Premiere bei der EM: Willy Sagnol und das Nationalteam Georgiens. Foto: dpa/Fabian Strauch

Erstmals ist ein Team aus Georgien bei einer Fußball-Europameisterschaft dabei. Der Weg dorthin war durchaus ungewöhnlich – und hoch emotional.

Der zweite Bildungsweg ist kein unüblicher im Sport. Es gibt Relegationen, Play-offs, auch mal Lucky-Loser-Lösungen, um das eigentlich Unerreichte doch noch schaffen zu können. Nur: Was ist dann eigentlich das, was die Mannschaft von Georgien zu dieser Fußball-Europameisterschaft geführt hat? Vermutlich so etwas wie der dritte Bildungsweg. Und als dieser Ende März tatsächlich beschritten worden war, erklärte Irakli Kobachidse: „Diese Jungs sind Helden.“ Der Regierungschef des Landes meinte die Nationalspieler Georgiens. Und einen Franzosen.

 

Willy Sagnol ist in Deutschland durchaus bekannt, schließlich spielte er einst für den FC Bayern, mit Frankreich wurde er 2006 in Berlin Vizeweltmeister. Seit 2021 trainiert er die Georgier, seit März 2024 ist er, wie gesagt, ein Volksheld. Weil er es geschafft hat, das georgische Nationalteam erstmals in dessen Geschichte zu einem großen Turnier zu führen. Dabei sah es danach erst einmal gar nicht aus.

Die Bilanz Georgiens in der Qualifikationsgruppe A liest sich jedenfalls mehr als bescheiden. Es gab lediglich zwei Siege – gegen Zypern. Was am Ende Rang vier bedeutete – der nicht vorsieht, dafür mit einer EM-Teilnahme belohnt zu werden. Aber die Regularien des Europäischen Fußballverbandes Uefa sind ja unergründlich.

Über die Nations League bestand ebenfalls noch die Möglichkeit, sich für Entscheidungsspiele zu qualifizieren. C4 hieß Georgiens Nationenliga, die sie gewannen. Es folgte: Das Halbfinale gegen Luxemburg – in dem ein Mann vom Karlsruher SC schon mal spüren durfte, dass es zum Heldenstatus nicht mehr weit ist.

Nur ein Georgier spielt in Deutschland – beim KSC

Sein Name? Budu Zivzivadse – der als einziger aus dem jetzigen EM-Kader in Deutschland aktiv ist. Seit Januar 2023 kickt er für den KSC in der zweiten Liga, erzielte in der abgelaufenen Saison zwölf Treffer, war aber auch oft lediglich Joker. Für sein Nationalteam traf er beim 2:0 gegen Luxemburg zweimal – weshalb möglich wurde, was sich dann einige Tage später im Stadion Boris Paichadze in Tiflis abspielte.

Gegen Griechenland stand es 0:0 nach 90 Minuten, torlos blieb auch die Verlängerung – ehe sich die Georgier im Elfmeterschießen durchsetzten. Und ein ganzes Land in Ekstase versetzten. „Unglaublich“ findet das Budu Zivzivadse und ergänzte kürzlich gegenüber den „Badischen Neuesten Nachrichten“: „Das war ein großer Moment für uns alle, einfach verrückt.“ Noch heute, sagt er, bekomme er Gänsehaut beim Gedanken daran.

Seine Fans in Karlsruhe, die „Buduisten“, dürfen ihrem Helden nun nicht nur gegen Elversberg, Paderborn oder Düsseldorf die Daumen drücken – sondern auch gegen Fußballikonen wie Cristiano Ronaldo. Portugal ist einer der Gruppengegner, Tschechien ein anderer. Zum Auftakt an diesem Dienstag (18 Uhr) steigt das hoch emotionale Duell mit der Türkei, die in Dortmund eine Art Heimspiel erwartet.

Solch ein Aufeinandertreffen mit dem geografischen Nachbarn ist aber längst nicht die einzige Dimension, die dieses EM-Teilnahme für Georgien bedeutet. Ihr wird auch politisch einiges zugerechnet, soll die Nationalmannschaft doch helfen, ein vermeintlich auseinandertriftendes Land zu einen. Es gibt Tendenzen, die weg von Europa und hin zu Russland deuten. Es gibt aber auch die wahrscheinliche Mehrheit, die sich ihr Land in der Europäischen Gemeinschaft wünschen.

Zwei Ex-Freiburger an der Verbandsspitze

Politisch aktiv ist auch Lewan Kobiaschwili. Der frühere Profi in der Bundesliga, unter anderem beim SC Freiburg, ist aber auch Präsident des Fußballverbands und versucht, in den Tagen der EM die politische Dimension herunterzuspielen. Er hat einst auch Sagnol nach Tiflis gelockt, sein Vizepräsident Alexander Iaschwili (auch ein Ex-Freiburger) hat die sportlichen Strukturen angepasst. „All unsere Anstrengungen, all die harte Arbeit, die wir in den vergangenen drei Jahren geleistet haben, haben wir heute zurückbekommen, und das ist ein unglaubliches Gefühl“, sagte Sagnol nach der Qualifikation. „Wir haben null Druck, können befreit aufspielen“, erklärt nun Budu Zivzivadse. Experten sehen das Team qualitativ zwar eher am Ende des 24er-Feldes. Aber: Eine Mannschaft der Namenlosen ist Georgien nicht. Das liegt schon allein an Chwitscha Kvarazchelia.

Der heute 23-Jährige spielt seit Sommer 2022 für den SSC Neapel. Wurde Stammspieler, Torschütze und am Ende der Spielzeit italienischer Meister. Zudem erinnert er die Tifosi an ihren Helden der Vergangenheit. In Anlehnung an Diego Maradona nennen sie Kvarazchelia längst „Kvaradona“. Ein Tor gegen Atalanta Bergamo, vor dem er mehrere Gegner düpierte, tat da einst sein Übriges. „Das war ein Tor würdig eines Maradona“, lobte ihn danach sein Trainer Luciano Spalletti, „einfach Weltklasse.“ Ob er, dessen Marktwert bei 80 Millionen Euro angesiedelt ist, das bei der EM wiederholen kann?

Das wird sich ab diesem Dienstag zeigen. In einer recht offenen Gruppe F scheint nichts unmöglich. Und sollte es Georgien nicht schaffen, als Gruppenerster oder -zweiter ins Achtelfinale einzuziehen, gibt es da ja noch als Dritter eine Chance. Und mit alternativen Wegen kennen sie sich ja bestens aus.