Die Erinnerungen an die WM 2006 sind bei vielen Menschen allgegenwärtig. Der Ex-Stürmer Cacau blickt vor der Heim-EM aber auch auf die sportlichen Perspektiven der deutschen Nationalmannschaft.
Als Cacau 2006 in den Urlaub flog, da wunderte er sich. Die Fußball-WM in Deutschland stand unmittelbar bevor, und auf den Straßen war wenig von der Begeisterung der hiesigen Bevölkerung zu sehen und schon gar nichts von Nationalstolz zu spüren. „Das kannte ich von Brasilien ganz anders. Da waren bei Heimturnieren im Vorfeld die Straßen immer bemalt, und es wurden überall Nationalflaggen geschwenkt“, erzählt der Ex-Profi des VfB Stuttgart. Hierzulande herrschte Zurückhaltung. Verstanden hat er das damals nicht. Er ließ sich die historischen Zusammenhänge erklären.
Wenig später kehrte Cacau aus seinem Geburtsland in seine Wahlheimat zurück und betrat ein verändertes Land. Das zweite Gruppenspiel gegen Polen in Dortmund stand an. Deutschland gewann durch ein Tor in der Nachspielzeit mit 1:0. „Es gab bei den Menschen keine Hemmungen mehr. Das war eine Wende, wenn man diesen Begriff in diesem Zusammenhang benutzen darf“, erinnert sich der 43-Jährige. Das Sommermärchen nahm seinen Lauf, Deutschland präsentierte sich bunt und ausgelassen wie nie.
Was macht das Heimturnier mit den Spielern?
Nun soll sich das Ganze wiederholen. Sommermärchen 2.0 ist für die EM 2024 ein von Verbandsfunktionären gerne verwendeter Werbeslogan. Cacau ist da vorsichtig mit dem Streben nach einer Kopie. „Ich wünsche mir aber, dass die Freude zurückkommt. Auch wenn der Fußball nicht alles, was auf der Welt gerade passiert, heilen kann“, sagt der gläubige Christ, der als ehemaliger deutscher Nationalstürmer vor allem sportlich auf die EM im eigenen Land blickt. „So ein Heimturnier macht etwas mit den Spielern“, sagt Cacau, „das ist Motivation hoch zehn.“
Doch darin liegt auch eine Gefahr. Siehe Brasilien bei der WM 2014. Die Gastgeber ertranken am Ende förmlich in einem Tränenmeer, weil sie völlig überreizt waren und weder die eigenen noch äußeren Erwartungen erfüllen konnten. „Diese vielen Emotionen muss man kontrollieren, und wenn die Spieler losgelassen werden, müssen sie explodieren“, sagt Cacau. Das werden die deutschen Nationalspieler auch, ist der WM-Dritte von 2010 überzeugt.
Die beiden gewonnenen Länderspiele gegen die starken EM-Teilnehmer Frankreich und die Niederlande im März geben nicht nur dem Fachmann Hoffnung, sondern auch den Fans. „Es kann weit gehen“, sagt Cacau, „denn die Mannschaft ist hungrig – und ein Erfolg wäre natürlich auch gut für die Stimmung rund um das Turnier.“ Die Nullnummer gegen die Ukraine im vorletzten Test bestätigte den spielerischen Aufwärtstrend – auch wenn trotz vieler Chancen kein Tor gelang. Die Generalprobe gegen Griechenland gelang mit dem 2:1 zumindest vom Ergebnis her. Am Freitag erfolgt dann für die Nationalelf der EM-Anpfiff gegen Schottland.
Mit einer Kadermischung, die Cacau für spannend hält, soll der ersehnte Siegeszug angetreten werden. Weil auf der Liste des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) eine Reihe gestandener Profis auftaucht wie die Weltmeister Manuel Neuer, Toni Kroos und Thomas Müller. Und in Joshua Kimmich und Ilkay Gündogan gibt es zwei weitere Ausnahmekönner, die über reichlich internationale Erfahrung verfügen.
Nationalspieler mit Brüchen in der Karriere
Dazu kommen neuerdings Spieler, die Brüche in ihren Karrieren aufweisen und erst spät in den Elitekreis gelangt sind. Wie Deniz Undav vom VfB Stuttgart oder Robert Andrich von Bayer Leverkusen. Chris Führich, Maximilian Mittelstädt und Waldemar Anton aus der Schwaben-Connection zählen ebenfalls in diese Kategorie. „Ich sehe es total positiv, wenn eine Mannschaft sich resilient zeigt. Da glauben die Spieler nicht bei jedem Widerstand, dass die Partie verloren ist“, sagt Cacau.
Eine Frage der Mentalität ist das – und Julian Nagelsmann hat diese Typen sehr bewusst in seinen EM-Kader berufen, um das Team aus dem alten Trott zu reißen und auf einen neuen Weg zu bringen. Mit Künstlern und Arbeitern, denen alle eine klare Rolle im Mannschaftsgefüge zugeteilt ist. „Wir wollen einen Fußball spielen, der Spaß macht, der die Menschen unterhält“, sagt der Bundestrainer. Und der erfolgreich ist.
Für Cacau stehen in der DFB-Elf vor allem zwei Namen, die einen neuen Zauber entfalten können: Jamal Musiala und Florian Wirtz. „Über sie brauchen wir nicht wirklich zu sprechen. Sie bringen Frische in die Mannschaft und sorgen für die besonderen Momente“, sagt der in Santo André geborene Ex-Stürmer. Dabei hat der in Korb lebende Familienvater noch einen dritten Offensivspieler im Sinn, der häufig kritisiert wird, aber Extraklasse verkörpert – Leroy Sané: „Er ist für mich einer der besten Spieler Deutschlands.“ Zusammen soll das eine Einheit ergeben, die wie 2006 Hochgefühle auslöst und mit der sich das ganze Land identifizieren kann. Im Idealfall über die 31 Turniertage hinweg, vom Eröffnungsspiel in München bis zum Finale in Berlin.