöhnlicher Namen fällt aus der Reihe. Damit fühlen Kinder sich häufig unwohl. Eltern sollten das bei der Namenswahl im Hinterkopf behalten.
Früher war es üblich, die Kinder nach Verwandten zu benennen. Dieser Brauch scheint auszusterben.
Das ist in der Tat eine Weile lang weniger ­geworden. In meiner Generation ist es eher die Ausnahme. Allerdings: Auch dieser Trend der sogenannten Nachbenennung kommt zurück. Dieses Phänomen ist vor allem­ in katholisch geprägten ­Gebieten in ­Süddeutschland zu beobachten. Dort ­werden Kinder auch häufiger nach Taufpaten benannt. Zudem nimmt der Anteil der Kinder mit mehreren Namen zu.
Die Anzahl der Vornamen je Kind steigt an. Lässt sich das beziffern?
Momentan beträgt sie pro Kind im Schnitt 1,45. Oder anders gesagt: Etwas mehr als die Hälfte der Kinder trägt nur einen Vornamen und etwas weniger als die Hälfte mehrere Vornamen. In Bayern ist es umgekehrt. Dort werden gern mehrere Vornamen vergeben.
Wie groß sind die regionalen Unterschiede?
Es gibt sie, sie sind aber nicht so stark, wie man meinen könnte. Finn kommt im Norden häufiger vor als im Süden. In den neuen Bundesländern ist Oskar sehr beliebt. Und in Bayern musste sich Maximilian 2014 erstmals seit Jahren Lukas geschlagen geben.
Können beliebte Namen auch von der einen in die andere Region wandern?
Das lässt sich an Finn zeigen: Der hat zuerst im Norden, danach im Süden Karriere gemacht. Interessant ist zurzeit auch die Ausbreitung des Namens Fiete, der zuvor nur als Spitznamen bekannt war. Vor vier Jahren ist er zum ersten Mal in der Statistik von Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht und kommt jetzt auch in Schleswig-Holstein immer häufiger vor. Der Bayern-Dauerbrenner Maximilian hingegen scheint ­langsam aus Süden in den Norden vorzudringen.
Kann es auch sein, dass Ihre Internetseite die Namenswahl beeinflusst? Dass also die Information darüber, was angesagt ist, die Entscheidung der Eltern verändert?
Viele Eltern wollen alles, bloß keinen Modenamen für ihren Nachwuchs. Die schauen in den Hitlisten, welche Vornamen dort nicht drinstehen. Deshalb habe ich sehr seltene Namen in einer eigenen Liste veröffentlicht. Allerdings musste ich sie schon häufig überarbeiten: Scheinbar inspiriert die Liste viele Eltern. Einige seltene Namen rutschen dann doch in die Hitliste. Gut möglich also, dass ich dem ein oder anderen Denkanstoß gebe.
b>„Je öfter wir von einen Namen hören, umso schöner finden wir ihn“
In seiner Kolumne im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hat der Autor Axel Hacke häufig über seinen Sohn Luis geschrieben. Wenige Jahre später war der Name auf einmal in.
Es lässt sich nicht eindeutig sagen, ob diese Kolumne den Luis beflügelt hat. Es kommt selten vor, dass durch einen Einzelfall der Name so eine Karriere hinlegt. Andererseits wird die „Süddeutsche Zeitung“ ja vermehrt von Meinungsführern gelesen. Wenn die das aufschnappen, trägt sich der Name dann womöglich schneller weiter. Trotzdem ist es wohl nur einer von mehreren Einflüssen.
Spielen Stars eine Rolle bei der Beliebtheit? Oder auch Bücher und Filme?
Ja, das kann passieren. Der Name Kevin zum Beispiel war im Jahr 1991 der beliebteste Vorname in Deutschland. Da denken viele dann sofort an den Kino-Kassenschlager „Kevin allein zu Haus“. ­Allerdings gab es schon viel früher Einflüsse. Die Schauspieler Kevin Costner und ­Kevin Spacey oder der englische Stürmer Kevin Keegan haben sicher­ ihren Teil dazu beigetragen. Hinzu kommt ein psychologisches Phänomen: Je öfter wir von einen Namen hören, umso schöner finden wir ihn.
So eine Karriere kann aber auch kippen: Kevin ist heute ziemlich unbeliebt.
Kevin ist ein Musterbeispiel, da er ­extrem breitgetreten wurde. Es gibt wenige Namen, denen das so passiert ist. Allerdings hat es noch kein Name ewig in den Top Ten ausgehalten. Wie gesagt: Spätestens wenn in der Elterngeneration viele so heißen und einer darunter ist, den man nicht mag, kippt es.
Funktioniert das auch umgekehrt: Man schätzt jemanden und benennt sein Kind nach ihm?
Da muss man jemanden allerdings sehr gern haben. In meinem Freundeskreis beispielsweise gibt es keinen Fall, in dem ein Spross der Familie nach einem Freund der Eltern benannt wurde.
Viele Eltern in der DDR gaben ihren Kindern amerikanisch klingende Namen wie Ronny und Nancy. Wurde je erforscht, warum?
Mir ist keine solche Forschung bekannt. Aber habe ich mal einen jahrhundertealten Text gefunden, der sich um dieses ­Phänomen dreht. Darin ereifert sich der Autor, dass die Deutschen ihren Kindern so fremdländische Namen geben. Das Phänomen scheint also nicht neu zu sein. Man muss auch genau hingucken: Karin etwa hält man für einen traditionellen deutschen ­Namen. Es ist allerdings eine schwedische Kurzform von ­Katharina.
Aus welchen Ländern schwappen derzeit die meisten Namen zu uns?
Zurzeit stehen skandinavische Vornamen hoch im Kurs. Italienische und französische eher weniger. Es gibt auch viele slawische Namen in der Statistik. Allerdings werden die meist von Eltern vergeben, deren familiäre Wurzeln in diesem Sprachraum liegen.
Wie haben Sie eigentlich Ihren eigenen Nachwuchs genannt – und warum?
Mein Sohn ist mittlerweile acht Jahre alt und heißt Erik. Vorgeschlagen hat den Namen meine Frau, die Entscheidung fiel dann eher aus dem Bauch heraus. Wir wollten ihm einen Namen geben, der relativ weit verbreitet ist und nicht rausfällt. Damals und heute rangiert Erik unter den 30 beliebtesten ­Vornamen in Deutschland. -
 
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