Emel Geris-Schau in der Ruoff-Stiftung Emel Geris bittet zum Tanz des Lebens

Von Nikolai B. Forstbauer 

Emel Geris wird früh als malerische Entdeckung gefeert, zieht von Istanbul über Stuttgart nach Berlin und inszeniert das Leben als ständigen Scheideweg. Jetzt präsentiert die Ruoff-Stiftung in Nürtingen ihre Bildwelt.

Stuttgart - Begeistert waren viele damals, im Jahr 2004. Eine Premiere war zu bestaunen, der erste Solo-Auftritt einer jungen Malerin. Der ­Kritiker und Kunstvermittler Günter ­Baumann notiert: „Eine großartige Künst­lerin stellt Rainer Wehr in seiner ­Galerie vor: Emel Geris“.

Bilder, die „in den Bann ziehen“

Günter Baumann, heute Mitstreiter im Führungsquartett der Galerie Schlichtenmaier, begründet sein Wort von der „großartigen Künstlerin“ so: „Man darf das betonen, da hier ein Werk präsentiert wird, das noch am Anfang steht – Geris ist 24 Jahre jung und studiert, nach ein paar Akademiejahren in ihrer türkischen Heimat, seit 2002 an der Stuttgarter Kunstakademie bei ­Cordula Güdemann Malerei.“ Und er ­summiert: „In ihren zumeist kleinformatigen, grau in grau gehaltenen Bildern ist auf den ersten Blick nichts Spektakuläres ­auszumachen, und doch ziehen sie den ­Betrachter in ihren Bann.“

Malerei als Tanz mit dem Leben

Tatsächlich herrscht auf engstem Raum Höchstspannung. Malerei ist in den Bildern von Emel Geris ein mitunter hart abbrechender Tanz mit dem Leben. Nichts ist ­gewiss. Den meist zarten, mädchenhaften Figuren der frühen 2000er Jahre droht ­ständig Gefahr, auch und vor allem von den eigenen Träumen.

Im Orkan der Abgründe

Identitäten verschwimmen, Grau in Grau zunächst, dann in fast aquarellhaft genutztem Öl auf Spanplatten. Zeiten, Orte und ­Erinnerungen durchdringen sich in einem ­Orkan der Abgründe.

Frage nach Identitäten

Überraschende bildliche Klärung bringt der Schritt nach Berlin. Nicht zuletzt durch die Zeit als Gast in der Klasse von Daniel Richter an der Universität der Künste. Gemalte Regeln bändigen die Bedrängungen, denen Geris ihre Figuren aussetzt. Zur Frage der weib­lichen Identität und der Frage des Lebens zwischen und mit verschiedenen Kulturen kommt die Frage nach der Identität als ­Malerin, die Frage nach den Wurzeln und und deren Nachwirkungen, nach Fallen auch.

Werkstatt-Einblicke

Eine Reaktion auch auf frühen Ruhm und das Ringen, ihre Bildwelt auf eigenem Weg weiter zu entwickeln? Diese und andere ­Fragen stellt nun eine umfassende Geris-Schau in den Räumen der Ruoff-Stiftung in Nürtingen. „Die Nacht ist ein anderer Tag“ schließt an die Werkstatt-Einblicke zum Schaffen von Rosalie (2016) und Ben ­Willikens (2017) an.

Willkommen im „Kopfkino“

Als „Kopfkino zwischen Himmels­­er­wartung und Höllenstürzen“ sieht Hildegard Ruoff die Ausstellung, die an diesem Samstag, 15. September, um 18 Uhr eröffnet wird. „Dass wir zur ersten ­Nürtinger ­Kulturnacht diese ganz un­gewöhnliche Bildwelt zeigen können und Emel Geris auch zu Gast haben, freut mich besonders“, sagt die Vorsitzende der Ruoff-Stiftung (Schellingstraße 12). Für „wesentliche Unterstützung“ sendet Ruoff einen „besonderen Dank“ an Rainer Wehr.

Bedrängende Aktualität

Surreale Gedankencollagen? Analysen zentraler Motive der europäischen wie der orientalischen Kunstgeschichte? Malerei über Malerei? Die Bilder von Emel Geris ­eröffnen im besten Sinn Räume – und ­gewinnen zuletzt bittere visionäre Kraft. Die Zeitungszeile „Mein ganzes Leben glaubte ich, Deutscher zu sein“ ist auf einem der Werke zu ­er­kennen – und die Unsicherheit ahnt den ­Aufruhr, der im nächsten Bildschritt eine in glühendes Rot getauchte Stadt heimsucht.

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