Die eingewechselten Niclas Füllkrug und David Raum schaffen beim Heimturnier etwas, das mehr wert sein kann als ein Tor und ein Punkt. Das erinnert an die WM 2006.
Das gute Gefühl hat sich gleich eingestellt. Wenn man so will, hat es David Raum sofort im großen linken Zeh gespürt. Der Linksverteidiger hatte noch einen Zwischenschritt eingelegt, um den Ball am Schweizer Gegner vorbeizukommen. Dann hat er die Kugel perfekt mit dem linken Fuß getroffen. Scharf und hoch kam sie in den Strafraum geflogen, mit dem nötigen Drall versehen – und am Fünfmeterraum ahnte Niclas Füllkrug, dass es gleich so weit sein müsste. Er sprang hoch, schien in der Luft zu stehen und beugte den Oberkörper nach hinten. Aber der Kopfballspezialist ließ diesen nicht nach vorne schnellen. „Ich musste Tempo aus dem Ball nehmen“, sagt Füllkrug – und das Spielgerät senkte sich gefühlvoll zum 1:1-Endstand ins Tor.
Danach spielten die Emotionen verrückt. Auf dem Rasen, auf den Stadionrängen in Frankfurt und überall, wo das Gruppenfinale der deutschen Nationalmannschaft verfolgt wurde. „Wir haben das Stadion geweckt“, sagt Julian Nagelsmann – und der Ausgleich in der Nachspielzeit könnte sich als Erweckungserlebnis für ganz Fußballdeutschland entpuppen. Euphorie statt Ernüchterung.
Die EM-Vision erhält Kraft und Kontur
Bisher war der Titelgewinn bei der Heim-EM ja vor allem eine Vision des Bundestrainers, die er in den vergangenen Monaten den Mitarbeitern und Kadermitgliedern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit all seiner Energie und Empathie vor Augen geführt hat. Jetzt sehen auch die Spieler immer deutlicher die Möglichkeit, dass sie Großartiges erreichen können. Mit dem Last-Minute-Treffer hat die anfangs vage Vorstellung weitere Kraft und Kontur erhalten. „Das kann schon ein Knackpunkt-Moment für die Mannschaft sein“, sagt Füllkrug, weil er Restzweifel am eigenen Vermögen beseitigt.
Ähnlich wie vor 18 Jahren, als es bei der legendären WM 2006 im eigenen Land den sogenannten Odonkor-Neuville-Moment gab. Ein gewisser David Odonkor raste damals den rechten Flügel entlang, brachte den Ball nach innen – und ein gewisser Oliver Neuville drückte diesen zum 1:0-Sieg gegen Polen über die Linie. Der Rest war ein Glücksrausch auf dem Feld und in sämtlichen Ortschaften. Das Land war vereint in seiner hemmungslosen Freude, obwohl die DFB-Geschichte zuvor weitaus bedeutendere Siege ausgewiesen hatte als diesen Erfolg im zweiten Gruppenspiel des Heimturniers.
Diesmal war es das dritte Gruppenspiel, und es ging tabellarisch allein um den Gruppensieg, da die Achtelfinalteilnahme bereits feststand. Doch der Füllkrug-Treffer kann mehr wert sein als diesen einen Punkt, der nötig war, um oben zu bleiben. „In den Kopf ist mir der Vergleich mit der WM 2006 nicht gekommen“, sagt Nagelsmann, „und ein 4:0 ist entspannter, aber emotionalisierender ist so etwas. So ein Explosionsmoment war nicht verkehrt zum Ende des Spiels.“
Zumal der magische Moment garantiert, dass die Partykultur, die beim Original-Sommermärchen entstanden ist, nun in der neuen Generation wieder auflebt. Denn so wie die Mannschaft mit dem Willen angetreten ist, es bis in das Finale nach Berlin zu schaffen, sind die Fans nach anfänglicher Skepsis mit der Leidenschaft in das Turnier gegangen, vier Wochen lang eine schöne Zeit zu erleben. Notfalls kann man dabei nur um des Feierns willen feiern, aber mit Erfolgen der eigenen Elf ist es natürlich besser.
Eine Blaupause für die deutschen Gegner
Die Begegnung mit den starken Schweizern hat nun aber gezeigt, dass die vorherigen Gegner Schottland (5:1) und Ungarn (2:0) nur starkgeredet wurden. Auf ihre Weise waren sie schwach. Dagegen hat der eidgenössische Nationalcoach Murat Yakin eine Blaupause dafür geliefert, wie der schwarz-rot-goldene Spielfluss zu stoppen ist und wie die DFB-Defensivreihen nicht nur bei der Führung durch Dan Ndoye (28.) zu stressen sind: mit aggressiver und aktiver Defensivarbeit und mit schnellem und mutigem Umschaltspiel. Zeitweise wirkte es so, als wüssten die Schweizer immer schon, wie der nächste deutsche Angriffsversuch ausgehend von Toni Kroos laufen würde. Die Räume wurden dann konsequent geschlossen und die Passwege strikt versperrt.
Keinen Überraschungseffekt und kein Durchkommen gab es – bis Nagelsmann die Stunde der Spezialkräfte ausrief. Neue Einwechselspieler brauchte das Land an diesem Abend, und es kamen die EM-Debütanten David Raum, Maximilian Beier und Nico Schlotterbeck sowie die bewährten Niclas Füllkrug und Leroy Sané in die Partie.
Offenbar war es Zeit für den Notfallplan, den sich der Bundestrainer im Vorfeld mit seinem Stab erdacht hatte, wenn die DFB-Elf einmal in Rückstand geraten sollte. Schließlich hat er sein Vorhaben ohne Worte aktiviert. „Wir haben so gewechselt, dass sich der Notfallplan von selbst erklärt hat. Wir haben sehr viel riskiert, natürlich kannst du da ein zweites Gegentor bekommen. Aber es war eine sehr gute Probe für die K.-o.-Spiele und ein gutes Zeichen, dass wir zurückkommen können“, sagt Nagelsmann.
Der Glaube an die eigene Stärke ist demnach noch einen Tick ausgeprägter, weil die Nationalmannschaft Widerstände überwinden musste, wie sie noch kommen werden. Egal, ob es als Nächstes gegen England, Dänemark, Slowenien oder Serbien geht. „Wir wissen jetzt, dass wir auch in schwierigen Phasen bis zum Ende noch zuschlagen können“, sagt Füllkrug, der in die Rolle eines Superjokers geschlüpft ist. Vier Tore hat er nun nach Einwechslungen bei Welt- und Europameisterschaften erzielt. So gut war noch kein anderer DFB-Spieler. Und so gefühlvoll mit dem Kopf wohl auch nicht.