Trotz fehlender Fan-Feste ist die EM-Stimmung im Kreis Ludwigsburg ansteckend – und wichtiger denn je. Während aufgrund der vielen Krisen der Egoismus erstarkt, zeigt die Europameisterschaft, dass das Wir viel schöner ist als das Ich.
Nahezu jeder Bewohner im Kreis Ludwigsburg hat in den vergangenen zwei Wochen wohl ähnliche Beobachtungen gemacht. Beispielsweise einen Kurierfahrer, der am Straßenrand das Spiel der Albaner auf dem Handy verfolgt und sich wie ein kleiner Junge über die 1:0-Führung freut. Oder Ludwigsburger Schülerinnen und Schüler, die an Spieltagen stolz ihre aktuellen Trikots oder die Retro-Shirts ihrer Eltern präsentieren.
Um die Sommermärchen-Stimmung komplett zu machen, feierten am Mittwoch Hunderte Fans nach dem Deutschland-Sieg gegen Ungarn friedlich auf der Ludwigsburger Wilhelmstraße. Bemerkenswert: Im Autokorso waren nicht nur deutsche Flaggen zu sehen, auch kroatische und albanische, teilweise hingen verschiedene Flaggen aus ein und demselben Auto.
EM als Gegenentwurf zu „Ich first“
Dabei war diese ausgelassene EM-Stimmung nicht unbedingt zu erwarten. Vor allem die Städte im Kreis glänzten bei der Vorbereitung auf das große Turnier im eigenen Land mit Zurückhaltung. Keine Leinwände, Fan- oder Straßenfeste – nichts. Hintergrund ist vor allem die schlechte finanzielle Lage vieler Städte, die wiederum auf Kriege, Inflation und teilweise auf die Belastung durch Geflüchtete zurückzuführen ist.
Und damit kommen wir zum – zugegeben – etwas pathetischen Teil dieses Textes. Denn angesichts der multiplen Krisen ist diese ausgelassene Stimmung, das Zusammenkommen und das Gemeinschaftsgefühl der EM wichtiger denn je.
Es ist doch klar, wenn der Wohlstand eines Einzelnen oder eines Landes in Gefahr ist, lautet die Antwort Egoismus. Wer befürchtet, seine Raten fürs Eigenheim nicht mehr zahlen zu können, streicht seine monatlichen Spenden für wohltätige Zwecke. Den gleichen Mechanismus finden wir in der Politik: Die wehrt sich gegen weitere Migration, die Ukrainehilfe hinkt, Klimamaßnahmen werden zusammengestrichen, das Lieferkettengesetz blockiert. Ich first, Deutschland first – die anderen können gucken, wo sie bleiben.
Egoismus als Reaktion auf multiple Krisen ist nachvollziehbar, aber gefährlich. Herausforderungen werden damit nämlich nicht gelöst, wenn überhaupt, lindert das nur die Symptome. Warum? Weil eine Gesellschaft nur als Gemeinschaft funktioniert und nicht als Summe ihrer 84 Millionen Ichs. Solidarität schwindet in Krisen gern, obwohl sie genau dann am wichtigsten wäre.
Die allgemeine Stimmung, die ausländischen Gäste, die feiernden deutschen Fans mit und ohne Migrationshintergrund kommen also im richtigen Moment. Genau jetzt zeigt die EM, dass das Wir viel schöner ist als das Ich.