Die Ukrainer bei der Nationalhymne – eingehüllt in die Landesflagge Foto: dpa/Peter Kneffel

Die Ukraine unterliegt zum EM-Auftakt überraschend Rumänien mit 0:3 – und erinnert rund um das Spiel in München an den Krieg in der Heimat.

Angefangen hatte der Fußballtag in München lange vor Anpfiff, ein gutes Stück entfernt von der Fußballarena und mit einem Fokus weit über den Sport hinaus. Der ukrainische Verbandspräsident Andrij Schewtschenko war auf den Wittelsbacherplatz im Zentrum der Stadt gekommen, mitgebracht hatte der frühere Stürmerstar Sitzschalen eines Stadions aus der Heimat in Charkiw – oder genauer: was davon noch übrig ist, nachdem sie von russischen Bomben zerstört worden waren.

 

Die Tribünen-Überreste sollen die Ukraine als wandernde Ausstellung an die EM-Spielorte begleiten und an das Leid in der Heimat durch den Angriffskrieg Russlands erinnern. „Auch wenn Fußballplätze oder Tribünen den russischen Granaten nicht standhalten können“, so Schewtschenko in München, „werden wir nie aufhören, für unser Land zu kämpfen.“ Ukrainische Fans säumten den Platz, in Trikots und mit Fahnen, ehe sie weiter gen Norden ins Stadion zogen.

Dort wurde es dann emotional. Unübersehbar waren die feuchten Augen der ukrainischen Profis während des Abspielens der Nationalhymne, die sie umhüllt von Nationalfahnen sangen. Kurz nach Anpfiff solidarisierten sich dann auch die numerisch überlegenen 40 000 rumänischen Fans mit dem angegriffenen Nachbarland – durch laut hörbare Ukraine-Gesänge, die durch das Rund hallten.

Der Wunsch von Verbandschef Schewtschenko eines sportlichen Erfolgs als Hoffnungszeichen an die Heimat blieb dann aber unerfüllt. Überraschend deutlich mit 0:3 (0:1) verloren die Ukrainer gegen Rumänien im ersten Pflichtspiel-Duell der beiden Nationen. „Wenn dich deine Frau um fünf Uhr morgens anruft, weil sie sich mit deinen Kindern wieder im Bunker verschanzt hat, dann ist das psychologisch extrem schwer zu verarbeiten“, berichtete Mittelfeldspieler Heorhij Sudakow, seit 2020 Profi bei Schachtar Donezk, von der extremen Belastung für die Spieler.

Trotz der schwierigen Umstände kam die Niederlage unerwartet, weil die Favoritenrollen im Vorfeld eigentlich umgekehrt verteilt gewesen waren – und weil die Ukraine drückend überlegen gestartet war, ohne aber den rumänischen Abwehrriegel knacken zu können. Dann leistete die Mannschaft von Nationaltrainer Serhij Rebrow auch noch mächtig Schützenhilfe bei den ersten beiden Gegentoren, jeweils sah Torhüter Andrij Lunin nicht gut aus. Vor dem 0:1 durch Nicolae Stanciu (29.) hatte er sich einen Fehlpass geleistet, das 0:2 durch Razvan Marin (53.) aus der Distanz fiel nicht in die Kategorie unhaltbar.

Erwartungsdruck keine Entschuldigung

Nach dem dritten rumänischen Treffer von Denis Dragus (57.) war die Partie gelaufen – und die Ukrainer vollends verunsichert. Pässe gingen ins Aus, Ballannahmen misslangen, die Köpfe hingen tief am Boden. Selbst nach Abpfiff noch saß Offensivspieler Mychajlo Mudryk minutenlang auf dem Boden und ließ sich erst im dritten Versuch aufhelfen. Den hohen Erwartungsdruck wollte Rebrow nicht als Entschuldigung gelten lassen: „Wir haben seit mehr als zwei Jahren mit diesem mentalen Druck zu tun, trotzdem sind wir hier, wir haben verstanden, damit umzugehen. Jetzt müssen wir Fehler analysieren.“

Die Rumänen dagegen feierten einen verdienten Sieg mit ihren euphorisierten Fans, die sie über 90 Minuten nach vorne getrieben hatten. Weiter geht es für das Team von Nationaltrainer Eduard Iordanescu nach dem Traumstart am Samstag gegen den Gruppenfavoriten aus Belgien, während die Ukraine bereits am Freitag (15 Uhr) auf die Slowakei trifft – in Düsseldorf, wo dann auch wieder die zerstörte Tribüne aus Charkiw an den Krieg erinnern soll. Die EM-Reise der Ukraine wird auch nach der Auftakt-Enttäuschung weitergehen. Auf und neben dem Platz.