Maurizio Gaudino (li., im Zweikampf mit Damiano Tommasi) bei einem Legendenspiel der DFB-All-Stars gegen die Azzurri Legends Foto: imago images/Bernd Müller/Bernd Müller via www.imago-images.de

Ex-Nationalspieler Maurizio Gaudino ist ein Kenner des italienischen Fußballs. Muss der Titelverteidiger um den Einzug ins EM-Achtelfinale zittern? Der frühere VfB-Profi schätzt die Lage vor der Partie gegen Kroatien ein.

Die italienische Fußball-Nationalmannschaft konnte sich für die vergangenen beiden Weltmeisterschaften nicht qualifizieren, ist bei der laufenden EM aber als Titelverteidiger am Ball. An diesem Montag (21 Uhr/ZDF) geht es gegen Kroatien um den Achtelfinaleinzug. Maurizio Gaudino äußert sich zu den Stärken und Schwächen der Squadra Azzurra und zu ihrem Trainer.

 

Herr Gaudino, wird der Einzug ins Achtelfinale für Italien womöglich zur Zitterpartie?

Puh, das will ich nicht komplett ausschließen. Die Italiener sind keine Raketenmannschaft, die ein Tor nach dem anderen schießt. Alles ist offen, es wird spannend, aber ich erwarte von einem amtierenden Europameister, dass er Kroatien schlägt.

Sollte es dennoch eine Niederlage geben . . .

. . . braucht Italien Schützenhilfe von Spanien gegen Albanien und muss hoffen, dass sie als einer der vier besten Gruppendritten dennoch in das Achtelfinale einziehen. Die EM zeigt, dass vieles möglich ist, aber selbst wenn die Spanier rotieren, werden sie das Spiel gewinnen. Jeder, der neu ins Team kommt, kämpft um einen Stammplatz und wird Vollgas geben.

Wie schätzen Sie die Squadra Azzurra bisher ein?

Das erste Spiel gegen Albanien fand ich überraschend gut. Wie die Mannschaft den Schock des Gegentors nach 22 Sekunden weggesteckt und das Spiel gedreht hat, war aller Ehren wert. Das Spiel gegen Spanien war dann eine einzige Enttäuschung. Da ich bei einer Veranstaltung war, konnte ich nicht alles live sehen, aber ich muss sagen, was Spanien zeigte, war nahe der Perfektion. Sie können sich bei der EM nur selber schlagen, indem sie ihre Chancen nicht verwerten und irgendwann im Elfmeterschießen verlieren.

Italiens Trainer Luciano Spalletti zeigte sich selbstkritisch.

Ja, er gestand Fehler in der Trainingssteuerung ein, die Spanier seien spritziger gewesen, seine Spieler hätten mit dem Tempo nicht mithalten können. Das war ja auch so. Die Spanier flogen an den Italienern vorbei, als seien sie nicht da. Italien wirkte bei den Kontern träge. Das Team in Schutz zu nehmen, selbst die Verantwortung zu übernehmen, das ehrt den Coach. Ich hoffe, das Spanien-Spiel war ein Ausrutscher.

Wie ist sein Standing im Land?

Sehr gut. Spalletti holte 2023 nach 33 Jahren mit dem SSC Neapel wieder den Meistertitel und führte den Club erstmals in der Vereinsgeschichte ins Champions-League-Viertelfinale. Nach seinem Einstieg als Nationaltrainer im September 2023 hat er einen großen Umbruch eingeleitet. Ähnlich wie teilweise Julian Nagelsmann baut er auf Spieler, die froh sind, überhaupt dabei zu sein.

Tiefe Zweifel durch verpasste WM

Wie sehr hatten die verpassten WM-Teilnahmen 2018 in Russland und 2022 in Katar Zweifel hinterlassen?

Die Schmach, zweimal in Folge nicht bei einer WM dabei zu sein, hat sogar tiefe Zweifel hinterlassen. Solche Misserfolge nagen am Selbstvertrauen, die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit sind erst einmal weg. Andererseits hat Italien oft aus der Stimmung einer Fußballkrise heraus überraschende Titelgewinne erkämpft – wie eben bei der WM 2006 oder bei der EM 2021.

Die Starspieler fehlen inzwischen?

Eindeutig, aber alle sind taktisch gut geschult. Italien hat einen guten Torwart, eine gute Abwehr, aber eben auch ein Sturmproblem. Es gibt nicht wie 1982 einen Paulo Rossi oder wie 1990 einen Toto Schillaci – und auf Ciro Immobile hat Spalletti freiwillig verzichtet.

Und die Torjäger-Hoffnung Gianluca Scamacca?

Der Europa-League-Titel mit Atalanta Bergamo gab ihm einen Schub. Er macht Hoffnung, ist aber kein Filigrantechniker, eher ein Strafraumspieler, ähnlich wie Niclas Füllkrug.

Was ist Ihnen bisher bei der EM aufgefallen?

Da fallen mir neben den Eigentoren und den Traumtreffern aus der Distanz vor allem die gravierenden Fehlentscheidungen ein. Es kann doch nicht sein, dass nur geschaut wird, ob einer im Strafraum die Hand am Ball hat oder nicht. Es muss doch auch möglich sein, wenn zum Beispiel eine für jeden im Stadion ersichtliche, völlig unberechtigte Ecke direkt zu einem Tor führt, den VAR (Anm. d. Red.: Video Assistant Referee) einzuschalten. Für mich ist das Ganze nicht mehr greifbar, nicht schlüssig, nicht konsequent. Damit habe ich ein Riesenproblem. Dann die Technik lieber sofort ganz abschaffen.

Offensive Außenverteidiger

Was trauen Sie Deutschland zu?

Sehr viel, auch den Titel. Zu Hause wäre mir eine Viertelfinalteilnahme ohnehin auch viel zu wenig. Doch die schweren Brocken kommen erst noch. Wir haben ein in der Offensive starkes Team. Gegen noch stärkere Gegner wie die Spanier mit ihrem überragenden Pressing könnten wir in der Defensive Probleme bekommen, dann besteht die Gefahr, dass wir hinten schwimmen. Zumal unsere Außenverteidiger offensiv denkende Spieler sind.

Einer davon ist Maximilian Mittelstädt vom VfB Stuttgart.

Ja, und ich fand es auch klasse, dass gegen die Ungarn Deniz Undav und Chris Führich bei ihrem Heimspiel in Stuttgart zum Einsatz kamen. Es zeigt, wie schnell es im Fußball inzwischen gehen kann, wenn man zur richtigen Zeit beim richtigen Club ist.

Was trauen Sie dem VfB in der neuen Saison zu?

Zum einen muss man sehen, wie die Spieler mit ihrem neuen Stellenwert umgehen. Sie dürfen nicht vergessen, wo sie herkommen, und müssen ihre Leistungen bestätigen. Zum anderen ist der Verein nun ein Champions-League-Club und kein Außenseiter mehr. Wenn es mal nicht so läuft, gilt es, ruhig zu bleiben, nicht gleich alles über den Haufen zu werfen, Geduld mit dem Trainer zu haben. Ein achter Platz darf nicht als Misserfolg angesehen werden.

Wer holt den EM- Titel?

Ich wünsche mir Deutschland oder Italien, aber die Spanier sind schon in allen Mannschaftsteilen verdammt stark.

Zur Person

Karriere
Maurizio Gaudino wurde am 12. Dezember 1966 in Brühl geboren. Seine Eltern stammen aus der Region Kampanien in Italien. Erste Fußballstation im Männerbereich war der SV Waldhof Mannheim. Nach seiner Zeit beim VfB Stuttgart (1987 bis 1993) spielte der offensive Mittelfeldspieler u. a. auch für Eintracht Frankfurt und den VfL Bochum. Er bestritt fünf A-Länderspiele für Deutschland.

Persönliches
Gaudino gründete 2013 das Kaffeeproduktions-Unternehmen Mauri & Peppe mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen, nebenbei arbeitet er noch als Spielerberater. Der Ex-Profi ist verheiratet mit Wiebke. Sein Sohn Gianluca (27) galt in der Jugend beim FC Bayern München als großes Talent, zuletzt spielte er beim österreichischen Zweitligisten SV Strimpfing. Weitere Kinder sind Giulia (29) und Massimiliano (13). (jüf)