Aitana Bonmatí jubelt nach ihrem Siegtreffer im EM-Halbfinale gegen Deutschland. Foto: Alessandra Tarantino/AP/dpa

Am Sonntag wollen die Weltmeisterinnen gegen England auch den EM-Titel holen. Die spanische Dominanz ist auch im Juniorinnenbereich zu sehen – aus guten Gründen.

Zu Beginn ein paar Fakten, zur Einordnung. Spanien stellt im Frauenfußball die U-17-Europameister der Jahre 2015, 2018 und 2024. Weltmeister wurde die U 17 anno 2018 und 2022. Die U 19 erspielte sich den EM-Titel 2017, 2018 und 2023. Die U 20 wiederum wurde 2022 Weltmeister. Die A-Nationalelf ist obendrein amtierender Weltmeister und steht nun erstmals im EM-Finale, in dem sie am Sonntag in Basel (18 Uhr/ZDF) die englischen Europameisterinnen fordert.

 

So weit zu den geballten zahlenmäßigen Belegen der spanischen Dominanz im Frauenfußball, die ihren Ursprung – und damit zu den Gründen der Vorherrschaft – mit den Entwicklungen beim FC Barcelona hat.

Drei Champions-League-Titel in den vergangenen fünf Jahren, das ist die Erfolgsbilanz der Barca-Frauen, die den Stamm des auch bei der EM in der Schweiz wieder stark aufspielenden Weltmeisterteams stellen. Die Erfolge entspringen der Strategie des Clubs, voll auf den Frauenfußball zu setzen – von der auch die spanischen Nationalteams in allen Altersklassen profitieren.

So leben seit mehreren Jahren wie selbstverständlich auch Mädchen und Jugendliche in der berühmten Jugendakademie La Masia. Im aktuellen spanischen EM-Kader stehen sieben Spielerinnen, die daraus entspringen. Zwei von ihnen, Aitana Bonmatí und Alexia Putellas, wurden in den vergangenen vier Jahren je zweimal Weltfußballerinnen.

In Spanien wird der gleiche Ansatz gelehrt

Die Barca-Philosophie ist so legendär wie bekannt: Tiki Taka, Kurzpassspiel, Spielkontrolle. Das sind die Ansätze, die die Frauen-Nationalteams übernommen haben. Seit mehreren Jahren also hat Spanien gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil dank zielgerichteter Talentförderung. Auch, weil nicht nur in Barcelona, sondern auch in der zentralen Nachwuchs-Ausbildungsstätte des Verbands bei Madrid sowie in vielen weiteren regionsspezifisch zentralisierten Förderzentren wie in Andalusien oder dem Baskenland der gleiche Ansatz gelehrt wird.

Beim FC Barcelona gibt es obendrein noch die Philosophie, dass es in der Jugend keine gemischten Teams aus Mädchen und Jungs gibt – die Mädchen spielen früh gegen Jungenmannschaften, um so ihr Durchsetzungsvermögen zu steigern. Zu beobachten ist diese Qualität auch bei dieser EM, wo viele Spanierinnen nicht nur mit Pässen glänzen. Sondern auch mit Zweikampfstärke.

Nach dem 0:1 der DFB-Elf gegen den Weltmeister im Halbfinale am Mittwochabend in Zürich widmete sich der Bundestrainer Christian Wück zunächst den Qualitäten des Gegners. „Es war für den neutralen Zuschauer ein Genuss, den Spanierinnen zuzuschauen“, sagte er auf dem Pressepodium.

Es braucht mehr Talente

Der Coach formulierte später, welche Lehren gezogen werden müssen. „Wir müssen uns im Ballbesitz und in der Technik verbessern, damit wir irgendwann ein Team haben, das solche Turniere gewinnen kann.“ Dafür benötige es aber auch mehr Talente als die Außenverteidigerinnen Carlotta Wamser (20) und Franziska Kett (21), denen Wück das Vertrauen schenkte. Wamser und Kett sind Offensivspielerinnen, die bei der EM in der Viererkette überzeugten. Beide bekamen vorher bei ihren Vereinen Eintracht Frankfurt und Bayern München kaum Einsatzzeit.

„Manchmal braucht es nur den Mut, solche Spielerinnen mal zu bringen“, sagte Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), nach dem Halbfinal-Aus bei der EM mit einem Seitenhieb an die Clubs. Der Verbandschef riet zudem allen Vereinen, „mehr Angebote für Mädchen und Frauen zu schaffen, um die Nachfrage in die nächsten Monaten zu bedienen“.

Dieser übergeordnete Blick ist nicht neu und kratzt recht nah an der Oberflächlichkeit. Auch Bundestrainer Wück kennt die Problematiken. Er hat eher den Profibereich im Blick und sieht da neben dem Verband auch die Vereine in der Pflicht, bei der Talentförderung mehr zu tun. Das klappe bei den Junioren besser als den Juniorinnen, wo es ja auch viel, viel mehr Nachwuchsleistungszentren bei den Clubs gebe: „Wir müssen uns verbessern, vor allem im weiblichen Jugendbereich, dass wir gut ausgebildete Talente in die Bundesliga kriegen.“ Erste Maßnahmen dazu sind auf den Weg gebracht. So etwa muss jeder Verein der Frauen-Bundesliga künftig ein Nachwuchsleistungszentrum auch für den weiblichen Bereich haben.

Woanders wird der Mindestlohn eingeführt

Die große Herausforderung ist es übergeordnet, Mädchen und Jugendliche dauerhaft für den Fußball zu begeistern – vor allem beim Übergang zum Profibereich, der teils schon im Alter von 15 oder 16 Jahren beginnt. Ursachen, dass dies aktuell in zu geringem Maße gelingt, sind unprofessionelle Strukturen (es gibt etwa im Gegensatz zum männlichen Nachwuchsbereich keine U-19-Bundesliga für Juniorinnen) sowie zu wenige qualifizierte Trainer. Auch die monetäre Sicherheit, als junge Profispielerin auf Sicht das Leben finanzieren zu können, gibt es in Deutschland oft nicht. Andere europäische Spitzenligen wie die spanische oder die englische dagegen haben Mindestlöhne eingeführt oder wollen es bald tun.

Wie sich die Problemfelder im weiblichen Nachwuchs auch auf die deutschen Jugend-Nationalteams auswirken können, wird nun besonders deutlich: In diesem Jahr steigen auch noch die U-17-und U-19-Europameisterschaften. Beide Juniorinnen-Nationalteams des DFB haben sich nicht qualifiziert.