Die EM-Karriere von Cristiano Ronaldo schien beendet – wozu der Superstar Portugals selbst beigetragen hatte. Aber dann wurde CR7 doch noch gerettet. Von seinem Torhüter.
Am Ende dieses ereignisreichen, ja fast dramatischen Fußballabends in der Frankfurter Arena unterlief Diogo Costa dann doch noch ein Patzer. Er hatte mit tränenerstickter Stimme ein TV-Interview gegeben. Er hatte selig lächelnd weitere Fragen weiterer Journalisten beantwortet. Alles so fehlerfrei, wie er zuvor im Achtelfinale der EM 2024 gegen Slowenien agiert hatte. Als er zum Helden geworden war. Doch dann marschierte Diogo Costa, Portugals Torhüter, doch glatt ohne die Trophäe des Abends aus dem Medienraum.
Der 24-Jährige war, logischerweise, zum Spieler der Partie ernennt worden. Mit Pokal war er also zur Pressekonferenz erschienen, ohne ihn wollte er wieder gehen – ehe ihn ein Geistesblitz traf. Lachend kehrte er also zurück und rettete auch noch diese Trophäe. Zuvor jedoch hatte er etwas viel Größeres gerettet. Einen viel Größeren. Diogo Costa war an diesem Abend von Frankfurt: Ronaldos Retter.
Das eher tragische Ende einer glanzvollen EM-Karriere war schließlich nahe gewesen Sehr nahe sogar. Davon betroffen: nicht nur Cristiano Ronaldo – sondern auch dessen Mitspieler Pepe. Das AH-Duo, der eine 39, der andere 41, beeindruckte bei dieser Europameisterschaft ja bisher noch einmal alle Experten. Zwar haben sie ihren sportlichen Zenit unübersehbar überschritten. Ihr Team führten sie dennoch an, mit fußballerischen Highlights und in der Rolle als Leader. Doch nun führten sie das portugiesische Nationalteam beinahe ins Verderben.
Trotz drückender Überlegenheit war den Portugiesen gegen aufopferungsvoll verteidigende Slowenen in 90 Minuten kein Treffer gelungen. Doch dann schritt in der Verlängerung Cristiano Ronaldo zum Foulelfmeter. Aber: Der Superstar scheiterte an Sloweniens Jan Oblak – und weinte schon direkt danach bittere Tränen. Als wenig später ein kapitaler Schnitzer von Pepe dem Leipziger Benjamin Sesko eine Mega-Möglichkeit auf die slowenische Führung bot, schien das Sensations-Aus besiegelt. Doch dann begann eben die große Zeit des Diogo Costa.
Erst Beobachtung, dann Instinkt
Seine Rettungstat mit der linken Fußspitze gegen den heranstürmenden Sesko erklärte er später noch mit glänzendem Torwartspiel: „Ich habe versucht, seine Körpersprache zu lesen.“ Damit sicherte er seinem Team das Elfmeterschießen – in dem er sich voll und ganz „auf meinen Instinkt“ verlassen hat. Daraus wurde: „Das beste Spiel in meinem Leben.“ Und doch noch ein versöhnlicher Abend für Cristiano Ronaldo.
Der nämlich erklärte am Montag in Frankfurt auch, dass diese EM definitiv seine letzte als aktiver Spieler sei. Diese Ära hätte also abrupt enden können – und das auch noch mit eigenem Zutun des Großmeisters, dessen Verehrung vieler auch bei diesem Turnier kaum Grenzen kennt. Doch nun geht diese Reise noch mindestens bis Freitagabend weiter, um 21 Uhr treffen die Portugiesen im Viertelfinale auf Frankreich – was auch Costa die Möglichkeit bietet, noch einmal gemeinsam mit seinem prominenten Kollegen auf dem Platz zu stehen. „Es ist eine Ehre, mit ihm in einer Mannschaft zu spielen“, sagte er am Montagabend. An dem er selbst aber in den Mittelpunkt gerückt war.
Nun ist der 24-Jährige zwar trotz seines noch jungen Alters durchaus schon ein hochdekorierter Torhüter. Der 1999 in der Schweiz geborene Keeper gewann mit Portugal die U-17- und die U-19-EM, er wurde Youth-League-Sieger, zweimal portugiesischer Meister und viermal Pokalsieger mit dem FC Porto. Auch Torhüter der Saison war er in Portugals erster Liga schon zweimal und sein Marktwert wird auf 40 Millionen Euro taxiert. Aber im Ensemble der Stars wie Ronaldo, Bruno Fernandes (Manchester United), Bernardo Silva, Ruben Diaz (beide Manchester City), Vitinha (Paris Saint-Germain), Joao Palhinha (FC Fulham), Diogo Jota (FC Liverpool) oder Rafael Leao (AC Milan) gehörte Diogo Costa bisher selten das Rampenlicht. Doch das hat er nun selbst geändert.
Ein Fall für die Geschichtsbücher
Noch nie zuvor in der EM-Historie hat ein Torhüter drei Elfmeter in einem Entscheidungsschießen pariert. Costa hielt erst gegen Josip Ilicic, dann gegen Jure Balkovec, danach gegen Benjamin Verbic. Und weil auf der Gegenseite nach Cristiano Ronaldo und Bruno Fernandes auch Bernardo Silva traf, war das Elfmeterschießen nach je drei Schützen beendet. Und Diogo Costa der Held des Abends.
Ob er es noch einmal wird? Das Duell mit Frankreich ist die Neuauflage des EM-Endspiels von 2016. Das steuerte auch aufs Elfmeterschießen zu. Dann jedoch traf Portugal in der 109. Minute. Cristiano Ronaldo war da längst mit einer Knieverletzung ausgewechselt gewesen – aber es nahm wie nun ein gutes Ende. Dank Eder, Diogo Costas Vorgänger. Als Ronaldo-Retter.