2008 spielte Kevin Kuranyi mit dem deutschen Team das EM-Finale gegen Spanien. Im Interview erinnert er sich an die 0:1-Niederlage – und ist zuversichtlich, dass es das aktuelle Team am Freitagabend besser macht.
Für viele Experten ist das EM-Viertelfinale der deutschen Mannschaft an diesem Freitagabend (18 Uhr/ARD) in Stuttgart gegen Spanien das vorweggenommene Finale. Auch für Kevin Kuranyi. Der ehemalige Stürmer spielte 2008 gegen die Spanier ein tatsächliches EM-Endspiel. Vor dem neuerlichen Duell erinnert er sich daran – und ist zuversichtlich für die aktuelle Auflage des europäischen Klassikers.
Herr Kuranyi, Sie haben guten Kontakt zu sehr vielen ehemaligen Fußballstars aus aller Welt. Sind auch welche aus dem spanischen EM-Team von 2008 dabei?
Hmm, lassen Sie mich überlegen. Tatsächlich eher wenige. Iker Casillas habe ich zuletzt ab und an auf verschiedenen Events getroffen.
Haben Sie den früheren Torhüter auf das EM-Finale 2008 angesprochen, in dem Sie beide sich gegenüberstanden?
Nein, natürlich nicht. Aktiv thematisiere ich nur Spiele, die ich auch gewonnen habe (lacht). Im Ernst: Das war tatsächlich kein Thema.
Wie sind Ihre Erinnerungen an dieses Endspiel von Wien?
Wir hatten bis dahin eine wirklich sehr gute EM gespielt. Aber die Spanier hatten zum damaligen Zeitpunkt die wahrscheinlich beste Mannschaft der Welt. Sie waren so ballsicher, so spielstark, so technisch versiert.
Dabei begann die Ära dieser Mannschaft 2008 erst. Nach dem 1:0-Finalsieg folgte der WM-Titel 2010 und erneut der EM-Titel 2012.
Und das war damals schon abzusehen, dass sie eine ganze Ära prägen und dominieren werden. Im Sommer 2008 begann ja in Barcelona ja auch die Zeit des Trainers Pep Guardiola. Wie Barça spielte auch die spanische Nationalmannschaft einen neuen, modernen Fußball. Und zwar mit Topspielern wie Carles Puyol, Sergio Ramos, Andres Iniesta, Xavi, Fernando Torres, Xabi Alonso oder auch Cesc Fabregas.
Das Tor von Fernando Torres fiel in der 32. Minute, Sie wurden nach gut einer Stunde eingewechselt. Auch Mario Gomez kam in die Partie.
Wir hatten wirklich gute Stürmer im Kader. Miroslav Klose und Lukas Podolski hatten von Beginn an gespielt. Aber die Spanier haben es uns mit ihrer Ballsicherheit unglaublich schwer gemacht, überhaupt Chancen herauszuspielen. So wurde es nichts mit einem Treffer. Schade – ich wäre selbstverständlich gerne Europameister geworden.
Warum Deutschland nicht chancenlos ist
Das will das aktuelle deutsche Team auch – doch schon im Viertelfinale geht es gegen Spanien.
Auch das ist schade, denn dieses Duell hätte es verdient, das Endspiel zu sein. Beide Teams haben bislang überzeugt.
Die Spanier noch einen Tick mehr – weshalb sich die Frage stellt: Hat Deutschland überhaupt eine Chance?
Auf jeden Fall haben wir die.
Warum?
Weil wir in Manuel Neuer den nach wie vor besten Torhüter der Welt im Kasten haben. Weil wir eine starke Innenverteidigung haben, in der Toni Rüdiger beinahe sein Leben gibt, um gegnerische Tore zu verhindern. Toni Kroos ist ein herausragender Taktgeber, Jamal Musiala und Florian Wirtz sind zudem unglaublich talentiert. Und die Trainerqualität ist dank Julian Nagelsmann auch hoch.
Was aber irgendwie fehlt, ist ein Stürmer – zumindest bislang in der Startformation.
Kai Havertz sehe ich tatsächlich auch eher als offensiven Mittelfeldspieler, in der Stürmerrolle besticht er zwar durch gute Läufe in die Tiefe und seine herausragende Technik. Auch hält er den Ball gut. Was mir bei ihm fehlt, ist die Torgefahr. Aber dafür haben wir in Niclas Füllkrug ja einen Joker, der die Qualitäten eines Mittelstürmers mitbringt. Auch von Maximilian Beier halte ich viel.
Sind die Spanier vergleichbar mit dem Team von 2008?
Ja und nein. Auch die aktuelle Mannschaft ist sehr ball- und passsicher. Und natürlich haben sie extrem talentierte Jungs dabei, allein Lamine Yamal wird in den nächsten Jahren Rekord um Rekord brechen. Das spanische Spiel ist aber auch zielstrebiger geworden, sie suchen schneller den Torabschluss, schlagen Flanken und haben auch schon Kopfballtreffer erzielt.
Auf was wird es also ankommen für das deutsche Team?
Auf eine gute Balance zwischen offensivem Mut und defensiver Stabilität.
Wenn das gelingt . . .
. . . gewinnt die deutsche Mannschaft 1:0.
Am Freitag als Zuschauer im Stadion
Sollten Sie nicht recht haben – war diese EM dann eine Enttäuschung?
Nein. Schauen Sie doch mal auf die vergangenen Jahre, wie sehr die Nationalmannschaft da mit sich zu kämpfen hatte. Im Vergleich dazu hat sie sich bei der Heim-EM gut präsentiert – daran würde ein Viertelfinal-Aus gegen diese unglaublich starke spanische Mannschaft nichts ändern.
Werden Sie die Partie an diesem Freitag im Stadion verfolgen?
Ja, und ich freue mich auf ein absolut besonderes Spiel. Dass es auch noch in Stuttgart stattfindet, ist eine Riesensache.