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Spanien kann immer ein Spiel verlieren. Aber Spanien bewahrt auch immer die Haltung.

Stuttgart - Es lässt sich endlos darüber streiten, ob Fußball der demokratischen Aufklärung dient oder der Ablenkung von politischen Verhältnissen. Die Diskussion darüber aber ist so ergiebig wie die Frage, ob Musik eine Revolution zum Sieg führt. Wer sich die EM von Waldemar Hartmanns Lachsäcken im Leipziger Bahnhof und Katrin Müller­Hohensteins Strandliegen-Tratsch mit Olli Kahn im Usedomer Feuchtgebiet näherbringen ließ, hat seinen Fußballhorizont womöglich nicht entscheidend erweitert.

Zum Glück stand auch andere Begleit­musik zur Verfügung. Rechtzeitig zur EM hatte der ukrainische Dichter Serhij Zhadan, Jahrgang 1974, bei Suhrkamp das Buch „Totalniy Futbol“ herausgegeben. Darin äußert er die Hoffnung auf einen Sieg des Fußballs über die Politik – und den Wunsch, dass für all die in seinem Land, die an den „totalen Fußball“ glauben, „diese Meisterschaft eine wunderbare Gelegenheit zur Vereinigung und Verständigung werden wird. Was hätte sie sonst für einen Sinn?“

Diese Frage lässt sich aus der Ferne nicht beantworten. Der Fußball allerdings erreicht bereits so viel wie manche politische Demonstration, wenn er Fragen aufwirft. Im erwähnten Buch, in einem Text über den 2002 verstorbenen Trainer Walerij Lobanowski, finden sich diese Zeilen von Juri ­Andruchowytsch: „Fußball ist eine Fata Morgana. Du strebst dem Ziel zu, das du dir gesetzt hast, aber kaum ist es erreicht, stellt sich am nächsten Tag heraus, dass es dir nur so schien, als hättest du es erreicht. Denn alles ist schon wieder zerronnen.“

Damit sind wir in der dominierenden Diskussion über die EM 2012. Pausenlos kritisieren Kommentatoren den fantastischen Fußball von Xavi, Iniesta & Co mit der hilflosen Floskel: „Spanien nervt.“ Das Gefühl, „dass ein lange großartig anmutendes Modellbeispiel des modernen Kombinationsfußballs seine besten Tage hinter sich hat“, sei „jetzt schon un­abweisbar“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Wegweisende Kunst wird oft mit überheblicher Ablehnung bestraft, sobald sie ihren revolutionären Kick hinter sich hat. Das Totschlag­­­­argument gegen Spaniens Fußball heißt „Langeweile“. Vermisst werden Wucht, Körperlichkeit, Torschüsse. Vielen ist Spaniens Spiel wohl auch ein Ärgernis, weil es, anders als die Kreisklasse-Komik in „Waldis Club“, kein „Das können wir auch“-Gefühl beim Partyvolk zulässt.

Der spanische Trainer Juan Manuel Lillo, Lehrmeister von Barças Ex-Trainer Josep Guardiola, sagt: Das Problem sei, „dass die meisten Menschen den Fußball betrachten, als ob man ihn in Kapitel aufteilen müsse. Wir müssen uns im Fußball von Begriffen wie Angriff und Verteidigung lösen. Angriff und Verteidigung existieren nicht. Das sind Hilfsbegriffe, die wir aus kollektiven Sportarten entlehnt haben, die mit der Hand ­gespielt werden. Aber im Fußball kannst du den Ball eben nicht festhalten.“

Also haben Spaniens Trainer neue Formen der Ballannahme, der Balleroberung und der Spielübersicht entwickelt. Diese Technik ermöglicht die kurzen Pässe und den immensen Druck auf den Gegner. Der Fan vermisst „Torschüsse“: Action. Dem konzentrierten Fußballliebhaber eröffnen sich die Reize brillanter Spielordnung.

Der Spieler Iniesta, ein vollkommener Fußballer, sagt: „Eine Niederlage ist niemals ein Untergang. Ein Fiasko wäre es, wenn wir auf unseren Stil verzichten würden, wenn wir nicht mit unseren Waffen kämpfen, das Feld nicht leer vor Anstrengung verlassen würden . . . doch das wird nicht geschehen.“ Diese Worte erklären den Unterschied zwischen Spaniens in Jahrzehnten gewachsenem Fußball und herkömmlichen Taktiken. Die Trainer anderer Nationalteams haben eine „Philosophie“: Sie realisieren (wie Löw gegen Italien) eine auf den Gegner ausgerichtete Strategie. Die Spanier dagegen haben eine Haltung. Mit ihrer einzigartigen Balltechnik machen sie kompromisslos ihr Ding. Das ist Kunst.

Dass es im Fußball mit seinen Zerstörungstaktiken keine Erfolgsgarantie gibt, auch nicht für die Spanier, ist zum Glück eine Binsenweisheit. Auch gute Künstler haben schlechte Tage. Im Übrigen steht es jedem Team auch in Zukunft frei, die Furia Roja mit einer spannenden, spektakulären Leistung, mit totalem Fußball zu besiegen.

Das gilt auch für das deutsche Team. Folgte man der Propaganda von ARD und ZDF, war die Finalniederlage der spanischen Langweiler gegen Löws Jugend-forscht-Truppe programmiert. Welche Gnade, dass die Italiener dazwischenkamen.

Die Azzurri stehen nicht für Kunst. An die Hollywood-Grandezza von Typen wie Pirlo und Balotelli denkt man dennoch mit Freude zurück. Womöglich aber ist schon morgen der Tag, an dem alles zerrinnt.

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