Die ganze Stadt ein Stadion – so lautet das Stuttgarter Motto zur EM 2024. Aber: Welche Orte machen den Fußball in Stuttgart wirklich aus? Wir stellen besondere vor. Folge 8: Die Wiege des Stuttgarter Frauenfußballs.
Die Ankündigung würde heute wohl anders ausfallen. Aber 1970 war eine andere Zeit. Also bewarb der TV Kemnat das erste Spiel seiner Damenmannschaft mit einem großen Plakat folgendermaßen: „22 heiße Höschen auf dem Sportplatz in Kemnat.“
Eines dieser heißen Höschen ist inzwischen 74 Jahre alt und kann mit dem Abstand von 54 Jahren über die frivole Bekanntmachung von damals zumindest schmunzeln. „Es herrschte eben eine andere Kultur, gerade auf dem Sportplatz. Wir Frauen waren eigentlich nur dafür vorgesehen, bei den Festen Kuchen zu backen“, erinnert sich Marianne Wachter. Doch dann zogen sie auf einmal Fußballschuhe an und schlüpften in Trikots. Sie wollten es der dominierenden Männerwelt anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Fußballabteilung nachtun. Und bestritten ihr erstes offizielles Fußballspiel als Frauenteam im Bezirk Stuttgart: TV Kemnat gegen TSV Grötzingen. Mit Schiedsrichtern, Offiziellen vom Verband und allem drum und dran.
Wachter und ihre Kameradinnen vom TV Kemnat waren Pionierinnen. Pionierinnen des Frauenfußballs in Bezirk Stuttgart. Echte Vorreiterinnen. Denn zu jener Zeit war es gerade einmal 15 Jahre her, dass der Deutsche Fußball Bund (DFB) ein offizielles Verbot erlassen hatte. „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand,“ hieß es im DFB-Beschluss von 1955. Grätschende Frauen und wackelnde Zöpfe waren den Verbandsherren ein Gräuel.
„Kicken habe ich nie können“
Doch das Verbot beeindruckte nicht alle – sie spielten trotzdem. Wenn auch nicht im Verbandswesen. Von Ende der 50er Jahre sind Berichte von einem Spiel zwischen dem TSV Uhlbach und der SG Untertürkheim vor 500 Zuschauern (!) auf dem Sportplatz Bruckwiesen überliefert, „bestehend aus Frauen und Bräuten der Aktiven“.
So ähnlich verhielt es sich auch, als der DFB am 31. Oktober 1970 sein Verbot aufhob und ein offizieller Spielbetrieb an den Start gehen konnte. „Die meisten von uns waren die Frauen von den aktiven Herren“, erinnert sich Wachter an die Anfangszeit in Kemnat zurück. Tatsächlich hatten nur zwei oder drei Ahnung von dem Sport. „Die anderen sind halt hinterher gerannt.“ Die Abwehrspielerin ist ehrlich: „Kicken habe ich nie können.“
1970/71 startete schließlich die vom württembergischen Verband (wfv) organisierte erste Spielrunde mit Spielerpässen, Staffeleinteilung und offiziellen Schiedsrichtern. Kemnat trat in einer Art Landesliga an, mehr als sieben Teams kamen aus dem Großraum Stuttgart nicht zusammen. Hervor tat sich besonders der Rems-Murr-Kreis mit Mannschaften aus Weiler zum Stein und Schorndorf. Dazu die Spvgg Giebel und wenig später Eintracht Stuttgart. Leider finden sich in den Archiven des wfv keine Ergebnisse und Tabellen.
Gespielt wurde im Elf gegen Elf, aber nur zweimal 30 Minuten. Mehr wollte man den Damen nicht zumuten. Wachter erinnert sich an eine Mischung aus Neugier und Abscheu, mit der die Männerwelt auf das Treiben der kickenden Kemnaterinnen blickte. Einerseits waren die Spiele gut besucht. Andererseits wurden den Fußballerinnen vom Verein immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. „Es gab nicht wenige, die meinten, wir sollten doch besser Kaffeekränzchen machen“, erzählt Wachter. Passend dazu sonderte Moderator Wim Toelke bei Frauenspielen im Fernsehen Sprüche ab wie „Mann decken, nicht Tisch decken!“
Was für Wachter und ihre Kameradinnen aus Jux und Tollerei begann, entwickelte sich zur Emanzipationsbewegung. Die Frauen wurden selbstbewusster, auf und neben dem Platz. Und der TV Kemnat wurde in den 70er Jahren zur großen Nummer im Bezirk Stuttgart. 1980 schaffte man es gemeinsam mit Eintracht Stuttgart bis in die Verbandsliga. Die Besten ihrer Zeit, die aber irgendwann ihr Ende fand. Mitte der 80er Jahre wanderte der Kemnater Trainer nach Ruit ab und nahm seine besten Spielerinnen mit. 1989 löste sich die Frauenmannschaft schließlich auf. Heute unterhält der Stadtteilverein aus Ostfildern keine Frauensparte mehr. Bestrebungen, die alte Tradition neu aufleben zu lassen, bestehen keine. Der Verein habe großen Zulauf im Nachwuchs, aber mit Platz- und Kapazitätsproblemen zu kämpfen, berichtet Vorstand Elisabeth Schempp.
Überhaupt sind aktuell nur 20 aktive Frauenmannschaften im Bezirk Stuttgart gemeldet. Bei den Männern sind es 128. Ein immer noch erstaunliches Ungleichgewicht, wenn man bedenkt, welche großen Schritte der Frauenfußball auf nationaler und internationaler Ebene in den vergangenen Jahren genommen hat.
Die heute 75-jährige Marianne Wachter blickt gerne auf die Anfangszeit zurück. „Es war prägend, sich gegen so viele Widerstände durchzusetzen.“ Die Fußball-Pionierin, die später lange für den wfv tätig war, bedauert, dass kaum mehr Erinnerungsstücke der damaligen Zeit vorhanden sind. Als verschollen gilt auch das Plakat mit den 22 heißen Höschen – das den Platz in Kemnat zu einer Wiege des Stuttgarter Frauenfußballs und damit zu einem besonderen Stuttgarter Fußballort gemacht hat.
Ihre speziellen Fußball-Orte
Unsere Reihe
Wir stellen in einer kleinen Reihe ohne Anspruch auf Vollständigkeit spezielle Fußball-Orte in Stuttgart vor. Den Auftakt machte der Bolzplatz an der Fleiner Straße, auf dem einst Hansi Müller das Kicken lernte. Es folgten der B-Block im Gazi-Stadion, die Gaststätte des PSV Stuttgart und die Cannstatter Kurve. Weitere Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Tagen.
Ihre Erfahrungen
Uns interessieren aber natürlich auch Ihre und eure Erfahrungen. Was sind Ihre und eure speziellen Fußball-Orte in Stuttgart – und warum? Schreiben Sie uns gerne unter topsport@stzn.de.