Die italienischen Fußballfans bibbern beim Public Viewing in Fellbach. Murat Yakin, der Schweizer Nationaltrainer, genießt derweil in Winterbach einen freien Abend. Wir waren dabei.
Dass Axel Schmieg das Schweizer Trikot mit allen Unterschriften der Nationalspieler am Sonntag tragen wird, wenn die Eidgenossen im letzten Gruppenspiel der Fußball-EM auf die deutsche Mannschaft treffen, ist eher unwahrscheinlich. Über das Geschenk von Murat Yakin, dem Trainer der „Nati“, hat sich der Wirt vom Rems-Besen in Winterbach dennoch gefreut. Während in Gelsenkirchen Spanien und Italien gegeneinander spielten und in Fellbach die Fans der Azzurris mit ihrem Team bibberten, genoss die Schweizer Delegation, die sich im Waldhotel in Degerloch einquartiert hat, einen freien Abend.
Murat Yakin freut sich über Maultaschen
„Ich esse Maultaschen, die habe ich schon lange nicht mehr gehabt“, sagte Murat Yakin. Nach dem 1:1 der Schweizer am Mittwochabend gegen die Schotten verbrachten die Fußballer den Donnerstag mit ihren Familien. Cheftrainer Murat Yakin nutzte die Gelegenheit für einen Besuch bei guten Freunden aus der Zeit, als der heute 49-Jährige beim VfB Stuttgart gespielt hat. Damals, in der Saison 1997/98, waren Biggi und Axel Schmieg Pächter des Club-Restaurants gewesen und hatten sich des jungen Schweizers angenommen.
Auch wenn Stuttgart nur eine kurze Episode in seiner Fußballerlaufbahn war, erinnert sich Yakin gerne an die Herzlichkeit der Menschen zurück, weniger gerne an den „bitteren Abschied“, wie er sagt. „Wir haben damals einen erfolgreichen Fußball gespielt.“ Aber dann habe der damalige Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder unverständlicherweise Trainer Joachim Löw entlassen. Winfried Schäfer sei gekommen, und er sei in die Türkei gegangen. Seit 2021 ist Murat Yakin Nationaltrainer bei den Schweizern, die nach dem 3:1-Sieg gegen die Ungarn und dem Unentschieden gegen die Schotten fast schon sicher im Achtelfinale stehen. Egal wie die Partie am Sonntag in Frankfurt ausgeht. „Aber sicher ist, wir wollen die Deutschen ärgern“, sagte der Chefcoach grinsend.
Telefonate mit Thomas Berthold und Franz Wohlfahrt
Gefreut hat sich Murat Yakin, als Axel Schmieg einige seiner ehemaligen VfB-Teamkollegen angerufen hat. Etwa Thomas Berthold, der mittlerweile in der Schweiz lebt. „Ich war am Sonntag in Stuttgart im Stadion. Die Ungarn hatten auch ihre Chancen, und ich bin sicher, die Schweizer werden den Deutschen nichts schenken. Ich werde es mir im Fernsehen anschauen.“ Auch der Österreicher Franz Wohlfahrt, der damals bei den Stuttgartern im Tor stand, erhielt einen Anruf aus Winterbach und verriet, dass er sich gedanklich auf das zweite Gruppenspiel der österreichischen Nationalmannschaft gegen die Polen am Freitag vorbereite. „Es ist unser Schicksalsspiel bei dieser EM.“
Die Partie in der Gruppe B zwischen Spanien und Italien hatte nicht die entscheidende Bedeutung für eines der beiden Teams. Aber die 0:1-Niederlage nach dem Eigentor von Riccardo Calafiori hat die Tifosi beim Public Viewing in Fellbach dennoch in ein Tal der Tränen gestürzt. Die Stadt am Fuße des Kappelbergs, wo mehr als 3000 Italiener leben, ist seit etlichen Welt- und Europameisterschaften der italienische Hotspot in der Region Stuttgart.
„Italia, Italia!“ hallte es nur anfangs über den Stuttgarter Platz, zu groß war die spanische Übermacht; mit der knappen Niederlage war die Squadra Azzurra noch gut bedient. So gab es auch anschließend keine Jubelfeiern und keine den Verkehr lahmlegenden Autokorsos. Die vor Ort eingesetzten Polizisten erlebten eine vergleichsweise ruhige Nacht – allerdings sorgten ein paar gezündete Böller für Verdruss. „Meine Wände haben gewackelt“, so eine erschrockene Anwohnerin.
Nächste Chance für eine richtige italienische Party ist am Montagabend, wenn es um 21 Uhr gegen Kroatien um den Einzug ins Achtelfinale geht. Sollte Italien gewinnen, dürften wieder manche Wände wackeln.